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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 3 Keine Spur Madonnen-Routine

03.02.2010 ·  Wer an der Schönheit des Jenseits zweifelt, der gehe mit Feinlein Caravaggios „Madonna die Pellegrini“ anhimmeln. In der Basilika seines Namenspatrons wird Augustin aus Letzlingen zum Pilger, der auch den barfüssigen Gang nicht scheut: Dritte Folge unserer Leseprobe von Martin Walsers Novelle.

Von Martin Walser
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Die Freitreppe zur Basilika des Heiligen Augustin stürmte ich hinauf. Jedesmal. Als wäre ich 36 und nicht 63. Drinnen so dunkel wie im Locarno. Schon deshalb möchte das Hotel einen dazu verführen, einfach da zu bleiben. Ich ging wie immer ins linke Seitenschiff und dort zum ersten Altar, zur Madonna dei Pellegrini. So heißt das Bild von Caravaggio, das den Altar bestimmt. Man steht dann genau auf dem Punkt, von dem aus Caravaggio das Bild gesehen und gemalt hat: schräg hinter den zwei Pilgern, die vor der Madonna knien und zu ihr hinaufschauen. Nicht weit hinauf, die Madonna steht nur eine Stufe höher als die zwei Knieenden. Ein Mann und seine Frau. Ein wenig verdeckt der Mann seine rechts von ihm knieende Frau. Er füllt das Bild. Er ist mindestens so wichtig wie die Madonna, zu der beide beten. Barfuß kniet er, Hosen erst ab den Knieen. Seine zwei nackten Sohlen sind so wichtig wie das ein wenig herabgeneigte Gesicht der Madonna und wie das lebhafte Interesse, mit dem das Kind auf das Pilgerpaar hinabschaut. Die Stöcke der beiden zeigen, dass sie von weiter her kommen und dass es Leute aus einem Dorf sind. Solche Fußsohlen hat man nur, wenn man aus einem Dorf kommt. Und Caravaggio hat auf diesem Bild nichts so genau und dadurch schön gemalt wie die Fußsohlen, die der kniende Mann sehen lässt. Die Madonna ist natürlich auch für ihre Schönheit berühmt, weil sie eine junge Römerin ist. Keine Spur Madonnen-Routine. Das Kind kein Hauch Jesuskind. Aber beide schauen so teilnahmsvoll auf das Pilgerpaar hinab wie nur Maria und das Jesuskind auf ein Paar hinabschauen können, das seine Anbetung mit aller Kraft vollbringt. Mehr kann man sich zu nichts anstrengen als dieses Paar sich zur Anbetung anstrengt.

Und das ist der Gegensatz, den unsereiner erlebt. Wie die Madonna und ihr Kind in wunderbarer, aber ganz anstrengungsloser Teilnahme hinabschauen auf die zwei Pilger, denen alles in der Welt zur Anstrengung oder gar zur Überanstrengung wird. Auch die Anbetung. Aber eben deshalb kommen sie doch. Und nichts sagt das deutlicher als die erdigen Fußsohlen des Mannes, denen Schuhe so fremd sind wie den Füßen Konrads in Letzlingen. Und was für ein Barfußunterschied zwischen den feinen Füßen, die gerade noch unter dem feinen Gewand der feinen Madonna herausschauen, und den wichtigen Füßen und vor allem doch Fußsohlen des Pilgermannes. Die unterm dunkel hinabfließenden Gewand gerade noch hervorschauenden Füße - ein Fuß auf dem Boden, der andere steil, nur mit den Zehen den Boden erreichend -, die zeigen, diesen feinen Füßen ist Last fremd, die tanzen unter allen Umständen. Aber oben, das Gesicht, das trotz seiner enormen Schönheit nur dazu da ist, samt Kind hinunterzuschauen zu den Anbetenden. Dem Kind hat der Maler in die kleine Hand die Geste einer bedeutenden Teilnahme hineingemalt. Das alles zusammenzubringen, war immer die vom Bild gestellte Aufgabe, wenn ich die Basilika verließ, also so langsam wie möglich die basilikabreite Freitreppe hinunterging. Armes Paar, tolle Dame. Stimmt nicht. Arm ist das Paar nicht. Die strahlen eine Gebetskraft aus, die sie der Dame Madonna ebenbürtig macht. Woher die ihren Jesus hat, wagt man nicht zu denken. Allein die Schönheit zählt. Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen. Nur wenn es so schön erscheint wie in der Basilika, füllt es dich aus bis zur Fraglosigkeit. Aber dass es so schön ist, setzt voraus, dass es so stimmt. Caravaggio soll, bevor er das Bild gemalt hat, als Pilger in Loreto gewesen sein.

Ich zog - noch auf der Freitreppe - meine Schuhe und meine Socken aus, steckte die Socken in die Hosentasche und ließ die Schuhe an den Schuhbendeln baumeln. Dass Norddeutschland sich mit Schnürsenkeln gegen Schuhbendel durchgesetzt hat, ist schwer zu begreifen.

Erst auf der Piazza Navona, unter dem Lärm der Lautsprechermusik zog ich die Schuhe wieder an. Durch die Passette delle Cinque Lune und die Via Agonale war ich hinausgekommen auf den Platz. Wenn ich meinen Hut noch gehabt hätte, wäre ich barfuß weitergegangen. Das einmalige Braunbeige mit dem nicht ganz tiefbraunen, aber glänzenden Band. Und die rundum auf und abwogende Krempe. Dieser Hut und barfuß! Die Schuhe baumelnd am Bendel! Das wär's gewesen!

Ganz unernst schaute ich, sobald ich auf dem Corso war, ob es ein Schaufenster mit Hüten gebe. Ich kann eigentlich nicht nach einem Hut suchen. Ich muss ihn, ohne zu suchen, finden. Suchen liegt mir sowieso nicht. Finden schon. Ich wollte mich auf dem Corso auch nicht durch eine eigensinnige Hutsuche von den Menschen ablenken lassen, die aus Palästen und Kirchen und Geschäften kamen und in Paläste, Kirchen und Geschäfte hineingingen. Die äußerste Bestimmtheit aller Bewegungen. Und Gesichter. Die wissen alle, wo sie hinwollen und wo sie herkommen. Der ganze Corso ist eine hochverdichtete Bestimmtheitssphäre. Das teilte sich auch mir mit. Ich ging andauernd quer durch Bestimmtheitsströme durch. Und war der, der dazu bestimmt war, die Bestimmtheit von allen zu erleben. Augenblicksweise wollte sich mir statt Bestimmtheit Bedeutung aufdrängen. Die erlebten alle ihre Bedeutung. Das sah man jedem und jeder an. Aber dann war mir Bedeutung doch zu inhaltlich. Zu bürgerlich auch. Obwohl ich es auch genoss, alles, was um mich herum geschah, zu verstehen. Aber ich wollte das vor Sinn strotzende Corsodurcheinander nicht zum Theater werden lassen. Das Theater ist süchtig danach, verstanden zu werden. Die kleinste Geste sagt, was sie bedeutet. Die Bestimmtheit aller Corsogesten bedarf keiner Inhalte. Die Selbstverständlichkeit der Paläste, der Kirchen, der Geschäfte!

Und immer wieder, förmlich zum Atemholen zwingend, die Ausbuchtung der Plätze. Und blieb dann doch hängen, wurde hineingesogen in einen Hemdenladen. Nichts als Camizie. Und mir war, als hätte ich schon auf dem Weg zur Basilika oder bald danach dieses Hemdengeschäft gesehen. Eine Hemdenkette also. Und gleich tief hinein in den Bau. Nichts als Hemden und Hemden. Und kein einziges nördlich der Alpen denkbar. Und kaufte zwei. Das zweite nur als Wiedergutmachung für das erste. Das erste war nämlich eins mit Karo. Aber nicht so grobschlächtig wie das des Strohhut-Starrers im Flugzeug. Ein weißes Hemd, über das ein deutliches, aber doch zartes Gitter von einander schneidenden Linien gelegt war, eben Karo. Die waagrechten Linien waren dunkel, ohne schwarz zu sein, und die senkrechten waren beige ohne braun zu sein. Das war ein Fund. Das andere dunkelblau und hellgestreift, mit einem Kragen, den ich, wie ich im Hotelzimmer sofort sah, nördlich der Alpen ohnehin nicht tragen konnte, so trumpfte der auf. Aber das weiße mit dem Karogitter in Dunkel und Hellbeige würde ich tragen. Und immer an den Hut denken. Der hätte mich zusammen mit diesem Hemd zu einer sich selbst genügenden und sich selbst genießenden Erscheinung machen können. Das hatte mir der honigfarbene Strohhut-Kordmann vermasselt. Darauf bestand ich. Und warum hatte ich mir zwei Hemden gekauft, aber keinen Hut? Hemden hatte ich mehr als ich noch tragen konnte. Aber mein einziger, abenteuerlich schöner Sommerhut war weg! Man muss es aushalten, sich zum Rätsel zu werden.

Quelle: Berlin University Press / Martin Walser
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