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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 5 Das aufschließbare Himmelreich

05.02.2010 ·  Zurück daheim in Scherblingen, geht unser Held als erstes in die Stiftskirche - nicht um zu beichten oder zu beten, sondern um zu träumen. Denn Augustin Feinleins heimliche Sehnsucht ist es, im Ruhestand Mesner zu sein. „Basta“: Letzte Folge unserer Leseprobe von Martin Walsers Novelle.

Von Martin Walser
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3. Rudolf Breitwieser und ich sind gleich lang in Scherblingen. Dreißig Jahre. Er ist der Mesner der Stiftskirche, ich Chefarzt des PLK. Breitwieser ist aus Brauchhausen, also keine zehn Kilometer von Letzlingen. Allerdings war er schon vierzig, als er hier anfing. Mir musste er auffallen, weil er, was er in der Kirche tat, mit einem fast schon peinlichen Ernst tat. Ich sitze ja immer wieder ohne Anlass im Kirchendämmer und lasse Zeit vergehen. Wenn der hinkende Breitwieser in der leeren Kirche von links, vom Glockenstuhl, nach rechts in die Sakristei geht, dreht er sich jedesmal zum Hochaltar, macht eine tiefe Kniebeuge und bekreuzigt sich. Und wenn er von der Sakristei zurück zum Glockenstuhl hinkt, wieder die Kniebeuge und das Kreuzzeichen. Und das immer in der ausführlichsten Art, die man, glaube ich, die orthodoxe nennt. Wir sind fast Freunde geworden. Er hat mir einen Schlüsselbund gegeben, ich kann jeder Zeit in die Kirche, ich kann sogar in die Sakristei und dort alles, was verschlossen ist, öffnen. Ich habe ihn nicht belogen, als ich sagte, dass ich manchmal den Wunsch hätte, bei den Gefäßen und Gewändern zu sein, die die Gläubigen nur von fern zu sehen kriegten. Seit ich ihn wissen ließ, dass der letzte Scherblinger Abt, der Reichsprälat Eusebius, ein Vorfahr von mir war, darf ich in der Kirche tun, was ich will.

Es gibt eine Sehnsucht, die nichts von sich weiß. Erst wenn man sich ihr überlässt, erfährt man, wohin sie einen haben will.

Es war an Maria Heimsuchung. Ich wollte wieder einmal die Dämmerung in der Kirche verbringen. Breitwieser wollte die Kirche gerade verlassen. Wir gehen nie nur grüßend an einander vorbei. Diesmal war er es, der anfing. Im Dezember wird er siebzig. Schluss mit Mesner. Ich weiß nicht, warum mir dazu nichts anderes einfiel als der Satz, dass ich Lust hätte, sein Nachfolger zu werden. Er lachte und sagte, er werde das dem Pfarrgemeinderat melden. So redeten wir draußen vor dem Portal. Er ging dann, drehte sich aber noch einmal um und sagte viel ernster: Die Vorbildung, Herr Professor! Haben Sie die?

Weil ich nicht gleich antwortete, sagte er: Ich, zuerst Metall-Lehrling, Abendabitur, Pflegerschule hier, durchgefallen, von 130 sind 19 durchgefallen, ich einer von ihnen, danach ging's abwärts. Geflohen. Auch vor mir selber. Nachts in Mannheim irgendwo geschnappt von den Agenten der Legion. Mannheim, Karlsruhe, Straßburg, Marseille, Saigon. Dschungelkrieg. Wenn es hinter dir raschelt, schießt du, schon bevor du dich umgedreht hast. Dann siehst du: Es war nur eine Frau. Oder ein Kind. Die Kugel im Bein ist die Rettung. Zurück. Da wartet nur der Alkohol. Bis ich hier in der Kirche hock und Pfarrer Weimer kommt. Ich sofort: Alkoholiker! Heute trocken. Das ist AA-Jargon. Der Pfarrer weiß Bescheid; das heißt: Seit einem Jahr. Und nimmt mich mit. Bringt mir die Mesnerei bei. Von selber kann man das nicht. Nichts für ungut, Herr Professor. Sie sind ja noch nicht im Gelände gewesen, als sie mich hier haben durchfallen lassen.

Und ging. Das war eine Lektion. Weil ich so dahingesagt hatte, dass ich sein Nachfolger werden möchte. Das hat er zuerst für einen Witz gehalten, dann für eine Anmaßung.

Breitwieser ging heim, ich in die Kirche. Ich sitze immer so, dass ich hinaufschauen kann auf Norberts gemaltes Leben. Auf den sich sträubenden Knaben.

Ad omne opus bonum paratus. Zu jedem guten Werk bereit. Wenn ich Breitwieser den Prämonstratenser-Spruch gesagt hätte, hätte ich ihn erst recht verstimmt. Wenn ich sage, dass ich gern Mesner der Stiftskirche wäre, ist das, so lustig es klingen mag, ernst gemeint.

Ich konnte ihm und kann ihm immer noch nicht sagen, wie ich das gemeint habe. Mesner der Stiftskirche. Alle Bewegungen so peinlich ernst exekutieren wie Breitwieser. Eine alle Nachfrage abweisende Konzentration auf das, was ich in der Kirche zu verrichten habe. Dr. Bruderhofer darf nicht den Übermut haben zu fragen: Warum macht er das? Kein Tag länger Chefarzt. Bitte, Herr Dr. Bruderhofer, ergreifen Sie das Ruder, segeln Sie das Schiff Scherblingen, wo Sie's hinhaben wollen. Aber lassen Sie mich in Ruhe. Keine Nachfrage. Kein Kommentar. Jedem, der mich mein Mesneramt verrichten sieht, muss jede Frage im Hals stecken bleiben. Wie könnte ich Herrn Breitwieser dazu bringen, mich dem Pfarrgemeinderat zu empfehlen? Herr Professor Dr. Dr. Augustin Feinlein will in seinem Ruhestand Stiftskirchen-Mesner sein. Basta.

So lange ich in der Kirche sitze und Zeuge werde, wie die Dämmerung das Licht schluckt, wie die Stille alles andere als lautlos ist, erlebe ich, wie mich alles, was mich hier umgibt, trägt. Wenn die Luft das Element ist, das Vögel und Flugzeuge trägt, wenn das Wasser das Element ist, in dem die Fische leben, dann ist diese Kirche mein Element. Als 1803 der Staat allen Klöstern das Ende befahl, mussten auch die Scherblinger Mönchspriester Weltpriester werden. Aber mein Vorfahr, jetzt kein Reichsprälat mehr im Fürstenrang, durfte in den Konventsgebäuden bleiben. Zwei Jahre nach der Aufhebung war die Gelübde-Erneuerung fällig. Von den neununddreißig Chorherren fehlten nur drei. Sechsunddreißig kamen noch einmal hierher, um sich als Prämonstratenser zu bekennen. Und waren ein Tag später wieder in den Gemeinden, denen sie jetzt als Priester dienten. Der Vorfahr aber fing an zu schreiben. Jetzt hatte er Zeit Kein Prior mehr, der ihm die Pflichtenliste vorhielt. Gemeinnützige Schriften, nannte er, was er schrieb. Und sein Thema: Die Reliquien-Verehrung. Es gebe keine Weltgegend, schrieb er, die reicher sei an Reliquienschätzen als das Land zwischen Donau und Bodensee. Und schilderte, wie sein Vorgänger, der Abt Benedikt Mangold, die Heiligblutreliquie vor dem Zugriff der wütenden Bauern hatte retten können. Das war am 17. Mai 1525. Die Bauern zerschlugen, was ihnen in die Hände fiel. Sie hatten einen Zorn auszutoben, der in Jahrhunderten gewachsen war. Dass sie dem Kloster untertan waren, leibeigen untertan. Dass das Kloster von ihnen verlangen konnte, was es wollte. Jeden Todesfall mussten sie mit Hab und Gut bezahlen. Den besten Rock, die beste Kuh, das beste Getreide. Der Abt hat, wie jeder weltliche Herr, jedes Dorf mit allem Drum und Dran verkaufen können an jeden, der kauflustig war. Die Äbte anderer Klöster flohen in die Städte. Benedikt Mangold rettete sich mit der Heiligblutreliquie durch eine Geheimtür in eine Art Wandschrank. Zwei Tage und zwei Nächte, teilt er mit, habe er da drin gebangt und gebetet. Und war doch selber ein Bauernbub aus der Gegend, ein Untertan, sprich Leibeigener, der jedem neuen Herrn, sei er Abt oder Fürst, hat huldigen müssen, also schwören, dass er nicht aus dem Dorf weglaufe, um in der Stadt ein Mensch zu werden. Und wer nicht so ein elender Untertan hat bleiben wollen, ist ins Kloster eingetreten, hat Latein gelernt und hat in Dillingen studiert und ist dann Chorherr gewesen oder Prior oder gar Abt, Reichsprälat, also einer den Fürsten gleich. Mit eigenem Wappen und Hermelin um den Hals. Und hat allein gegessen, der Abt und Reichsprälat. Und konnte regieren. Gut, mein Vorfahr, zuerst Franz Feinlein, habe sich, als er zweiunddreißig Jahre alt war und von den sieben Wahlmännern, den Compromissarii, die die neununddreißßig Chorherrn bestimmten, gewählt wurde, er habe sich, schreibt er, mit Tränen gesträubt. Auf den Boden habe er sich geworfen, vor seine Mitbrüder hin. Sie haben auf ihrer Wahl bestanden und so ist er Abt, Reichsprälat, Kirchenfürst gewesen bis zum Jahr 1803, als der Staat die Klöster auflöste. Um sich an ihnen zu bereichern. Und aufgeklärte Redensarten zu dreschen.

Der Abt Benedikt schrieb ins Klostertagebuch, er habe sich am 17. Mai 1525 nicht nach Biberach oder Ravensburg gerettet, weil er die Heiligblut-Reliquie nicht gefährden durfte. Dass er die Reliquie vor den aufrührerischen Bauern gerettet habe, das sei ein Dienst, den er den Bauern habe erweisen müssen. Die hätten in ihrem berechtigten Zorn über ihre elende Lage auch das Heiligste nicht schonen können. Dass ihm das gelungen sei, nennt er die wichtigste Handlung in seinem Leben. Mein Vorfahr Eusebius hatte sein erstes Erlebnis mit einer Reliquie als Student. An der Jesuiten-Universität in Dillingen, wo die meisten Chorherren und Äbte der Klöster des ganzen Landes sich ausbildeten, stand er kurz vor der Abschlussprüfung. Und da er als Letzlinger Bauernsohn, als siebtes Kind der Familie, nicht mit Selbstbewusstsein ausgestattet worden war, hatte er Angst, die Prüfung nicht zu bestehen. Das wäre das böse Ende seiner erwünschten Laufbahn gewesen. Und es stand gerade bevor die Hundertjahrfeier des Empfangs des Leibes des Heiligen Saturnin. Von Rom über Luzern und Meersburg ins Prämonstratenser-Kloster Weißenau. Dort seit hundert Jahren eine Sensation. Unzählige Wunder jeder Art bewirkte der heilige Saturnin bei denen, die ihn besuchten. Saturnin wurde jahrzehntelang ein Modename. Auch ein jüngerer Bruder von Franz Feinlein war schon Saturnin getauft worden. Nicht nur ein kostbares Teilchen, sei es ein Haar, ein Schuh oder ein Tropfen Blut, nein, dem Weißenauer Kloster war es gelungen, den ganzen Leib eines heilig gesprochenen Märtyrers zu erwerben. Den ganzen Leib, das heißt, das ganze Gebein. Das wurde damals vom 24. August, dem Bartholomäustag, bis zum 28.August, dem Tag des heiligen Augustin, stürmisch gefeiert. Vier Äbte trugen den Leib Saturnins, ein Bischof den Kopf, in einer triumphalen Prozession durch die prangende Natur. Und hundert Jahre später die Translationsfeier noch einmal. Und diesmal war Eusebius Feinlein, der noch Franz geheißen hat, dabei. Im September musste er in die Prüfung, also wallfahrtete er eilig von Dillingen nach Weißenau und wurde Zeuge der Jubiläums-Prozession. Und hörte, wie ein Bischof allen die Urkunde vorlas, die vor hundert Jahren von Rom mit dem Gebein des Saturnin nach Weißenau gekommen war, als Echtheitsnachweis. Und Franz merkte sich jedes Wort und schrieb's in seinen Worten ins Tagebuch: Weil es Zweifel gegeben hat, ob in dem Sarg unterm Laurentius-Altar in Rom wirklich Saturnin ruhe, wurde im Beisein von Edlen und Gemeinen der hölzerne Sarg, der in einem Marmor-Schrein aufbewahrt worden war, geöffnet. Und weltliche und geistliche Würdenträger überprüften mit eigenen Händen, dass in dem Sarg alle Gebeine waren, die zum Leib eines Menschen gehören.

Eusebius konnte sogar einen Mönch überreden, ihn Saturnins heiliges Gebein berühren zu lassen. Die Prüfung in Dillingen wurde mit Auszeichnung bestanden. Franz konnte Eusebius werden. Das Kapitel, in dem er das erzählt, überschreibt er: Gedencket zuruck an die vorigen Zeiten. Er schrieb jetzt ja in deutscher Sprache und ließ, was er verfasste, in der Scherblinger Druckerei Unold drucken.

Aber das Motto blieb doch im schlichten Latein: De forti dulcedo. Vom Starken kommt Süßes.
Ach Eusebius.

Quelle: Berlin University Press / Martin Walser
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