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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 1 Wenn ich ein Alter Knabe bin, ist er ein Alter Bub

01.02.2010 ·  Seitdem er dreiundsechzig ist, hat Doktor Augustin Feinlein mit dem Zählen seiner Geburtstage aufgehört - was ihn nicht davon abhält, sich selbst und die anderen beim Älterwerden genau zu beobachten: Erste Folge unserer Leseprobe von Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“.

Von Martin Walser
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1. Je älter man wird, desto mehr empfiehlt es sich, darauf zu achten, wie man auf andere wirkt. Ich bin dreiundsechzig. Südlich der Donau sagt man zum Beispiel: Der und der wird auch allmählich komisch. Das merken alle, wissen alle, nur der, der allmählich komisch wird, merkt es nicht. Und sagen mag man's ihm auch nicht. In Letzlingen - so heißt das Dorf, aus dem ich komme - in Letzlingen gab es - oder gibt es vielleicht sogar noch - eine Art Kultur des Umgangs mit solchen, die im Alter allmählich komisch wurden. Nirgends sonst habe ich von dieser Kultur auch nur noch einen Hauch verspürt. Ich will diese Art Kultur schildern, dann entscheide jeder selbst, ob es in seinem Dorf, seiner Stadt, seiner Gesellschaft dergleichen gebe. Ein Bauer heißt Peterer, ist eher siebzig als achtzig, sein Bruder Konrad ist immer Knecht auf dem Hof seines Bruders gewesen. Es hat sich dann herumgesprochen, dass er seit längerem nichts mehr sagt. Man kann ihn ansprechen, wie man will, er reagiert nicht. Er ist aber kein bisschen schwerhörig, das merkt man, wenn er das Vieh heimtreibt. Sobald eine Kuh stehen bleibt und nicht weiter will, geht er hin zu ihr und sagt ihr etwas ins Ohr. Wenn sie dann hinschaut zu ihm, sagt er: Jaa. Dann geht sie wieder. Auch wenn ihn ein Hund anbellt, sieht man, dass er das hört, genau hört.

Also zu Menschen keinen Kontakt mehr. Wenn man den Bauer fragt, was los sei mit Konrad, bohrt der Bauer mit dem Zeigefinger seine Schläfe an. Konrad schläft auch nicht mehr in seiner Kammer, sondern auf dem Heuboden. Wie und wo genau, ist nicht bekannt. Er ist allmählich komisch geworden. Zuerst hat man noch gefragt nach ihm, hat sich erkundigt, aber dann nicht mehr. Der Konrad ist allmählich komisch geworden. Das ist offenbar sein gutes Recht. Einer, der ihn am Eschbach gesehen hat, will gesehen haben, dass er mit einem Fisch gesprochen habe. Es gibt im Eschbach immer nur einzelne Fische. Forellen. Gut, hat er also mit einer Forelle gesprochen. Was er gesagt hat, weiß man nicht. Man geht ja nicht hin, wenn einer mit einer Forelle spricht, um zu hören, was da gesprochen wird. Das gehört eben auch zu der Art Kultur im Umgang mit Komischwerdenden. Eines ist sicher: Wenn Konrad stirbt, werden alle zu seiner Beerdigung gehen. Auch das gehört zu dieser Kultur. Man schätzt den Komischwerdenden. Man spürt, dass man ihn überschätzt. Man gibt sich darüber keine Rechenschaft. Man sagt nichts. Eigentlich ist er nur so und so, aber wir überschätzen ihn gern. Es tut gut, ihn zu überschätzen. Es ist eine helle Freude, wieder etwas, was man über ihn gehört hat, weiterzusagen und es beim Weitersagen noch schöner zu machen, als man es gehört hat. Wenn er vor seinen Kühen ins Dorf trottet, übrigens immer barfuß, im Sommer wie im Winter, immer barfuß, dann grüßt man ihn natürlich. Jeder grüßt ihn anders. Die Forschen, Übermütigen, Draufgängerischen rufen ihm etwas Forsches, Übermütiges, Draufgängerisches zu. Die Sanften etwas Sanftes. Die Schüchternen schauen nur hin zu ihm und verneigen sich ein bisschen.

Man kann nicht sagen, Konrad reagiere überhaupt nicht, wenn das ganze Dorf sich ihm gegenüber so charakterisiert. Er hat zum Beispiel einen sehr auffälligen Gang. Einen wegwerferischen Gang, könnte man sagen. Es sieht aus, als schüttle er die Füße bei jedem Schritt. Aber das Wichtigste: er weiß nichts davon. Er weiß überhaupt nicht, dass er geht. Den Kopf trägt er hoch. Ein langer Hals kommt aus dem kragenlosen Hemd. Einen winzigen Bund hat es schon, das Hemd, aber eben keinen Kragen. Der Kopf auf dem langen Hals wackelt ein bisschen. Und das kann mit dem Schütteln oder Wegwerfen der Füße zusammenhängen. In einer Hand den Haselnussstecken, den er braucht, um einer Kuh, die sich von ihm nichts sagen lassen will, mit dem Stock anzudeuten, dass es Abend sei und dass man dabei sei, heimzugehen, in den Stall. Um das einer Begriffsstutzigen anzudeuten, genügt es, wenn er sie mit dem Stock stupft. Allerdings soll er manchmal ungeduldig werden. Er schlägt zu, heißt es, wenn eine Kuh gar nicht mitmachen will. Wie auch immer, ich will damit nur sagen, dass über Konrad viel mehr gesprochen wird als über seinen jüngeren Bruder, der den Hof schon lang seinem Sohn Willi übergeben hat. Auch über dessen Frau Irmgard wird viel weniger gesprochen als über Konrad. Im Dorf geht das Gerücht um, der Bauer Peterer sei zum Pfarrer gegangen und habe dem in drohendem Ton gesagt, der Pfarrer dürfe, falls Konrad je sterbe, bei der Ansprache am offenen Grab nichts Gutes über Konrad sagen. Darauf der Pfarrer: Ob es denn etwas Böses zu sagen gäbe? Und der Bauer: Nichts Böses, aber bloß nichts Gutes! Dass das Dorfgerücht Konrad jenseits von Gut und Böse haben will, könnte einen gerüchthörig machen.

Manche glauben, Konrad kriege das alles mit und genieße es. Das ist Unsinn. Ich will mich da auch nicht hineinmischen. Ich bin schon zu lange weg aus dem Dorf. Nur, jedesmal wenn ich wieder hinkomme, stelle ich fest, dass Konrad interessanter ist als alle anderen. Und es nimmt ihm keiner übel, dass er der Interessanteste ist. Und das ist wahrscheinlich der Grund für alles: Konrad hat keine Konkurrenz. Im Gegenteil. Es gibt eine Art Wettbewerb, Konrad als solchen zu erhalten. Nicht: zu verstehen. Das überhaupt nicht. Aber zu erhalten. Als ich das letzte Mal dort war, es war in der Weihnachtszeit, sagte ein zirka Vierzigjähriger, er heißt Fritz, Konrad habe vor ein paar Tagen zu ihm gesagt, Fritz könne bei ihm übernachten, er habe auf dem Heuboden eine zweite Bettstatt. Fritz müsse allerdings eine Flasche Obstler mitbringen. Jetzt im Winter brauche er so was. Und so weiter. Dieser Fritz, der noch kein Jahr in Letzlingen lebt und jeden Tag als Pendler in die Stadt fährt und dort in einem Computergeschäft arbeitet, dieser Fritz wurde so verhört, so in die Zange genommen, der wurde behandelt, als sei er verdächtig, ein schlimmes Verbrechen begangen zu haben. Und alle, die ihn verhörten, waren konraderfahrene Mitbürger. Das Ende: Fritz brach zusammen. Weinte laut auf. Gestand, alles sei erfunden und erlogen. Er habe sich bei seiner Freundin Barbi wichtig machen wollen. Er habe angegeben. Er habe Barbi gebeten, ja nichts weiterzusagen. Habe sie leider getan. So sei alles gekommen. Es wurde ihm verziehen. Konrad wurde natürlich gar nicht gefragt, ob er diesen Fritz kenne, ob er den je gesehen habe, denn das war allen in jeder Sekunde klar: Was dieser Fritz über Konrad erzählte, konnte mit Konrad nichts zu tun haben. So ist das also, wenn in meinem Dorf Ältere anfangen, komisch zu werden. Auch wenn einem Konrad sympathisch ist, man selber möchte in eine solche Rolle nicht geraten. Und unter hundert Älterwerdenden ist höchstens ein Konrad. Man nennt in Letzlingen, was die Älterwerdenden auszeichnet, Mödelen. Das ist eine Verkleinerungsform von Moden und hat mit Kleider- und anderen Moden nichts zu tun. Oder es war vor ihnen da. Ich vermute, dass es vor zweitausend Jahren direkt aus dem Lateinischen in die Dörfer und so in die Mundart kam. Mödelen sind Eigenheiten, die man den Älterwerdenden zugesteht, weil man weiß, dass man sie ihnen weder verbieten noch abgewöhnen kann. Hochdeutsch heißen Mödelen Skurrilitäten. Es gibt den Mödelen gegenüber durchaus nicht nur Wohlwollen. Man nimmt die Mödelen nur hin, weil man nichts machen kann gegen sie. Aber selbst für den schlimmsten Fall enthält das Wort eine Anerkennung dessen, was hochdeutsch gleich Skurrilität oder gar Verschrobenheit heißt. Mödelen sind eine Art Extra-Menschenrecht für Älterwerdende. Wo ich hingeraten bin, geht man mit komisch Werdenden weniger wohlwollend um. Eins ist überall gleich. Der allmählich Komischwerdende merkt es selber nicht. Das ist ganz sicher. Und ebenso sicher: Keiner sagt es ihm. Wenn man einem das sagte, das sagen müsste, glaubte, es ihm sagen zu müssen, dann könnte diese Mitteilung doch nur negativ klingen, kritisch. Allenfalls als Warnung. Pass ja auf, dass du nicht noch komischer wirst als du jetzt angefangen hast zu werden.

Ich muss versuchen, mich in die hineinzuversetzen, denen ich allmählich komisch vorkomme. Das ist schwer. Ich selber finde ja nichts allmählich komisch Werdendes an mir, in mir. Aber ich muss annehmen, dass andere das anders sehen. Und in meiner jetzigen Umgebung kann ich nicht darauf hoffen, dass man mich, falls ich tatsächlich anfange, komisch zu werden, mit einer so lieben Verklärungsbereitschaft behandeln würde wie den Konrad im Dorf. Wo ich jetzt lebe, wird man, wenn man anfängt, komisch zu werden, nicht mehr für voll genommen. Man kommt nicht mehr in Frage.

Und dazu sage ich allerdings: Gut so. Genau genommen, ist es mir lieber, nicht mehr für voll genommen zu werden, als gehätschelt zu werden als eine komische Nummer. Wenn sie mich nicht mehr für voll nehmen, nehmen sie mich ernst. Wenn sie sagen: Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, geben sie zu, dass ich ihnen auf die Nerven gehe mit dem, was ich noch zu sagen habe. Ich weiß, dass ich Unmögliches vorhabe. Ich bin dreiundsechzig. Seit längerem. Ich werde nie älter sein als dreiundsechzig. Ich sage jetzt nicht, seit wie vielen Jahre ich jetzt schon dreiundsechzig bin. Ich sage nur, dass ich mit dreiundsechzig aufgehört habe zu zählen. Das war möglich. Mein Umgang mit Zahlen hat es möglich gemacht. Ich glaube nicht an Zahlen. Ich weiß, was man alles machen kann mit Zahlen, aber ich weiß auch, was man mit Zahlen nicht machen kann. Und doch macht. Ich habe aufgehört, das mitzumachen.

Dr. Bruderhofer, der Ärztliche Direktor des Krankenhauses, dessen Chef ich bin, kann es nicht erwarten, dass ich gehe. Endlich gehe. Er ist von Haar nach Scherblingen berufen worden. Er hat angenommen, weil er schnell Chef werden wollte. In Ärztesitzungen, an denen ich nicht teilnehme, nennt er mich den Alten Knaben. Frau Dr. Breit, von der unsicher ist, ob sie mehr auf seiner oder auf meiner Seite kämpft, erzählt mir alles, was er über mich sagt und wie er es sagt. Frau Dr. Breit weiß sicher selbst nicht, ob sie mehr auf der Seite Dr. Bruderhofers oder auf meiner Seite kämpft. Dass alles ein Kampf ist, weiß sie auch. Ich habe mir sagen lassen, der Alte Knabe sei gut gemeint. Ich dürfe mich in dieser Prägung, habe ich mir sagen lassen, gern wiedererkennen. Also mache ich das Beste aus dieser Bezeichnung. Dass ich dreiundsechzig bin und bleibe, ist nur möglich, weil ich ein Alter Knabe bin. Ich sehe so aus. Ich selber glaube, das Knabenhafte sei in mir und an mir noch deutlicher als das Alte. Also nichts gegen Dr. Bruderhofer. Das muss ich mir immer wieder sagen! Dr. Bruderhofer ist ein Nebenproblem. Und es würde den Sinn meines Kampfes seriös verfälschen, wenn ich gegen Dr. Bruderhofer recht haben wollte. Dass er seine ganze Kraft - und die ist beträchtlich - einsetzt, gegen mich recht zu haben beziehungsweise zu beweisen, dass ich im Unrecht bin, das zeigt nur, dass er jünger ist und noch glaubt, recht zu haben sei möglich. Er hat noch nicht einmal bemerkt, dass ich den Kampf, den er kämpft, nur zum Schein mitmache. Er will mich überzeugen. Von seinen Mitteln, Methoden, Therapien. Auf dem Klinik-Terrain muss ich mich wehren. Ich kann es nicht zulassen, dass er mit seiner Chemie bedenkenlos wird. Ich könnte das seiner eigenen Entwicklung überlassen. Er wird dahin kommen, wo ich jetzt bin. Glaube ich. Ist das anmaßend gedacht? Wenn ich ein Alter Knabe bin, ist er ein Alter Bub. Er hat doch total den Vierzehnjährigen im Gesicht. Das habe ich entdeckt in den Nächten, in denen ich mich gegen seine Angriffe wehren musste, gegen gedachte und gegen wirkliche. Ihm geht es um seine Karriere. Mir um mein Jenseits.
Ich will keinen einzigen Menschen überzeugen. Nur mich selbst. Wenn mir das gelingt, wenn mir das gelänge, wäre ich der glücklichste Mensch in dieser Welt.

Quelle: Berlin University Press / Martin Walser
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