Home
http://www.faz.net/-grp-14ucw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Leseprobe: Folge 2 Ich fühlte mich debalanciert

02.02.2010 ·  Rom! Nur ärgerlich, dass unser Held seinen Hut im Flieger vergessen hat. Doch das hält ihn, der diesseits seines Jenseits jetzt erst einmal die Luft gewisser Kirchenräume atmen will, nicht davon ab, sich ins pralle Leben zu stürzen: Zweite Folge unserer Leseprobe von Martin Walsers Novelle.

Von Martin Walser
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

2. Ich auf 32 A, also Fensterplatz. Die zwei Sitze zum Gang hin unbesetzt. Weiter vorn, zirka 15. oder 18. Reihe, stand einer, stand schon seit wir in der Luft waren und unsere Sitzgurte lösen durften. Ein grobkariertes Hemd. Wenig Weiß, viel Dun kelgrün. Ein geradezu grell heller Strohhut mit einem schwarzen Band. Und um das Gesicht ein silberheller Dreitagebart. Fast ein Schleier. Die Stewardessen zwangen ihn mit ihren Servicewa
gen immer wieder in seine Sitzreihe hinein. Er folgte und trat, sobald die Stewardessen weg waren, wieder in den Gang. Auch wenn er den Stewardessen ausweichen musste, hörte er nicht auf, mich anzuschauen. Aber in seinem Blick war nichts Privates. Kein ehemaliger Patient. Ehemalige Patienten haben alle den gleichen, um Wiedererkanntwerden bittenden Blick. Und der wollte mich auch nicht kennenlernen. Der wollte mich nur anschauen.

So angeschaut zu werden, hält kein Mensch aus. Ich hatte Grund genug, wegzuschauen. Wir überflogen die Alpen, über Eis und Schnee, so nah, so anziehend, und so ewig. Wenn ich Pilot wäre, dürfte ich nicht so hinunterschauen. Immer wieder zurück mit dem Blick, zu dem, der mich immer noch anschaute, wie er mich vorher angeschaut hatte. Sein Blick ist reglos. Ausdruckslos. Leblos. So schauen einen Statuen an. Ein Vorgeschmack von Rom.

Ich hätte nicht mehr hinschauen dürfen zu dem. Die Viertausender waren wirklich anziehend genug. Der aber auch. Der repräsentierte die Viertausender hier im Flugzeug. Dann hätte ich gern den Kopf geschüttelt oder gelacht, oder den Kopf geschüttelt und gelacht! Dr. Bruderhofer! So groß wie der. Und immer grobkarierte Hemden! Und auch noch den Kordanzug, den honigfarbenen! Ja, Herr Dr. Bruderhofer ... Und jetzt kam mir der Blick, der ganze Gesichtsausdruck nicht mehr so reglos, leblos, statuenhaft vor. Das war doch der immerfreundliche bruderhofersche Bubenblick. Und von diesem auf Harmlosigkeit getrimmten Bruderhoferverschnitt lass ich mich abbringen von den in voller Sonne zu mir heraufschauenden Viertausendern. Dann wollen wir doch einmal sehen, wie weit diese Dr. Bruderhofer-Imitation
zu gehen wagt. Beim Aussteigen muss es sich ja zeigen.

Jeder holt rücksichtslos sein zu großes Gepäck herunter, jeder drängt nach vorne. Der Bruderhofer-Darsteller, das hatte ich noch gesehen, hatte einen Rucksack heruntergeholt, einen Rucksack, aus dem ein Geigenkasten ragte. Ich drängte nicht. Ich ließ alle anderen vorbei. Ganz schnell noch durchgespielt, dass der blind sei. Nur einer, der dich nicht sieht, kann dich so unbarmherzig anstarren.

Blind oder nicht blind, Dr. Bruderhofer-Bub oder Statuen-Darsteller, ich verließ das Flugzeug als letzter. Ein Kordanzug, und sei er noch so honigfarben, und ein noch so grellheller Strohhut, das macht noch keinen Dr. Bruderhofer. Wozu flog ich denn nach Rom! Doch nicht, um das heimische Quältheater weiterzuspielen.
Als ich dann am Transportband auf meinen Koffer wartete, sah ich den freundlichen Riesen nicht! Ich war froh. Aber auch enttäuscht. Und weil gar nichts passiert war, leistete ich mir die Floskel: Dann halt das nächste Mal. Und wusste nicht, wie ich das meinte. Sobald ich im Bus war, bemerkte ich, dass ich meinen Hut im Flugzeug vergessen hatte. Und gab sofort dem Dr. Bruderhofer-Darsteller die Schuld. Ich besitze nur zwei Hüte. Jetzt war also der Sommerhut weg. Sofort marschierte die Gedächtnisparade in mir auf und führte grell vor, wo ich überall gewesen war mit diesem Hut, was ich, ihn auf dem Kopf, erlebt hatte. Er war weich, biegsam, ein helles Braunbeige, eine fast abenteuerliche Krempe. Wenn ich mich mit ihm im Spiegel sah, kam mir mein Gesicht immer zwanzigjährig vor. Zwar brav, aber bereit, unbrav zu sein. Und dieser Hut war weg. Und schuld, der Herschauer mit dem Strohhut und dem Geigenkasten. Ich vergesse schon mal einen Regenschirm oder eine belanglose Tasche, aber doch nie einen der beiden Hüte. Der schwarze im Winter war nur möglich, weil ich im Sommer den braunbeigen hatte. Es war September, der braunbeige war noch dran. Ich fühlte mich debalanciert. Und der war unwiederbringlich weg.

Ich war in Rom! Und hatte mich doch, wo immer ich ausstieg, gefragt: Ist der Hut dabei! Das war eingeübt. Das gehörte zu mir. Ich hatte immer Angst, diesen Hut einmal irgendwo zu vergessen. Das war jetzt passiert. Der vorbereitete Schrecken beherrschte mich so, dass ich auf der Fahrt stadteinwärts von Rom nichts sah. Weil ich darauf angewiesen bin, mich zu verstehen, musste ich mir sagen, dass ich diesen harmlosen Mitreisenden brauchte, weil ich einen Grund brauchte, der mich den Hut vergessen ließ. Ich hätte es nicht ertragen, diesen Hut einfach vergessen zu haben. Das wäre sozusagen unverzeihlich gewesen. Aber dieser Reisende hatte mich doch gerade beim Verlassen des Flugzeugs sehr beschäftigt. Wie würde es mir gelingen, an ihm vorbeizukommen? Nicht dass ich Angst gehabt hätte vor ihm. Aber wenn er irgendwo auf dem Weg hinaus oder am Gepäckband stehen geblieben wäre, dass ich nah an ihm hätte vorbeigehen müssen, das wäre eine Peinlichkeit gewesen.

Ich wohne immer im Hotel Locarno. Es wird nie hell in diesem Hotel. Außer im Frühstücksraum im Souterrain. Da kommt's einem dann grell hell vor. Aber sonst herrscht eine zuverlässige Lichtlosigkeit. Man kann nicht lesen in diesem Hotel. In keinem Zimmer. Das ist so befriedigend. Du darfst dich mit dir selber beschäftigen. Die Schwelgerei mit den Stiltrivialitäten des späten 19. Jahrhunderts passt so gut dazu. Ich muss mich jedesmal zwingen, das Hotel überhaupt zu verlassen. Das Hotel will mir einreden, dass ich eigentlich bedürfnislos bin, dass meine Reiseziele in Rom nur vorgeschützt sind, mir selber vorgemacht aus irgendwelchen schwer durchschaubaren subtileren Gründen. Das ist natürlich nicht so. Ich fliege immer wieder nach Rom, um mich der Aufdringlichkeit gewisser Bilder und Statuen auszusetzen, und um in gewissen Kirchenräumen zu atmen. Wenn ich einmal bis zum Rückflug im Locarno-Zimmer bleiben würde, käme ich mir groß vor. Sehr groß. Aber so groß, wie ich mir dann vorkäme, bin ich nicht.

Also auf und in die Stadt! Hinaus aus der kleinen Via della Penna, in der das Locarno von früher träumt. Dann immer hinunter auf der Via Ripetta. Dann bin ich schon fast, wo ich hin will: San Agostino. Dass der Straßenname nach Wiederholung klingt, tat mir gut. Aber dann führt die Straße doch noch an einem Platz vorbei. Ich musste mich orientieren. Und dieser Moment der Unsicherheit genügte, den Strohhutmann herzuzaubern. Er stand jetzt an den edlen Palisaden, die den Platz von der Straße trennen. Das Trottoir führt an den wie Lanzen hochragenden Palisaden entlang. Und ich kam auf diesem Trottoir auf den zu. Er stand und schaute quer über die Straße, auf der der Verkehr mit der Natürlichkeit eines Flusses vorbeitrieb. Ich musste also, wenn ich nicht direkt an ihm vorbeigehen wollte - und das wollte, das konnte ich nicht - ich musste mich durch Autos, Motorroller und Radfahrer durchkämpfen, hinüber auf das andere Trottoir. Ich schaffte es mit ums Leben bittenden Fuchteleien. Und war drüben. Musste aber doch noch zurückschauen. So lange, bis ich durch den vorbeiflutenden Verkehr hindurch alles gesehen hatte. Der stand also vollkommen bewegungslos. Von seiner rechten Hand führte ein massiver Draht hinunter aufs Trottoir, führte zu einem Hund aus solidem Draht, deutlich ein Dackel. Neben dem Dackel der Geigenkasten. Offen. Neben dem Geigenkasten ein Paar Schuhe. Der Mann barfuß. Es war offensichtlich, dass man Geld in den Geigenkasten zu werfen hatte. Passanten, die nicht, wie ich, ausgewichen waren, taten das.

Es gibt ja jetzt Menschen, die stellen sich in Metropolen auf belebteste Punkte und verharren reglos. Man soll sie für Kunstwerke halten. Aber es gibt auch Statuen, die aussehen wie stehengebliebene Menschen. Man soll sie für Menschen halten. Der da drüben irritierte mich. Aber was ging er mich an? Ich war ihm entkommen. Hatte er noch den Kordanzug an? Das karierte Hemd ... Noch einmal: Was ging er mich an? Ich war doch in Rom. Ich hatte ein Ziel. Die Basilika San Agostino. Zu meinem Namenspatron wollte ich, durfte ich, musste ich. Aber Rom ist, wo du hinschaust, schön. Du brauchst gar kein Ziel. Es kann an keinem Ziel schöner sein als es überall ist. Und schon stand ich vor einem Schaufenster, in dem nichts zu sehen war als eine einzige Krawatte. Und ich blieb stehen und schaute. Dieses Schaufenster war kein bisschen zu groß für eine einzige Krawatte. Die Krawatte war fast unwichtig. Gut, sie war schon schön, aber sie war hauptsächlich schön, weil das ganze Schaufenster kein bisschen zu groß war, ihr zu dienen. Ein Schaufenster, als die Schaufenster noch menschliche Maße hatten. Und so weiter.

Ich spielte jedesmal, wenn ich in meine Basilika ging, mit dem Gedanken, gar nicht hinzugehen. Vorbei an ihr. Weg von ihr. Aber jedesmal bog ich hinein in die Via della Scrofa. Obwohl das ein Wort mit einer Physiognomie ist, also ein Wort, das einem etwas sagt, ohne dass man's übersetzt - ich schlug dann doch einmal nach. Heißt Sau. Na ja, die ganze Gegend heißt ja auch Campo Marzio.

Quelle: Berlin University Press / Martin Walser
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel