09.10.2009 · Über hundert der wichtigsten deutschen Dichterinnen und Dichter aus den letzten hundert Jahren werden in der Edition „Lyrikstimmen“ in Originalaufnahmen zusammengeführt. Für unsere exklusive F.A.Z.-Hörprobe haben wir einige der interessantesten Beispiele ausgewählt. Eine Einführung.
Von Felicitas von LovenbergKeine literarische Form bedarf der Stimme mehr als das Gedicht. Denn beim lauten Lesen eröffnen sich gerade der Lyrik immer noch weitere, unverhoffte und neue Assoziationsmöglichkeiten und Verständnisebenen - von der Melodie der Sprache ganz abgesehen. Das gilt erst recht, wenn die Verfasser der Verse diese selbst vortragen. Denn dann ist die auratische Wirkung dieser leisesten Kunst im Zeitalter völliger technischer Reproduzierbarkeit am stärksten.
Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse erscheint ein Hörbuchprojekt, das ganz auf diese Wirkung setzt: „Lyrikstimmen - die Bibliothek der Poeten“. Den vier Herausgebern - die Dichter und Schriftsteller Michael Krüger, Harald Hartung und Peter Hamm zusammen mit Christiane Collorio, Lektorin beim Münchner Hörverlag - ist es in jahrelanger Arbeit gelungen, 122 der wichtigsten deutschen Dichterinnen und Dichter aus den letzten hundert Jahren in Originalaufnahmen zusammenzuführen.
Respekt und Misstrauen
420 Gedichte werden von ihren Verfassern, je nach Temperament, vorgetragen, abgelesen, aufgesagt, hingesemmelt und geschrien. Dass das Medium Hörbuch gerade durch Originalaufnahmen etwas Eigenes und Einzigartiges zu leisten imstande ist, weiß man spätestens seit der Veröffentlichung des „Spoken Arts Treasury“ im Jahr 2001, in dem hundert amerikanische Dichter ihre Werke lesen. Doch gab es in Deutschland nichts vergleichbares - bis jetzt.
Zu Beginn kratzt und knarzt es noch gewaltig, die ersten Tonaufnahmen des zwanzigsten Jahrhunderts berauschen weniger, als dass sie rauschen. Wer weiß, dass die frühesten Lyrik-Vorträge, anders als musikalische Darbietungen, aus den zwanziger Jahren stammen, wird eine Rarität wie die Aufnahme von Hugo von Hofmannsthal von 1907 doppelt schätzen. Der Dichter deklamiert „Manche freilich“, als stünde er auf der Bühne. Noch in den Darbietungen von Vollblütern wie Karl Kraus oder Alfred Kerr klingt der Respekt vor dem neuen Medium mit - und auch das Misstrauen. Von anderen wichtigen Autoren der Zeit, wie etwa Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler oder Klabund, existiert keine Aufnahme: Nicht nur der Geschmack der Zeit, auch kriegsbedingte Zerstörungen und das Überspielen von Bändern in der Nachkriegszeit hat Lücken in die Tonarchiv-Bestände gerissen.
Akustischer Abdruck von Individualität
Was die Edition nachzeichnet, ist die ungeheure Entwicklung des lyrischen Vortrags. So hat es etwas Rührendes, wenn die ansonsten gar nicht brave Ricarda Huch noch 1947 in Schulmädchenmanier ihre Verse aufsagt. Überhaupt spürt man bisweilen die Unsicherheit der Autoren, sei es den Auftritt, das Mikrophon oder gar das eigene Werk betreffend, in den Stimmen. Manchmal fanden sich in den Archiven aber auch ungeahnte Schätze: So sind die beiden Vorträge von Thomas Bernhard aus dem ORF offenbar nicht nur die einzigen Lyrikaufnahmen des Autors, sondern es handelt sich bei „Bibelszenen“ und „Geflüster“ auch um bisher unveröffentlichte Bernhard-Texte.
Obwohl die meisten Dichter in der Nachkriegszeit rasch lernten, sich und ihre Arbeiten besser darzubieten, ist die Kunst des Vortrags erst relativ spät als tatsächliche Kunst und nicht als lästige Pflicht wiederentdeckt worden - und das von keinem zeitgenössischen Dichter glorioser und eindringlicher als von Michael Lentz.
Am Ende sind es weniger einzelne Verse, die bleiben, sondern die Stimme des Dichters, ein akustischer Abdruck der Individualität auf dem Trommelfell.
Übersichtsseite: F.A.Z.-Hörprobe „Lyrikstimmen”
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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