05.10.2009 · Das Schlachtenglück wechselt schnell. Die Flucht kann nur gelingen, wenn man sich der Waffen der Gegner bedient. Auf dem Rücken eines Airbike wünscht man sich etwas von der Schwerelosigkeit der Mondoberfläche. Letzte Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe von Frank Schätzings „Limit“.
Von Frank SchätzingJericho hatte die erste Maschine abgewürgt. Dieses Modell war neu und gegenüber dem Vorgänger stark verändert. Die Kontrollen erstrahlten auf einer Benutzeroberfläche, es gab keine mechanischen Elemente mehr. Er rutschte aus dem Sattel, sprang auf das zweite, laufende Airbike und tastete sich über den Touchscreen. Diesmal hatte er mehr Glück. Die Maschine reagierte, allerdings mit der Heftigkeit eines angestochenen Bullen, bockte und versuchte ihn abzuwerfen. Seine Hände umspannten die Griffe. Früher hatten sie waagerecht gestanden, jetzt bogen sie sich aufwärts und ließen sich in alle Richtungen drehen. Das Bike geriet in heftige Kreiselbewegung. Wie bei einem Spielautomaten blinkten die Anzeigen. Auf gut Glück berührte Jericho zwei davon, und die Karussellfahrt endete, dafür wurde er auf die Vorderfront der Zentrale zugetragen, verlagerte unmittelbar vor der Kollision sein Körpergewicht und flog eine ausgedehnte 180-Grad-Kurve. Sein Blick suchte die Umgebung ab.
Von Yoyo oder Zhao keine Spur.
Allmählich glaubte er den Bogen rauszuhaben. Er ließ die Maschine steigen, wobei er versäumte, die Düsen synchron zu schwenken, was ihn gleich wieder in die Bredouille brachte, weil sich das Bike nun raketengleich in den Himmel schraubte. Unaufhaltsam fühlte er sich aus dem Sattel rutschen, mühte sich mit fliegenden Fingern, den Fehler zu korrigieren, erlangte die Kontrolle zurück, flog eine weitere Kurve, den Hochofen im Auge.
Da waren sie!
Yoyo hatte es bis zur Schleuse geschafft, wo das Förderband abzweigte, gefolgt von Zhao, der keine zwei Meter unter ihr im Gerüst hing. Jericho zwang die Maschine abwärts in der Hoffnung, sie werde so reagieren wie erwünscht. Er sah den Killer zusammenzucken und den Kopf zwischen die Schultern ziehen. Keinen halben Meter von ihm entfernt riss Jericho das Airbike herum, beschrieb einen Kreis und hielt erneut auf den Ofen zu. Yoyo vollführte an der Kante des Förderbandes die anmutige Interpretation völliger Ratlosigkeit. Warum, begriff er im Moment, da er das Band überflog. Wo Rollen und Verstrebungen hätten sein müssen, war ein Teil der Konstruktion einfach weggebrochen. Über weite Distanz erstreckten sich nur noch die Seitengestänge. Nach unten zu gelangen, hätte professionelle Seiltänzererfahrung erfordert.
Yoyo saß in der Falle.
Lautstark verwünschte er sich. Warum hatte er dem Blonden nicht die Pistole abgenommen? Überall in der Zentrale hatten Waffen herumgelegen. Aufgebracht sah er zu, wie sich Zhaos Kopf und Schultern über den Rand schoben. Mit einem Satz war der Killer auf der Schleuse. Yoyo wich zurück, ging auf alle viere und umfasste das Gestänge des Förderbandes. Behände ließ sie sich daran herunter, bis ihre Füße eine parallel verlaufende, tiefer gelegene Stange berührten, suchte nach halbwegs festem Stand, begann sich abwärtszuhangeln, Meter für Meter -
Glitt aus.
Voller Entsetzen sah Jericho sie fallen. Ein Ruck ging durch ihren Körper. In letzter Sekunde hatten sich ihre Finger um die Stange geschlossen, auf der sie eben noch gestanden hatte, doch nun zappelte sie über einem Abgrund von gut und gerne 70 Metern Tiefe.
Zhao starrte auf sie herab.
Dann verließ er die Deckung des Gerüstaufbaus.
»Böser Fehler«, knurrte Jericho. »Ganz böser Fehler!«
Mittlerweile feuerten seine Nebennieren beträchtliche Salven von Adrenalin, das Herzschlag und Blutdruck auf Heldentatenniveau peitschte. Mit jeder Sekunde gehorchte ihm die Maschine besser. Getragen von einer Woge des Zorns und der Euphorie ließ er das Airbike vorschnellen und nahm Zhao ins Visier, der im selben Moment in die Hocke ging und Anstalten machte, zu Yoyo herunterzuklettern.
Der Killer sah ihn kommen.
Verblüfft hielt er inne. Das Bike schoss über das Förderband weg. Jeder andere wäre in die Tiefe gefegt worden, doch Zhao schaffte es mit einem Pirouettensprung zurück auf den Schleusenrand. Seine Waffe polterte in die Tiefe. Jericho drehte das Bike und sah den Blonden aus der Zentrale taumeln und eines der verbliebenen Airbikes besteigen. Keine Zeit, sich auch noch um den zu kümmern. Seine Finger zuckten hierhin und dorthin. Wo auf dem Display - nein, falsch, das machte man mit den Griffen, oder? Er musste lediglich den rechten Griff ein winziges bisschen nach unten -
Zu viel.
Wie ein Stein sackte das Bike nach unten. Fluchend fing er es auf, stieg höher, gab Gas und drosselte seine Geschwindigkeit gleich wieder, bis er mit fauchenden Düsen direkt unter der wild strampelnden Yoyo hing.
»Spring!«, schrie er.
Sie blickte zu ihm herab, das Gesicht vor Anstrengung verzerrt, während ihre Finger Millimeter für Millimeter abglitten. Windstöße erfassten das Bike und trugen es davon. Das Gestänge erzitterte, als Zhao graziös vom Rand der Schleuse sprang und auf der unteren Stange zu stehen kam. Offenbar kannte der Killer keine Höhenangst und keinen Schwindel. Seine Rechte fuhr herab, um ihr Handgelenk zu packen. Jericho korrigierte seine Position, und das Bike trudelte unter Yoyo hindurch.
»Spring endlich! Spring!«
Ihr rechter Fuß traf seine Schläfe, dass ihm Hören und Sehen verging. Jetzt war er wieder unter ihr, schaute hoch. Sah, wie Zhaos Finger sich streckten, ihre Knöchel berührten.
Yoyo ließ los.
Es war ungefähr so, als stürze ein Sack Zement auf ihn herab. Hatte er sich eingebildet, sie würde elegant auf dem Sozius landen, wurde er eines Besseren belehrt. Yoyo verkrallte sich in seine Jacke, rutschte ab und hing an ihm wie ein Gorilla am Reifen. Mit beiden Händen zog er sie zu sich hoch, während das Bike dem Erdboden entgegenstürzte.
Sie schrie etwas. Es klang wie Vielleicht.
Vielleicht?
Der Turbinenlärm steigerte sich zu einem Heulen. Yoyos Finger waren überall, in seiner Kleidung, seinem Haar, seinem Gesicht. Die staubige Ebene raste auf sie zu, sie würden zerschellen.
Doch sie zerschellten nicht, starben nicht. Offenbar hatte er irgendetwas richtig gemacht, denn im selben Moment, als ihre Hände sich um seine Schultern schlossen und sie ihren Oberkörper gegen seinen Rücken presste, schoss das Bike unvermittelt wieder nach oben.
»Vielleicht -«
Die Worte wurden von Böen zerfetzt. Linker Hand näherte sich der Blonde, sein Gesicht eine Maske geronnenen Blutes, aus der helle Augen hasserfüllt zu ihnen herüberstarrten.
»Was?«, schrie er.
»Vielleicht«, schrie sie zurück, »lernst du nächstes Mal vorher, wie man das Ding fliegt, Blödmann!«
Daxiong trieb zur Oberfläche.
Sein erster Impuls war, Maggie um einen Cappuccino zu bitten, mit reichlich Zucker und Schaum natürlich. Deshalb waren sie schließlich hier. Um gemeinsam zu frühstücken, seit Yoyo das ANDROMEDA wieder zu ihrer Sommerresidenz ernannt hatte, wie Daxiong es scherzhaft ausdrückte, nur dass es aktuell klüger erschien, ein Weilchen im Stahlwerk unterzutauchen.
Den Kaffee brachte Maggie immer nur für ihn mit. Die anderen, Tony, Yoyo, sie selbst, Ziyi und Jia Wei bevorzugten Tee, wie es sich für Chinesen geziemte. Brav aßen sie Wan Tans und Baozis zum Frühstück, verzehrten Schweinebauch und Nudeln in Brühe, schlangen halb rohe Shrimps in sich hinein, das ganze Programm, während sein Herz aus unerfindlichen Gründen für die Grande Nation schlug und dem buttrig warmen Duft frisch gebackener Croissants zugetan war. Inzwischen liebäugelte er sogar mit der Möglichkeit, französische Gene in sich zu tragen, was jeder, der ihm ins Gesicht sah, energisch bestritt. Daxiong war so mongolisch, wie ein Mongole nur sein konnte, außerdem wurde Yoyo nicht müde, dem - wie sie sagte - authentischen China jenen Spaßextrakt abzupressen, der keiner westlichen Kulturexporte bedurfte. Daxiong ließ sie reden. Für ihn begann der Tag mit einem ordentlichen Milchschaumschnurrbart. Maggie hatte angerufen und »Frühstück!« in den Hörer gekräht, und Ziyi hatte geschrien und geweint.
Warum eigentlich?
Ach ja, er hatte geträumt. Etwas Schreckliches! Warum träumte man so was? Er, Ziyi und Tony waren rübergefahren zum Hochofen, Maggies Ruf folgend, als zwei dieser fliegenden Motorräder, die zu teuer waren, als dass einer von ihnen sich so ein Ding hätte leisten können, auf der Plattform der Zentrale niedergegangen waren, wo schon ein drittes stand. Verwunderlich. Im Näherkommen hatte er versucht, Maggie zu erreichen, um sie zu fragen, was das für Typen waren, doch sie meldete sich nicht. Also hatten sie beschlossen, die Waffen aus den Satteltaschen mitzunehmen, nur für alle Fälle.
Komischer Traum. Sie feierten eine Party.
Alle hatten Spaß, aber Jia Wei konnte nicht richtig mitmachen, weil nicht mehr viel von ihm übrig war, und Maggie hatte Bauchweh. Tony fehlte die Hälfte des Gesichts, ach je, das schien überhaupt der Grund dafür zu sein, warum Ziyi zu schreien begonnen hatte, jetzt fügte sich alles, und was waren das eigentlich für Leute?
Daxiong schlug die Augen auf.
Xin barst vor Wut.
Mit der Behändigkeit eines Baumaffen sprang er über die Gerüste, Streben und Stiegen zurück nach unten. Sein Airbike stand noch auf der Plattform, mit laufendem Antrieb. Weit unten rang der Detektiv mit der gekaperten Maschine, drauf und dran, sich und Yoyo in den Tod zu reißen.
Jericho, die Zecke!
Krepiert schon, dachte Xin. Ich habe den Computer, Yoyo. Mit wem wirst du schon gesprochen haben außer deinen paar Freunden hier, und die sind tot. Ich brauche dich nicht länger.
Dann sah er, wie Jericho die Kontrolle über die Maschine zurückerlangte, an Höhe gewann, sich vom Hochofen entfernte -
Und abgedrängt wurde.
Der Blonde!
Xin begann mit beiden Armen zu winken.
»Mach sie alle!«, schrie er. »Erledige das Pack!«
Er wusste nicht, ob der Blonde ihn gehört hatte. Schwungvoll setzte er über die Brüstung des Laufgangs, landete mit knallenden Sohlen auf dem Stahl der Plattform und rannte zu seinem Bike. Die Turbine lief. Hatte Jericho daran herumgefummelt? Vor seinen Augen entfernten sich die beiden Bikes mit hoher Geschwindigkeit und er tauchte ein in die verschachtelte Welt des Stahlwerks. Er stellte die Düsen senkrecht. Die Maschine fauchte und vibrierte.
»Komm schon!«, schrie er.
Langsam hob das Airbike ab, als etwas so dicht an seinem Schädel vorbeipfiff, dass er den Luftzug spürte. Er wendete die Maschine in der Luft und sah den kahlköpfigen Riesen aus der Zentrale stürmen, in jeder Hand eine Waffe, aus beiden Rohren feuernd. Xin attackierte ihn im Sturzflug. Der Hüne warf sich zu Boden. Mit verächtlichem Schnauben zog er das Airbike wieder nach oben und flog den anderen hinterher.
Daxiong stemmte sich hoch. Sein Herz raste, die Sonne brannte auf ihn herab. Über den flirrenden Schlackefeldern gewannen die kleiner werdenden Airbikes rasch an Distanz, dennoch war unverkennbar, dass eine der Maschinen die andere bedrängte und zur Landung zu zwingen versuchte.
Einer der Killer lag tot in der Zentrale. Wer steuerte das fliehende Bike?
Yoyo?
Noch während er darüber nachdachte, polterte er die Zickzacktreppe herab. Außer ihm und möglicherweise Yoyo hatte kein Wächter das Massaker überlebt. Die übrigen City Demons wussten nichts von der Doppelexistenz der sechs, auch wenn sie Verschiedenes ahnen mochten. Yoyo und er hatten die Demons seinerzeit als Tarnung ins Leben gerufen. Ein Motorradverein erregte keinen Verdacht, galt nicht als intellektuell und subversiv. Man konnte sich ohne Probleme treffen, zumal in Quyu. Drei weitere Mitglieder waren im vergangenen Jahr hinzugekommen. Vielleicht, dachte Daxiong, während er seine drei Zentner auf sein Motorrad wuchtete, war der Zeitpunkt gekommen, sie einzuweihen. Genau genommen blieb ihm nicht mal eine Wahl. Wen immer sie zum Gegner hatten, fest stand, dass die Wächter aufgeflogen waren.
Im Losfahren wählte er eine Nummer.
Es schellte. Zu lange, viel zu lange. Dann meldete sich die Stimme des Jungen.
»Wo warst du, verdammt noch mal?«, schnauzte Daxiong.
Lau Ye gähnte und redete gleichzeitig.
Dann fragte er etwas.
»Frag nicht, Ye«, schnaufte Daxiong ins Handy. »Trommel Xiao-Tong und Mak zusammen. Sofort! Fahrt zum Hochofen und räumt die Zentrale aus, alles, was ihr findet, Computer, Displays.«
Der Junge stotterte etwas, dem Daxiong entnahm, dass er nicht wusste, wo die anderen waren.
»Dann finde sie!«, schrie er. »Ich erklär's dir später. - Was? - Nein, bringt das Zeug nicht ins ANDROMEDA, auch nicht in die Werkstatt. - Dann denk dir was aus. Irgendeinen Ort, mit dem man uns nicht in Verbindung bringt. Ach, und Ye -« Er schluckte. »Ihr werdet Leichen finden. Reißt euch zusammen, hörst du?«
Er beendete das Gespräch, bevor Ye doch noch Fragen stellte.
Jerichos Maschine erhielt einen Schlag, als das Airbike des Blonden gegen die Karosse prallte. Immer wieder hatte er versucht, den Luftraum über der Stahlarbeitersiedlung anzusteuern. Jedes Mal zwang ihn der Blonde zurück, starrte wild zu ihnen hinüber und versuchte, sie ins Visier zu nehmen. Unter ihnen raste die Mondlandschaft der Schlackenfelder dahin. Erneut versuchte Jericho einen Ausfall nach links. Der Blonde beschleunigte und drängte ihn in die Gegenrichtung.
»Wo willst du eigentlich hin?«, gellte Yoyos Stimme in seinen Ohren.
»Wir hängen ihn ab!«
»Du hast keine Chance auf freiem Feld! Lock ihn in die Anlage.«
Das Airbike des Blonden schoss nach oben und stieß unvermittelt auf sie herab. Jericho sah den Fischbauch der Maschine dicht über sich und ging tiefer. Knapp über dem Erdboden eierten sie dahin.
»Pass doch auf!«, schnauzte Yoyo.
»Ich weiß, was ich tue!« Zorn kochte in ihm hoch, doch tatsächlich war er sich keineswegs sicher, was er tun sollte. Unmittelbar vor ihnen wuchs ein gewaltiger Schornstein aus dem Boden.
»Rechts!«, kreischte Yoyo. »Nach rechts!«
Die Maschine des Blonden drückte sie weiter nach unten. Das Bike schrammte über eingetrocknete Schlacke, begann zu hopsen, geriet in heftiges Schlingern, dann waren sie um den Schornstein herum, nur um sich vor einer hangargroßen Halle wiederzufinden. Kein Weg führte an dem Gebäude vorbei, keiner darüber hinweg. Sie waren zu nah, viel zu nah. Keine Chance, auszuweichen, abzudrehen, sie vor der Kollision zu bewahren.
Doch! Das Hallentor stand einen Spaltbreit offen.
Unmittelbar vor dem drohenden Aufprall verzog Jericho die Maschine und schoss hindurch.
Lau Ye hetzte durch die dämmrige Konzerthalle des ANDROMEDA. Er lief, so schnell ihn seine schmächtigen Beine trugen.
Stell keine Fragen. Frag nicht.
Er war einiges von Daxiong gewohnt in dieser Hinsicht, und er hatte sich niemals beklagt. Lau Ye war Novize im Orden der City Demons, als Letzter hinzugekommen und bei Weitem der Jüngste. Er respektierte Daxiong und Yoyo, Ziyi und Maggie, Tony und Jia Wei. Ebenso respektierte er Ma Mak und Hui Xiao-Tong, obwohl auch sie erst nachträglich in den Club aufgenommen worden waren. Nachträglich insofern, als die anderen den Verein gemeinsam ins Leben gerufen hatten, mit Daxiong als Begründer und Yoyo in der Rolle der Vizepräsidentin.
Doch Ye war nicht blind.
Kurz nach Stilllegung des Stahlwerks in der Siedlung geboren, ohne Schulbildung, dafür umso intimer vertraut mit Xaxus Eigentümlichkeiten und denen seiner Bewohner, hatte er von Anfang an nicht geglaubt, dass die Demons bloß ein Motorradclub waren. Auch Daxiong stammte aus Quyu, galt jedoch als Grenzgänger zwischen der Welt der Vernetzten und Netzlosen. Niemand bezweifelte, dass er eines schönen Morgens auf der anderen Seite aufwachen, sich die Augen reiben, mit einem schicken Wagen in ein klimatisiertes Hochhaus fahren und dort einer gut bezahlten Tätigkeit nachgehen würde. Yoyo hingegen, Maggie, Ziyi, Tony und Jia Wei gehörten ebenso wenig nach Quyu wie ein Streichquartett ins ANDROMEDA. In der alten Steuerzentrale hatten sie eine Art Cyber Planet für Privilegierte eingerichtet, und Yoyo hatte all die superteuren Computer vollgepackt mit geilen Spielen, doch sie war keine von ihnen. Sie ging auf die Uni. Jeder von denen ging auf die Uni, um etwas zu studieren, das Eltern gemeinhin als sinnvoll erachteten.
Na ja. Nicht seine.
Lau Yes Eltern kümmerten sich nicht groß um ihn. Mit seinen sechzehn Jahren hätte er ebenso gut auf dem Mond leben können. Die Arbeit in Daxiongs Werkstatt und die City Demons waren alles, was er hatte, und er liebte es, dazuzugehören. Darum fragte er auch nicht. Fragte nicht, ob seine Wenigkeit, Xiao-Tong und Mak eventuell nur dazu dienten, ein konspiratives Studentenclübchen slumtauglich zu tarnen. Fragte nicht, was die sechs während der vielen Treffen in der Zentrale veranstalteten, wenn er, Xiao-Tong und Mak nicht zugegen waren. Bis vor wenigen Tagen, als Yoyo völlig abgehetzt in der Werkstatt aufgekreuzt war. Da hatte er Daxiong dann doch gefragt.
Die Antwort war vertraut ausgefallen.
»Frag nicht.«
»Ich will nur wissen, ob ich was tun kann.«
»Yoyo hat Ärger. Am besten, du bleibst vorübergehend in der Werkstatt und meidest die Zentrale.«
»Was für Ärger hat sie denn?«
»Frag nicht.«
Frag nicht. Bloß, drei Tage später war dieser Typ mit den blonden Haaren und den blauen Augen aufgetaucht, über den Daxiong später gesagt hatte, er sähe aus wie ein - Skanavier? Skandinavier! Ye hatte sich mit dem Mann unterhalten und erfahren, dass er ins ANDROMEDA wollte.
»Cool«, hatte er später zu Daxiong gesagt. »Den hast du ja vielleicht ins Unkraut geschickt. Warum eigentlich?«
»Frag -«
»Doch. Ich frage.«
Daxiong hatte sich die Glatze gerieben und das Kinn, in seinen Ohren gestochert, an seinem falschen Bart gezupft und endlich geknurrt:
»Kann sein, dass wir unliebsamen Besuch bekommen. Miese Typen.«
»Solche wie der vorhin.«
»Genau.«
»Und was wollen die von uns? Ich meine, was wollen die von euch? Was habt ihr gemacht, ihr - sechs?«
Daxiong hatte ihn lange angesehen.
»Wenn ich dir demnächst was anvertraue, kleiner Ye, wirst du dann die Klappe halten und es niemandem weitererzählen?«
»Okay.«
»Auch nicht Mak oder Xiao-Tong?«
»O - okay.«
»Habe ich dein Wort?«
»Natürlich. Ähm - worum geht's denn?«
»Frag nicht.«
Doch selbst an jenem denkwürdigen Tag hatte die Standardabfuhr nicht so verzweifelt und zornig geklungen wie gerade eben. Was Ye seit Langem schon vermutet hatte, schien sich zu bestätigen. Die sechs pflegten verschwörerische Rituale. Er zitterte an allen Gliedern, als er den Innenraum durchquerte, der nach dem gestrigen Konzert noch völlig verwüstet und kaum passierbar war vor lauter Essensresten, Flaschen, Kippen und Drogenbesteck. Alkohol, kalter Rauch und Pisse formierten sich zu einem Generalangriff auf seine Chemorezeptoren. Mak und Xiao-Tong waren seit vier Wochen zusammen und ebenso auf dem Konzert gewesen wie er. Anschließend hatten sie es ordentlich krachen lassen. Erst gegen Morgen war Ye zugedröhnt in Yoyos verlassene Sommerresidenz über der Bühne gekrochen. Auch jetzt noch fühlte sich sein Schädel an wie ein Aquarium, in dem bei jeder Bewegung das Wasser umherschwappte, doch Daxiong vertraute ihm.
Ihr werdet Leichen finden -
Etwas Schreckliches musste geschehen sein. Ye ahnte, wo die beiden anderen zu finden sein würden. Ma Mak schlief zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern in der Ruine eines halb abgerissenen Hauses am Rande der Siedlung. Die Familie teilte sich einen einzigen Raum, während Hui Xiao-Tong alleine in einem höhlenartigen Verschlag ganz in der Nähe hauste. Dort würde er sie aufstöbern.
Er taumelte ins grelle Licht hinaus, kniff die Augen zusammen und lief über den Platz zu seinem Motorrad.
Im Innern der Halle war es dämmrig, ein Raum von kolossalen Ausmaßen, die Decke zwischen 20 und 30 Meter hoch, genietete Wände, Stahlträger. Große Gestelle ließen darauf schließen, dass hier früher gegossener Stahl gelagert hatte.
Hinter ihnen krachten Schüsse. Ihr Echo wurde von Wänden und Decken zurückgeworfen, akustische Querschläger.
»Pass verdammt noch mal auf, wo du hinfliegst«, schrie Yoyo.
Jericho wandte den Kopf und sah den Blonden aufholen.
»Geh tiefer!«
Ihr Verfolger näherte sich. Erneut peitschten Schüsse durch die Halle. Mit heulender Turbine jagten sie zwischen den Gestellen hindurch der rückwärtigen Hallenwand entgegen, auch dort ein Tor, deckenhoch, das erfreulicherweise offen stand. Jenseits davon gähnte ein weiterer Raum, noch dunkler als dieser.
Etwas vom Aussehen eines Krans schälte sich aus der Düsternis.
»Vorsicht!«
»Wenn du nicht endlich die Klappe hältst -«
»Höher! Höher!«
Jericho gehorchte. Das Airbike hüpfte in einer halsbrecherischen Parabel über den Kran hinweg. Plötzlich war er zu hoch unter der Decke. Kurzerhand schwenkte er die Düsen in Gegenrichtung. Die Maschine stellte sich quer, schoss abwärts und begann sich in rasendem Tempo um sich selbst zu drehen. Kreiselnd wirbelten sie in die nächste Halle. Jericho erhaschte einen Blick auf den Verfolger, sah ihn knapp unter dem Torsturz hindurchziehen und in einen kontrollierten Sturzflug übergehen, dann lenkte der Blonde sein Bike gegen ihres und rammte sie von der Seite, doch was dazu gedacht war, sie aus der Bahn zu werfen, hatte den gegenteiligen Effekt. Wie durch ein Wunder stabilisierte sich die Maschine. Plötzlich fanden sie sich im Geradeausflug wieder, der Wand bedenklich nahe. Jericho kniff die Augen zusammen. Diese Halle erschien ihm noch größer und höher als die vorherige. Hunderte hintereinandergelagerter Rollen verliefen über dem Boden, offenbar eine Art Förderband, das zu einer hoch aufragenden Konstruktion führte. Düster und klotzig mutete sie an wie eine Druckerpresse, nur dass hier wohl Bücher für Zyklopen gefertigt worden waren.
Ein Walzwerk, schoss es Jericho durch den Kopf. Das Ding war ein Walzgerüst, um glühende Eisenblöcke zu Blechen zu zerquetschen. Was man so alles wusste!
Wieder stieß der Blonde herab, versuchte sie gegen die Wand zu drücken. Jericho schaute zu ihm herüber. In dem blutbespritzten Gesicht blitzte ein triumphierendes Grinsen.
Ihm platzte der Kragen.
»Yoyo?«
»Was ist?«
»Festhalten!«
Im Moment, da sie sich an ihn presste, riss er das Steuer herum und versetzte dem angreifenden Bike einen mächtigen Hieb mit dem Rumpf. Yoyo schrie auf. Splitter der zerberstenden Windschutzscheibe spritzen nach allen Seiten hinweg. Das Bike des Killers wurde zur Seite geschleudert, seine Waffe verschwand in der Dunkelheit. Jericho ließ ihm keine Atempause, rammte sein Bike ein weiteres Mal, während sie Seite an Seite auf die Walze zurasten.
»Und mit ganz herzlichen Grüßen«, schrie er, »das noch!«
Der dritte Stoß traf das Heck des Blonden. Sein Bike überschlug sich in der Luft, wirbelte auf die Walze zu. Jericho zog an ihm vorbei, sah den Killer mit fuchtelnden Armen um Kontrolle und Gleichgewicht kämpfen, legte sich in die Kurve. Knapp umflogen sie den Koloss, doch das hässliche Geräusch des Aufpralls blieb aus. Stattdessen knallte es mehrmals heftig hintereinander. Jericho starrte in den Rückspiegel. Unglaublich! Irgendwie war es dem Kerl gelungen, der Kollision zu entgehen und sein Bike auf Grund zu setzen. Wie ein Stein auf der Oberfläche eines Sees hüpfte es über die Rollen des Förderbandes dahin, kippte und warf seinen Reiter ab.
Der nächste Torschlund öffnete sich vor ihren Augen.
»Yoyo«, rief er nach hinten. »Wie zum Teufel finden wir hier wieder raus?«
»Gar nicht.« Ihr ausgestreckter Arm zeigte an ihm vorbei in die Dunkelheit. »Wenn du da durch bist, kommst du direkt in die Hölle.«
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