25.02.2010 · Von ihrem Erstling war das literarische Deutschland gleich elektrisiert. Herta Müllers „Niederungen“ verblüfften 1984 durch die Reife, mit der die junge Autorin den stillen Horror ihrer Heimat schilderte. Jetzt erscheint das Debüt der Nobelpreisträgerin erstmals ungekürzt.
Von Felicitas von LovenbergAls 1984 im Berliner Rotbuch Verlag das Buch einer noch unbekannten Autorin mit bescheidenem Namen erschien, das unter dem schlichten Titel „Niederungen“ auf bislang ungehörte, verstörende und zugleich konzentriert poetische Weise von einer Kindheit im Banat erzählte, war das literarische Deutschland wie elektrisiert. Rolf Michaelis entdeckte in der „Zeit“ eine Erzählerin, der es gelingt, „die Fäden der Wirklichkeit so zu lockern, dass jede Sicherheit verlorengeht“ - außer der des Rezensenten, es mit einem außergewöhnlichen Buch zu tun zu haben. Und der Schriftsteller Friedrich Christian Delius sprach im „Spiegel“ von einem „mitreißenden literarisches Meisterstück, das zugleich einen weißgrauen Flecken auf der Landkarte erschließt. Herta Müller zieht den Schleier von einer deutschen Enklave, und sie braucht dabei weder auf die Geschichte einzugehen noch auf die gegenwärtige Politik Ceauşescus, unter der auch sie schikaniert wird. Mit ihrer Beobachtungsfähigkeit und ihrer Sprache setzt sie eigene Maßstäbe.“
In ihrem Debüt, das wir von heute an als Leseprobe vorstellen, erzählt Herta Müller vom stillen Horror des archaischen Dorflebens, von der Rohheit der Beziehungen, von der tagtäglichen Schwere der bäuerlichen Arbeit, der Ansteckungsgefahr der Brutalität. Aus der Perspektive eines Kindes beschwören die teilweise nur wenige Seiten langen Stücke eine albtraumhafte Welt herauf, in welcher die Angst und der Tod nie weit sind. Die Ordnung der Dörfler ist die der tickenden Uhr, der eingeübten Abläufe, der Gedankenschablonen und Satzhülsen; um nicht daran zu ersticken, erschafft sich das Mädchen eine Gegenordnung im Kleinen, die auf die Natur, die Tiere und die kleinen alltäglichen Verrichtungen achtet und gefundene Worte neu einsetzt. Ein wundersamer Vorgang - und doch ein fragwürdiger Trost für das Kind, in dessen Kopf und Herz sich die emotionale und materielle Kargheit seiner Umgebung für immer einbrennt. Indem sie die Normalität ein Stück weit verrückt und so in surrealistischer Manier das Sonderbare im Alltäglichen aufscheinen lässt, entlarvt Herta Müller Aberglauben, Bigotterie, Neid und Lügen einer Gemeinschaft, die nur die Angst eint.
Erstmals ungekürzt
Von einem Debüt-, oder gar Versuchscharakter der „Niederungen“ war schon damals nichts zu spüren. Die Autorin, die mit diesem schmalen Band so selbstverständlich wie entschieden die Bühne betrat, hatte nichts von einer Anfängerin an sich. Und schon damals gehörte zu ihrer Sprachverliebtheit und ihrem Beschreibungsfuror stets auch politische und charakterliche Deutlichkeit. Dass sie alles, was man nach diesem Erstlingswerk nur irgend von dieser Autorin erhoffen durfte, mehr als eingelöst hat, hat der Literaturnobelpreis auf triumphale Weise nur bestätigt.
Die allererste Ausgabe der „Niederungen“ war 1982 in dem deutschsprachigen Untergrund-Verlag Kriterion in Bukarest erschienen; für die Rotbuch-Fassung hatte die junge Autorin das Manuskript aus Rumänien herausschmuggeln können. Was ihre Leser in Deutschland damals nichts wussten: statt der fünfzehn Prosaminiaturen, die sich um die knapp achtzigseitige Titelgeschichte „Niederungen“ gruppierten, gab es derer neunzehn; darüber hinaus waren Kürzungen auch innerhalb der einzelnen Kapitel vorgenommen und die Reihenfolge verändert worden. Diese Änderungen blieben in den zahlreichen Auflagen, die das Buch in den folgenden Jahren erfuhr, bestehen - bis jetzt. Denn jetzt erscheint im Hanser Verlag erstmals die vollständige Ausgabe der „Niederungen“ inklusive der vier bislang fehlenden Kapitel. Außerdem hat Herta Müller den gesamten Text noch einmal durchgesehen und korrigiert, die Streichungen überprüft und teilweise rückgängig gemacht.
Zur ersten Folge der F.A.Z.-Leseprobe „Niederungen”
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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