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F.A.Z.-Leseprobe: Einführung Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben

15.09.2009 ·  Ein Meisterwerk der aktuellen Kulturwissenschaft ist zu entdecken. Ulrich Raulff ist es gelungen, ein höchst spannendes Buch über den politisch brisanten Dichter und Charismatiker Stefan George zu schreiben, ohne dass dieser aufträte. Einführung und erste Folge unserer exklusiven F.A.Z.-Leseprobe.

Von Lorenz Jäger
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Was geschieht, wenn in einem Kreis, der sich um einen charismatischen Dichter und Meister geschart hat, die Mitte ausfällt? Wir haben in den vergangenen Jahren zu Stefan George und den seinen zwei große, in sich gegensätzliche Darstellungen gesehen; die von Robert Norton (von der inzwischen keiner mehr spricht) und die von Thomas Karlauf, die in dieser Zeitung zum Vorabdruck kam.

Nun ist Ulrich Raulff, Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, das Wagnis eingegangen, ein George-Buch zu schreiben, in dem der Meister nicht mehr auftritt: Mit dem Augenblick, da sein Herz zu schlagen aufhört, setzt die Geschichte ein. Sie ist darum nicht weniger dramatisch. Ihre Wege führen in den Nationalsozialismus und in den Widerstand, auch ins amerikanische Exil. So hatte George nicht einmal ganz unrecht, als er seine Gedichte als die Mitte eines „Neuen Reiches“ verstanden wissen wollte: Kein anderes Land kennt im zwanzigsten Jahrhundert ein dichterisches Werk, das in vergleichbarem Maße zum Schnittpunkt auch der politischen Kampflinien geworden wäre wie dieses.

Das Hakenkreuz herausgeschnitten

Raulffs Geschichte kennt die Deutungskämpfe um das Erbe des Meisters, die schon einsetzen, als Ernst von Weizsäcker, der Vater des späteren Bundespräsidenten, am Grab einen Kranz des Deutschen Reiches niederlegt, aus dem über Nacht das Hakenkreuz herausgeschnitten wird.

Noch nie wurde die Nachgeschichte von Georges Wirkung so eindringlich beschrieben. Unterwegs wird mit Legenden aufgeräumt, die sich die Adepten über ihre eigene Nähe zum Dichter fabriziert hatten. Auch Dissidenten und ungetreue Schüler wie Rudolf Borchardt, der Dichter und Essayist, werden behandelt. Raulff ist das Kunststück gelungen, eine Darstellung zu schreiben, die den höchsten akademischen Ansprüchen genügt, zugleich aber die höhere Unterhaltung des Lesers nicht vernachlässigt: ein Meisterwerk der heutigen Kulturwissenschaft ist zu entdecken.

>>> Zur ersten Leseprobe

Vorab veröffentlichen wir in fünf täglich neuen Folgen das erste Kapitel von Ulrich Raulffs „Kreis ohne Meister“. Am Samstag wird das Buch dann, ebenfalls unter faz.net/george, in einer großen Rezension besprochen.

Nutzen Sie für erste Einschätzungen, offene Fragen und ähnliches die Leserkommentar-Funktion unter den Leseproben.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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