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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 4 Vom Schrei zum Gesumm

04.02.2010 ·  Nicht Schriftsteller, Kirchenmaler müsste man sein, denkt Augustin Feinlein, versunken in die Betrachtung bloßer Pilgerfüße bei Caravaggio. Die römische Jenseits-Kur tut ihre Wirkung - und sogar der vermisste Hut taucht aus heiterem Himmel wieder auf: Vierte Folge unserer Leseprobe von Martin Walsers Novelle.

Von Martin Walser
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Aus der Stadt zurückzufinden in die Via delle Penne war jedesmal aufregend. Hinaus kam man von selbst. Zurück erst, wenn man oft genug an der Einmündung vorbeigelaufen war. Auch da: Ich durfte einfach nicht suchen. Ich bin zum Finden verurteilt. Kaum zurück in der ewigen Dämmerung meines Zimmers, des Zimmers 310, wurde ich förmlich überfallen von dem Satz: Rom ist mein Jenseits. Zum Glück musste ich, wenn Sätze mich auf diese Weise überfielen, nicht versuchen, mir die Richtigkeit oder Wahrheit solcher Sätze zu beweisen. Rom ist mein Jenseits. Ganz klar war, dass der Satz keinesfalls hätte heißen können: mein Jenseits ist Rom. Zum Glück gibt es dieses Gefühl, dass ein Satz stimmt. Unnötig dazuzusagen: Für mich. In mir. Rom ist mein Jenseits. Basta. Das Jenseits ist eine andauernde Leistung. Wenn man aus irgendeinem Grund erschöpft ist, stellt es sich nicht ein. Dann ist man reglos, wehrlos, leblos, also nicht so lebendig, dass das Sterben zur Anregung werden könnte. Man wird da weder vernichtet noch nicht vernichtet. Man verdämmert und hechelt vielleicht. Aus der Tiefe rufen wir ... Das Jenseits aber ist ein Schrei. Wenn du wieder Luft hast. Die gewöhnliche Enge hat sich aufgelöst. Anstatt befriedigt oder weise oder dankbar zu ersticken, tust du wieder alles, um Luft zu kriegen. Und kriegst Luft. Soviel Luft wie du brauchst für den Jenseits-Schrei.

Am zweiten Tag ging ich sorglos, angstlos die Ripetta hinunter, aber dann doch auf dem Trottoir, auf dem der Starrer mit dem Drahtdackel nicht stehen würde. Weil er an diesem Tag überhaupt nicht da war, durfte ich das Gefühl haben, den sei ich los geworden. Dann ein kurzes Verharren bei der schönen Römerin, die samt Kind, mit gnädigster Anteilnahme auf die hinaufbetenden Landleute hinabschaut. Es fiel mir wieder schwer, die vom Staub und Dreck der Wege dunklen Fußsohlen des Mannes schmutzig oder dreckig zu nennen, obwohl der Maler sie genau so gemalt hat: dreckig. Aber diesmal blieb ich bei den Händen des Pilgerpaars. Die sind von der Arbeit so mitgenommen, dass beide, Mann und Frau gerade noch die Fingerspitzen zu einander bringen. Da denkt man natürlich, wie perfekt bessergestellte Beter ihre Hände zu falten vermögen. Aber ich wollte diesmal ja nach vorne, zu dem das linke Seitenschiff beschließenden Altar. Kein Altarbild, eine Skulptur. Wieder Maria, und auf ihrem linken Knie das Jesuskind. Maria dell‘ Parto. Maria von der Geburt. Eine Art Muschel schirmt die beiden Säulen links und rechts, und über allem die Schrift VIRGO TUA GLORIA PARTUS. Jungfrau, dein Ruhm ist die Geburt. Oder auch nur: das Kind. Auf jeden Fall: VIRGO.

Der Maler der Pilgermadonna hat eine Römerin seiner Zeit gemalt, der Bildhauer dieser Madonna hat an eine Römerin der Antike gedacht. Und an der linken Seitenwand, der Sarg der Heiligen Monika. Der Mutter Augustins. Da setzte ich mich in eine Bank und versuchte, nichts zu denken. Aber die naseweisen Wörter ließen sich nicht abhalten, mir zu sagen, dass ich doch bei einer Art Satz gelandet war: Du glaubst, was nicht ist. Dann ist es. Schrecklich, diese Unabweisbarkeit der Wörter. Das war noch zu üben, die Gegenwart von Erwünschtem ohne Wörter. Wär ich doch ein Kirchenmaler. Gerade beschäftigt mit einem Deckengemälde, gerade dabei, eine wild entschlossene Engelschar zu malen. Wild entschlossen, diese in den Himmel reichende Kirchendecke zu tragen. Sie stehen mit ihren Füßen in der Luft. Allenfalls auf unsoliden Wolken. Und können doch den gewaltigen Himmel tragen. Im Himmel sitzen die in den Himmel gehörenden Figuren. Die scheinen alles andere als leicht zu sein. Aber meine Engel stemmen die Himmelslast. Die Engel gehören weder in den Himmel noch auf die Erde. Sie gehören in die Luft. Sie wissen gar nicht, was sie stemmen und tragen, aber sie stellen sich etwas vor. Das sieht man ihren sehr entschlossenen Gesichtern an. Sie würden den Himmel genau so stemmen und tragen, auch wenn er leer wäre. Ich werde, so weit es geht, den Engeln physiognomische Ähnlichkeiten mit mir geben. Das muss möglich sein. Mir wird doch immer wieder Knabenhaftigkeit nachgesagt. Die Engel werden mir gleichsehen. Deshalb bin ich Kirchenmaler geworden. Allerdings male ich (bis jetzt) nur Engel. Den Himmel selbst beziehungsweise, was darin ist, Gott und so weiter, überlasse ich meinen Gesellen. Meine Gesellen haben bei mir gelernt. Sie sind wirkliche Künstler. Große Künstler. Größere Künstler als ich es bin. Ich kann ihnen den Himmel und alles, was darin ist, schon überlassen. Gott und so weiter. Ich bin gespannt.

Dass ich den Engeln mein Gesicht geben darf, habe ich gelernt in Aichhalden, dort in St. Michael. Jan Verkade hat es vorgemacht. Als Pater Willibrord von Beuron nach Aichhalden geschickt, hat der die Heiligen an den Kirchenwänden viel zu weit hinaufgemalt. Aus feinster Scheu nämlich. Buben und Mädchen aus Aichhalden hat er in die Höhe gemalt. Als St. Vitus, Johannes, Stephan, Laurentius, Magdalena, Helena, Cunegund und so weiter. Und sich selber als den Bernard von Clairvaux. Alle Haltungen sind Heiligenhaltungen, alle Gesichter sind Aichhalden-Gesichter. Aber in dieser Höhe und Malart sind es genau so Heiligengesichter.
Anbetbar.
Noch wichtiger als durch sein Dorfgesichter-in-die-Höhe-Malen ist mir der Malermönch durch zwei Zeichnungen geworden, in denen er Eva und Maria jedesmal in EIN Bild bringt. Das hat außer ihm in 2000 Jahren, glaube ich, keiner vermocht. Wäre ich Milliardär, würde ich diese Zeichnungen kaufen und sie Eva Maria schenken.

Ich verabschiedete mich von der klassischen Maria und von der anderen auch, dann ging ich die basilikabreite Freitreppe wieder so langsam wie möglich hinab. Aber meine Schuhe zog ich diesmal nicht aus. Und kaufte kein Hemd. Ich summte Maria durch ein Dornwald ging. Das konnte ich summen, ohne an einen Text zu denken. Nicht gleich, aber dann doch. Dann war es nur noch ein Gesumm. Gesumm, du bist mein Jenseits.

Rom hatte mich gestärkt. Objektiv gestärkt. Diese und jene Kleinmütigkeit war zum Verstummen gebracht worden. Und als ich wieder auf Platz 32 A saß und zurückflog und mich schon bereit machte, den eisigen Viertausendern ins Ewigkeitsgesicht zu schauen, kam die Stewardess und brachte mir meinen Hut. Ja, den hatten sie natürlich geborgen und der Passagier 32 A wurde identifiziert und es wurde festgestellt, dass der am dritten Tag zurückfliegen würde. Also es lebe der Service! Da ist Ihr Hut, Herr Professor! Ich bedankte mich, legte den Hut neben mich auf den wieder frei bleibenden Sitz, dann wandte ich mich dem sogenannten ewigen Eis zu. Aber die rechte Hand ließ ich beim Hut. Da er sehr weich ist, war die Hand angenehm beschäftigt. Sie versprach dem Hut, dass er nie mehr vergessen werde, egal, wer sich vor uns aufstellen würde. Es war ein Kraftgefühl. Eine Gefühlsdeutlichkeit. Das sollte ich spüren. Und mir sagen: So ein Wie-auch-immer-Starrer mit dem grobschlächtigsten Karo der Welt kann dich, wenn du von Rom kommst, anstarren so lang er will, du bist unerreichbar. Und ich spürte, wie die rechte Hand und der Hut das mitmachten. Der Hut fühlte sich jetzt sogar an, als wolle er gleich aufgesetzt werden. Dazu war ich nur allzu bereit.

Quelle: Berlin University Press / Martin Walser
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