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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 4 Gaia, Vallis Alpina, Mond

02.10.2009 ·  Ein Hotel in Menschengestalt - nach einem alten und immer neuen Menschheitstraum hat Julian Orley das Flaggschiff seines Touristikkonzerns gestaltet. Die gute Nachricht: Auch auf dem Mond gibt es fangfrisches Sushi und Golfplätze. Die schlechte folgt später. Vierte Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe „Limit“.

Von Frank Schätzing
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Die Sonne verlor an Gewicht.
Mit jeder Minute gingen ihrem Mantel 60 Millionen Tonnen Substanz verloren, Protonen, Elektronen, Heliumkerne sowie einige elementare Nebendarsteller, Ingredienzien jener geheimnisvollen Rezeptur des Urnebels, von dem es hieß, er habe die hauseigenen Himmelskörper hervorgebracht. Unablässig strömte der Sonnenwind ins All, lenkte Kometenschweife um, erglühte als Polarlicht am irdischen Firmament, reinigte die interplanetaren Räume von abgelagerten Gasen und gelangte weit über Plutos Bahn bis in die Oortsche Wolke. Kosmische Hintergrundstrahlung mischte sich hinein, schwach, aber allgegenwärtig, ein lichtschneller Fluss von Geschichten über Supernovae, Neutronensterne, Schwarze Löcher und die Frühzeit des Universums.

Allen diesen Einflüssen war der Mond, seit ihn die Erde im Zuge ihrer Verehelichung mit einem Kleinplaneten namens Theia gezeugt hatte, schutzlos ausgesetzt. Beständig strich der Atem der Sonne über ihn hinweg. Kein Magnetfeld lenkte den Fluss hochenergetischer Teilchen ab, und obwohl sie nur wenige Mikrometer tief eindrangen, war der lunare Staub bis auf den Grund damit gesättigt, um- und umgepflügt von viereinhalb Milliarden Jahren Meteoritenbeschuss, der das Unterste zuoberst gekehrt hatte. Seit seiner Gestaltwerdung hatte der Trabant so viel vom solaren Plasma geschluckt, dass es reichte, eine rohstoffhungrige Menschheit auf den Plan zu rufen, die nun mithilfe von Raumschiffen und Fördermaschinen antrat, um ihm sein Erbe zu entreißen.

Manchmal stürmte es auf der Sonne.
Dann fleckte sich ihr Leib, spannten sich gewaltige Plasmabögen über die Ozeane ihrer Glut, schleuderte sie das Zigfache ihrer üblichen Strahlung in den Weltraum, und der Sonnenwind schwoll zum Orkan, der mit verdoppelter Geschwindigkeit durchs Sonnensystem raste. Während dieser Zeit empfahl es sich für Astronauten, auf die Abschirmung ihrer Unterkunft zu vertrauen und tunlichst nicht in einem Raumschiff unterwegs zu sein. Jeder ionisierte Partikel, der eine menschliche Zelle durchschlug, schädigte die Erbsubstanz auf irreparable Weise. Alle elf Jahre traten die solaren Orkane mit geballter Häufigkeit auf, 2024 erst hatten sie den Shuttle-Verkehr zeitweise lahmgelegt und die Bewohner der Mondbasen unter die Erde gezwungen. Nicht einmal Maschinen mochten die Partikelstürme, weil sie ihre Außenhaut schädigten, die gespeicherten Daten ihrer Mikrochips löschten, Fehlschaltungen verursachten und unerwünschte Kettenreaktionen in Gang setzten.

Sonnenstürme, darüber herrschte Einigkeit, bildeten das größte Risiko in der bemannten Raumfahrt.
Am 26. Mai 2025 ging der Atem der Sonne ruhig und gleichmäßig.
Wie gewohnt verströmte er sich in die Heliosphäre, erreichte Merkur, mischte sich mit venusischem und marsianischem Kohlendioxid und irdischer Luft, durchsetzte die Gashüllen Jupiters, Saturns, Uranus und Neptuns, lagerte sich auf den Oberflächen ihrer Trabanten ab und erreichte natürlich auch den Erdmond, jeder Partikel 400 Sekundenkilometer schnell. Die Teilchen prallten in den Regolith, hefteten sich an den grauen Staub, verteilten sich in Ebenen und auf Kraterwällen, und einige Billionen von ihnen kollidierten mit einer kolossalen Frau am Rande des Vallis Alpina im lunaren Norden, ohne ihre Haut durchdringen zu können, jedenfalls nicht dort, wo diese mit Mondbeton gepanzert war. Unbeeindruckt vom kosmischen Hagel saß GAIA auf ihrem Felsvorsprung, das blicklose Gesicht der Erde zugewandt.

Julians Frau im Mond:
Lynns Albtraum.
Der gestrandete Ozeandampfer am Vulkanhang der Isla de las Estrellas, das OSS GRAND, beide waren in ihrer Fantasie gereift. GAIA indes entsprang einem Traum Julians, der seine Tochter darin höchstpersönlich auf dem Mond hatte sitzen sehen, eine Lichtgestalt vor dem schwarzen, sternenbesetzten Brokat des Weltraums. Typischerweise erblickte er Lynn in metaphorischer Überhöhung, als Ideal einer sich ausbreitenden, geläuterten Menschheit, erwachte, rief sie noch vom Bett aus an und erzählte ihr von seiner Vision. Und natürlich hatte Lynn die Idee eines Hotels in Menschengestalt mit Begeisterung aufgenommen, ihren Vater beglückwünscht und versprochen, umgehend die ersten Entwürfe zu fertigen, während ihr das verklärende Moment ihrer selbst so sehr auf den Magen schlug, dass sie eine Woche lang nicht schlief, ihre Essstörungen auf einem neuen Level der Verweigerung kultivierte und anfing, kleine grüne Tabletten zu schlucken, um ihrer Versagensängste Herr zu werden, doch irgendwie schaffte sie es, den Koloss an den Rand des Vallis Alpina zu stellen, ein Riesenweib, benannt nach der mythischen Erdmutter des alten Griechenland.
GAIA.

Und das Weib war ihr gelungen! Im Wahnsinn der Realisierung verdampfte ihr letzter Rest Energie, dafür konnte sie auf ein Meisterwerk blicken. Zumindest fand jeder, dass es eines sei. Sie selbst war dessen nicht so sicher. Julians Logik zufolge hätte sie an GAIA genesen müssen, da er das Projekt als therapeutische Maßnahme gegen die Nachwehen ihrer ominösen, eben erst überstandenen Krankheit sah, deren Natur er in etwa so sehr begriff, als sei sie vorübergehend von Aliens entführt und auf einen fremden Planeten verschleppt worden. Ebenfalls typisch für Julian, hatte er sich in den Glauben verstiegen, ihrem Leiden liege ein Mangel an Herausforderungen zugrunde, ein erdrückendes Übermaß an Routine, die ihr sonst so agiles Blut eindickte. Lynn hatte ORLEY TRAVEL, den Touristikkonzern der Gruppe, über die Jahre vorbildlich geführt. Möglich, dass sie sich nach etwas Aufregendem, Neuen sehnte. Vielleicht war sie ja unterfordert. Sie verwaltete die Welt, aber war die Welt genug? Private Suborbitalflüge, bezahlte Ausflüge zur OSS, Reisen zu den kleineren Hotels in der Umlaufbahn, all das hatte Ende des zweiten Jahrzehnts noch im Verantwortungsbereich von ORLEY SPACE gelegen, streng genommen aber handelte es sich dabei um Touristik.

Und so hatte Julian beschlossen, nicht ORLEY SPACE, sondern seine Tochter mit dem größten Abenteuer in der Geschichte des Hotelbaus zu betrauen.
Was die Planung des titanischen Projekts vereinfachte, waren statische Freiheiten, da auf dem Mond alles nur den sechsten Teil seines irdischen Gewichts wog. Erschwert wurde die Arbeit durch das völlige Fehlen jeder Erfahrung im lunaren Hochbau. Große Teile der amerikanischen Mondbasis waren unterirdisch angelegt, der Rest denkbar flach. China hatte völlig auf einen festen Standort verzichtet und seinen Außenposten in verkoppelbaren, tankwagenartigen Fahrzeugen untergebracht, die unweit des Fördergebiets den Verarbeitungsmaschinen folgten. Am lunaren Südpol, auf den Kraterrändern des Aitken-Beckens, teilte sich eine kleine Station der Deutschen ein sonniges Plätzchen mit seinem französischen Äquivalent, jeweils ausgelegt für zwei Mann Besatzung, während im Oceanus Procellarum ein munteres Dingsda, emsig und automatisiert, Traumgrundstücke für eine russische Basis ausspähte, die nicht gebaut werden würde. Das Mare Serenitatis bot einem indischen Roboter Heim und Kurzweil, Japan unterhielt ein desolates, weil leer stehendes Habitat um die Ecke. Mehr bauliches Anschauungsmaterial hatte der Mond nicht zu bieten. Immerhin bewies die Hochbahn, dass aufstrebende, filigrane Konstruktionen in seinem Schwerefeld Bestand hatten, die auf der Erde schon unter ihrem eigenen Gewicht zusammengebrochen wären.
Und GAIA sollte groß werden. Keine Frühstückspension, sondern ein Monument zum Ruhme der Menschheit - und natürlich, um 200 ihrer solventesten Vertreter darin unterzubringen.

Ergeben hatte Lynn Designer und Statiker zusammengetrommelt und mit den Planungen begonnen, unter strengster Geheimhaltung. Schnell erwies sich, dass eine stehende Figur zu hoch werden würde. Alternativ skizzierte sie GAIA darum sitzend, was insbesondere Julians Zuspruch fand, der sich sein Hotel so und nicht anders erträumt hatte. Da außer Diskussion stand, den menschlichen Körper detailgetreu nachzubilden, verschmolz das Planungsteam als Erstes die Beine der Frau zu einem massiven Komplex, als trage sie einen eng anliegenden Rock, und ließ sie in einer Spitze auslaufen. Po und Oberschenkel formten den waagerecht aufliegenden Teil des Gebäudes, das jenseits der Knie in die Schlucht abknickte, ohne Kontakt zum rückwärtigen Fels. Schon diese statische Tollkühnheit reichte, um Lynn Halt an der Toilettenschüssel suchen zu lassen, wo sie das meiste des wenigen, das sie herunterwürgte, halb verdaut wieder ausspie. Im Gegenzug erhöhte sich ihr Tablettenkonsum, doch Julian war begeistert, und die Fachleute sagten, na ja, machbar sei es.
Unnötig zu betonen, dass machbar Julians Lieblingswort war.

Die Herausarbeitung weiblicher Attribute verlagerte sich im Folgenden auf den Torso, im Grunde ein Hochhaus mit Kurven statt gerade gezogener Wände. Es erhielt eine Taille und die Andeutung eines Busens, um den viel gestritten wurde. Den männlichen Zeichnern gerieten die Brüste durchweg zu groß. Lynn erklärte, sich nicht mit der Statik pornostarträchtiger Titten herumschlagen zu wollen, nur um ein paar Leute mehr unterzubringen, und zensierte sie weg. Plötzlich fand sie die ganze Idee, eine Frau auf den Mond zu setzen, schrecklich borniert. Julian führte ins Feld, die Eliminierung der Oberweite lasse auf einen Mann schließen, und ob es nicht an der Zeit sei, die Menschheit von einer Frau repräsentieren zu lassen? Ein Architekt deutete an, Lynn für prüde zu halten. Lynn regte sich auf. Weder sei sie lustfeindlich noch selbst zu knapp ausgestattet, aber was bitte schön solle GAIA verkörpern? Ein Monument der Möpse? Den Expansionswillen der weiblichen Oberweite? Also gewölbt, meinte Julian. Gern an der Grenze zum Knabenhaften, konterte Lynn. Aber nicht androgyn, protestierte der Leiter des Fassadenteams. Auf gar keinen Fall ausladend, beharrte Lynn. Dann eben dezent gewölbt, schlug Julian vor, was noch am besten klang, bloß, was war dezent?

Eine Praktikantin eilte herbei, setzte sich wortlos an den Computer und zeichnete eine Kurve. Jeder betrachtete sie. Jedem gefiel sie. Knabenhaft, aber nicht androgyn. Die Kurve einigte alle, und der Punkt war vom Tisch.
Feminin, ohne schmal zu sein, gerieten die Schultern, mit leicht abgewinkelten, sich zum Boden hin verjüngenden Türmen, mündend in der Stilisierung aufgestützter Handflächen. Dem Torso entwuchs ein schlanker Hals, darauf ein Kopf in perfekter Proportionierung zum Körper, haar- und gesichtslos, nichts als die edle Kontur des reinen Schädels und leicht in den Nacken gelegt, sodass GAIA die Erde im Blick hatte. Das Ganze, wie es da im Computer Gestalt annahm, bescherte Lynn Koliken und Schweißausbrüche, doch duldsam nahm sie die nächste Herausforderung an: möglichst viel Glas bei optimalem Schutz gegen Strahlung. GAIAs ›Gesicht‹, verkündete sie, solle transparent sein, da sie im Kopf Restaurants und Bars unterzubringen gedenke, der Hinterkopf hingegen, das Reich der Köche, gepanzert. Glas zog sich über den Kehlkopf und die Wölbung der Brust, in der die Suiten beheimatet waren, als Prunkstück diente ein riesiges, gotisch geschnittenes Fenster für die Bauchhöhle, vier Ebenen mit Rezeption, Casino, Tennisplätzen und Sauna einfassend, sowie eine Verglasung der Schienbeine und Sichtflächen an den Armaußenseiten. Julian bemängelte, das Riesenfenster erinnere ihn an ungeliebte Kirchgänge zu Zeiten, da er sich nicht habe wehren können. Lynn ersetzte die Spitze durch einen romanischen Bogen, und das Fenster blieb.
Alles übrige, Rückfront, Schultern, Rippenbereich, Hals, Oberschenkel und Innenarme, würde mit panzerplattendickem Gussbeton aus Regolith verkleidet sein, verstärkt durch Glasplatten mit Wasser dazwischen, um Partikel zu absorbieren und den Wärmeverlust einzudämmen. Der Beton sollte, das Einverständnis der Amerikaner vorausgesetzt, in den bestehenden Fabrikationsanlagen am Nordpol ohne Hinzufügen von Wasser durch bloßes Erhitzen gewonnen und in einem automatisierten Montagewerk zu baugerechten Komponenten gegossen werden. Mondbeton stand im Ruf, zehnmal strapazierfähiger als üblicher Beton zu sein, resistent gegen Erosion, kosmische Strahlung und Mikrometeoriten, außerdem war er billig.

GAIAs Skelett nahm Gestalt an: ein gewaltiger Hauptträger als Rückgrat, durch den alle erforderlichen Leitungen und Schächte sowie drei Hochgeschwindigkeitsaufzüge verliefen, davon abzweigend stählerne Rippen, um Außenhülle und Stockwerke zu tragen, tief ins Felsplateau getriebene Verankerungen. Kreuzverstrebungen schienen nicht nötig zu sein, bis jemandem auffiel, dass die Struktur auf weit höhere Weise belastet sein würde als ursprünglich gedacht, da das umgebende Vakuum dem Druck der künstlich erzeugten Atmosphäre im Inneren nichts entgegenzusetzen hatte. Etliche Annahmen wurden hinfällig, alle Parameter fieberhaft neu berechnet, bis die Experten das Problem für gelöst erklärten. Danach hatte sich Lynns Fundus an Untergangsfantasien um ein Hotel erweitert, das irgendwann platzte.

Doch GAIA erstrahlte.
Von innen heraus leuchtete sie und kraft starker Scheinwerfer, die ihr makelloses, schneeweiß beschichtetes Äußeres in weichem Licht badeten. Nach Jahren der Mühsal hatte Lynn es geschafft. Sie hatte Julians Traumfrau vollendet, jedenfalls zu allergrößten Teilen. Einigen der preiswerteren Zimmer mangelte es noch an Wasserversorgung und Abfallbeseitigung, eine multireligiöse Kirche dort, wo GAIAs Knie sich winkelten, bedurfte redundanter Lebenserhaltungssysteme, um den Sicherheitsstandards vollauf zu genügen, und was die Banalität eines Raumhafens anging, würden sie später vielleicht einen bauen, um Direktverbindungen zwischen GAIA und OSS zu ermöglichen. Andererseits schlug der Lunar Express jeden Direktflug. Mit ihm einzutreffen, machte eindeutig mehr Spaß, und außerdem hatten sie ja ein Flugfeld für den interlunaren Verkehr. Alles war gut.

Nur nicht in Lynns Schädel.
In ihren Albträumen war GAIA schon so oft in sich zusammengekracht, dass sie der Katastrophe inzwischen entgegenfieberte. Ein ganzer Büroraum voller Gutachten besagte, dass es nicht dazu kommen würde, doch sie wusste es besser. Der Gedanke, etwas übersehen zu haben, hatte sie in den Wahnsinn getrieben, und Wahnsinn war zerstörerisch.

Ihr seid alle nicht sicher, dachte sie und stellte die Frau vor,
»- die rund um die Uhr für Ihre Sicherheit und für Ihr Wohlbefinden sorgen wird, zusammen mit ihrem Team. Liebe Freunde, ich freue mich, Sie mit unserer Hoteldirektorin oder besser gesagt, GAIAs Managerin bekannt machen zu dürfen: Dana Lawrence.«

Planmäßig hatte der Lunar Express den hoteleigenen Bahnhof erreicht. Eine Weile waren sie am Rande der Schlucht entlanggefahren, sodass sie exorbitante Blicke auf das gegenüberliegende Bauwerk genießen konnten, hatten ihren äußeren Ausläufer überquert und sich GAIA in einer weitläufigen Kurve genähert. Unmittelbar vor dem Hotel stieg das Gelände an, ein Umstand, der die Erbauer bewogen hatte, den Schienenstrang nicht bergauf zu führen, sondern in einen Tunnel münden zu lassen, sodass der Bahnhof im Untergrund lag. 300 Meter hinter der gigantischen Figur endeten die Gleise in einer kahlen Halle. Diesmal gab es beim Ausstieg kein Vakuum zu durchschreiten. Über Gangways gelangten sie in einen breiten, druckbeaufschlagten Korridor mit Laufbändern, die geradewegs unter das Hotel führten, von dort zu den Fahrstühlen und hoch in die Lobby, eine organisch gestaltete Servicelandschaft voller Sitzinseln und eleganter Schreibtische. Hinter Aquarienscheiben glitten Fische dahin. Kokette Bäumchen in Frühlingsgrün flankierten eine geschwungene Rezeption, über deren Rund in Entsprechung des Sonnensystems holografisch animierte Planeten um ein hell leuchtendes Zentralgestirn kreisten, dessen Oberfläche Protuberanzen spie. Legte man den Kopf in den Nacken, schien sich der Raum in einem Mikado gläserner Brücken zu verlieren. Der Umstand, dass die Rezeption in GAIAs verglastem Oberbauch beheimatet war, wo sich das romanische Riesenfenster rundete, verlieh ihr etwas Kathedralenartiges. Über die Schlucht hinweg blickte man auf die sonnenbeschienene andere Seite und die Pfeiler der Hochbahn, die sich ins Hinterland entfernten. Am Himmel leuchtete heimatlich die Erde.

Dana Lawrence nickte in die Runde.
Sie hatte graugrüne, prüfend blickende Augen, ein ovales Gesicht und schulterlang geschnittenes Kupferhaar. Mit ihren hoch liegenden Wangenknochen und bogenförmigen Brauen strahlte sie britische Kühle an der Schwelle zur Unnahbarkeit aus. Selbst der sinnliche Schwung ihrer Lippen vermochte wenig daran zu ändern. Erst wenn sie ein Lächeln investierte, verflog der Eindruck, allerdings ging Lawrence nicht eben verschwenderisch damit um. Sie wusste sehr genau um ihre Erscheinung und auch, dass sie von Kompetenz und Ernsthaftigkeit geprägt war - etwas, worauf Leute, die zum Mond flogen, Wert legten.
»Danke, Lynn«, sagte sie und trat ein Stück vor. »Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise. Wie Sie vielleicht wissen, soll dieses Hotel künftig 200 Gästen und 100 Angestellten Platz bieten. Da Sie es nun eine Woche lang für sich alleine haben, waren wir so frei, den Personalbestand ein wenig herunterzufahren, ohne dass es Ihnen an etwas fehlen wird. Unsere Mitarbeiter haben Erfahrung darin, Wünsche zu erfüllen, noch bevor sie geäußert werden. Sophie Thiel -«

Sie wandte den Kopf zu einem Grüppchen um die Wette lächelnder junger Menschen, allesamt in die Farben der Orley-Gruppe gekleidet. Eine sommersprossige, mädchenhafte Frau trat vor.
»- meine rechte Hand, leitet die Hausmeisterei und sorgt für das reibungslose Funktionieren der Lebenserhaltungssysteme. Ashwini Anand -«, eine zierliche, indisch aussehende Frau mit stolzem Blick neigte den Kopf, »- verantwortet den Zimmerservice und kümmert sich zusammen mit Sophie um Technologie und Logistik. Astronauten haben in der Vergangenheit viel erdulden müssen, vor allem in kulinarischen Dingen. Der Weg vom Tubenmenü zur Sterneküche war lang, dafür haben Sie nun die Auswahl zwischen zwei vorzüglichen Restaurants unter der Leitung unseres Chefkochs Axel Kokoschka.« Ein vierschrötiger, schüchtern wirkender Mann mit Babygesicht und Vollglatze hob die Rechte und tapste von einem Fuß auf den anderen. »Ihm assistiert unser zweiter Chefkoch Michio Funaki, der unter anderem demonstrieren wird, wie man auf dem Mond fangfrisches Sushi zubereitet.«

Funaki, mager und kurz geschoren, ließ den Oberkörper vor und zurück schnellen.
»Alle vier sind Führungskräfte und haben die Schule einiger der besten Hotels und Küchen der Welt durchlaufen, darüber hinaus blicken sie auf eine zweijährige Ausbildungszeit im ORLEY SPACE Center zurück; durchaus taugliche Astronauten also, die mit den Systemen GAIAs ebenso vertraut sind wie mit den hiesigen Fortbewegungsmitteln. Künftig werden Sophie, Ashwini, Axel und Michio im mittleren Management des GAIA arbeiten, für die Dauer der nächsten Tage stehen sie ausschließlich Ihnen zur Verfügung. Gleiches gilt für mich. Bitte zögern Sie nicht, mich anzusprechen, wann immer Sie etwas auf dem Herzen haben. Es ist uns eine Ehre, Sie hier zu Gast zu haben, wir freuen uns sehr.«

Ein Lächeln, homöopathisch dosiert.
»Wenn für den Moment keine Fragen mehr sind, würde ich Ihnen gerne das Hotel zeigen. In einer Stunde, um 20.30 Uhr, erwarten wir Sie dann zum Dinner im SELENE.«
Unter der Lobby lag das Casino, ein Ballsaal mit Bühne, Cocktailbar und Spieltischen, ein Stockwerk tiefer begann GAIAs Unterbauch und die Dame in den Hüften breiter zu werden, sodass man sich zur allgemeinen Überraschung auf zwei Tennisplätzen wiederfand.
»Draußen gibt es zwei weitere«, sagte Lawrence. »Für die Hartgesottenen. Im Raumanzug zu spielen, ist kein Problem, Umstände bereiten die Bälle. Auf dem Mond fliegen sie immer gleich einige hundert Meter weit, also haben wir die Plätze eingezäunt.«
»Wie steht's mit Golf?«, wollte Edwards wissen.
»Golf auf dem Mond?«, kicherte Parker. »Den Ball findest du erst recht nicht wieder.«
»Doch«, sagte Lynn. »Wir haben's mit sendergepeilten Bällen versucht. Via LPCS. Funktioniert.«
»LP was?«
»Lunar Positioning and Communication System. Um den Mond kreisen zehn Satelliten, damit wir hier oben vernünftig kommunizieren und uns zurechtfinden können. Der Golfplatz liegt auf der anderen Seite der Schlucht, Shepard's Green. Wir nennen ihn auch Platz der langen Wege.«
»Wem verdankt er seinen Namen?«, fragte Kramp.
»Dem guten alten Alan Shepard«, lachte Julian. »Ein wahrer Pionier, landete mit Apollo 14 im Hochland südlich von Copernicus. Der Mistkerl hatte tatsächlich ein paar Golfbälle mitgebracht und den Kopf eines Sechsereisens. Hat abgeschlagen und gerufen: Da fliegt er Meile um Meile um Meile -«
»Ich werde hier ganz bestimmt nicht Golf spielen«, sagte Aileen Donoghue entschieden.
»Halb so wild. Er ist die Bälle nicht suchen gegangen, aber sie werden kaum weiter als 200 bis 400 Meter geflogen sein. Mondgolf macht Spaß, die Kunst ist, nicht zu feste draufzuhalten.«
»Versinken die Dinger denn nicht im Staub?«
»Zu leicht«, sagte Lawrence. »Versuchen Sie es. Wir haben allerdings auch eine holografische Abschlagstelle hier im Hotel. Möchten Sie den Wellness-Bereich sehen?«
Unterhalb der Tennisplätze erstreckte sich die Saunalandschaft, doch am meisten beeindruckte der Swimmingpool in GAIAs Gesäß. Er nahm fast die gesamte Grundfläche ein. Wände und Decken simulierten den Sternenhimmel, eine holografische Erde verströmte mildes Licht, während Boden und Umgebung dem lunaren Regolith nachempfunden waren, mit schroffen Gebirgsketten am Horizont. Ein Doppelkrater bildete den Pool, groß wie ein See und umstanden von Liegen. Die Illusion, auf der Mondoberfläche zu baden, war ziemlich perfekt.

Heidrun drehte O'Keefe ihr weißes Gesicht zu und lächelte: »Und, großer Held? Wettschwimmen?«
»Jederzeit.«
»Vorsicht! Du weißt, dass ich besser bin.«
»Abwarten, wie sich das in verminderter Schwerkraft verhält«, schmunzelte Ögi. »Womöglich hänge ich euch ja ab.«
»Also, wir sollten auf jeden Fall ein Wettschwimmen veranstalten«, verkündete Winter mit gespreizten Fingern. »Ich liiiieeebe es, im Wasser zu sein!«
»Verstehe. Tick und Trick.« O'Keefe senkte angelegentlich den Blick. »Wasservögel.«

Nacheinander besichtigten sie die Etage mit den Konferenzräumen, die multireligiöse Kirche, ein Meditationszentrum und eine blitzblanke, vertrauenerweckende Krankenstation, dann fuhren sie in GAIAs Brustkorb. Die Gruppe war im 14. bis 16. Level untergebracht, in der äußeren Brustwölbung. Fast 50 Meter unter ihnen lag die Lobby. Von den Fahrstühlen führte der Weg zu den Suiten über die gläsernen Brücken. Weitere Brücken verliefen in den Etagen darunter, kreuz und quer, zueinander versetzt, offenbar willkürlich angeordnet. Keine besaß ein Geländer.

»Ist jemand nicht schwindelfrei?«, fragte Lawrence. Sushma Nair hob zögerlich eine Hand. Einige andere schauten verunsichert. Diesmal lächelte Lawrence eine Spur herzlicher.
»Folgendes sollten Sie wissen. Wenn Sie auf der Erde von einer zwei Meter hohen Mauer springen, erreichen Sie nach 0,6 Sekunden den Boden. In dieser Zeit haben Sie Ihren Körper auf 22 Stundenkilometer beschleunigt. Auf dem Mond dauert derselbe Sprung dreimal so lange, dafür wird ihre Endgeschwindigkeit mehr als halbiert. Sprich, Sie müssten aus einer Höhe von zwölf Metern springen, um den Effekt eines irdischen Zweimetersprungs zu erzielen, anders gesagt, auf dem Mond könnten Sie bedenkenlos aus dem vierten Stock eines gewöhnlichen Wohnhauses springen. Sie sollten also nicht immer den Lift nehmen, wenn Sie nach unten wollen. Springen Sie einfach von Brücke zu Brücke, sie liegen knapp vier Meter übereinander, ein Klacks. - Will es jemand versuchen?«
»Ich«, sagte Carl Hanna.

Sie betrachtete ihn mit ihrem prüfenden Blick. Hochgewachsen, muskulös, kontrollierte Bewegungen.
»Ganz Geschickte springen auch wieder nach oben«, fügte sie vielsagend hinzu.
Hanna grinste und betrat die nächstliegende Brücke.
»Falls sie gelogen hat«, rief er den anderen zu, »werft sie mir hinterher, okay?«
Er federte ab, getragen von Donoghues schepperndem Gelächter, fiel und kam vier Meter tiefer auf, ohne im Mindesten einzuknicken.
»Als ob man von der Bordsteinkante springt«, rief er nach oben.

Im nächsten Moment segelte O'Keefe über die Kante, gefolgt von Heidrun. Beide landeten, als hätten sie nie eine andere Art der Fortbewegung gekannt.
»Meine Güte«, sagte Aileen, »meine Güte!«, wobei sie alle der Reihe nach anblickte, ein »Meine Güte« für jeden.
»Los, Leute«, dröhnte Chucky. »Zeigt, was ihr könnt! Hoch mit euch!«
»Ihr müsst schon Platz machen.« Hanna vollführte eine scheuchende Handbewegung. Sie wichen zurück. Nachdenklich fixierte er die Kante. Wenn er die Arme über den Kopf hob, maß er knapp zwei Meter fünfzig, anderthalb Meter also, die es zu überbrücken galt.
»Wie groß bist du?«, fragte O'Keefe unsicher.
»Eins neunzig.«
»Hm.« Der Ire rieb sein Kinn. »Ich bin eins fünfundsiebzig.«
»Könnte knapp werden. Heidrun?«
»Eins achtundsiebzig. Egal. Wer's nicht schafft, gibt einen aus.«
»Vergiss es.« O'Keefe winkte ab. »Hier ist alles kostenfrei.«
»Dann eben auf der Erde. Hey, in Zü­rich! Alles klar? Eine Runde Geschnetzeltes in der Kronenhalle.«
»Aber für alle!«, rief Julian.
»Gut, wir springen gemeinsam«, beschied Hanna. »Rückt rüber, dass wir uns nicht gegenseitig in die Quere kommen. - Ihr da oben, zurücktreten! Fertig?«
»Ja, Meister.« Heidrun grinste. »Bereit.«
»Und hoch!«

Kraftvoll federte Hanna ab. Es ging unglaublich leicht. Mit der Gelassenheit eines Superhelden flog er der Kante entgegen, packte sie, holte neuen Schwung und landete aufrecht stehend. Neben ihm flatterte Heidrun heran, um Gleichgewicht bemüht. O'Keefes Hände drohten am Brückenrand abzurutschen, dann fand auch er mit mäßiger Eleganz hinauf.
»Tut mir leid«, sagte er. »Kronenhalle fällt flach.«
»Ihr seid trotzdem eingeladen«, rief Ögi im Tonfall eines Menschen, der die Welt umarmt. »Nie zuvor ist eine Schweizerin aus dem Stand vier Meter hoch gesprungen. Wir sehen uns in Zürich wieder!«
»Optimist«, sagte Lynn so leise, dass es nur Lawrence mitbekam.

Die Hoteldirektorin stutzte. Sie tat, als habe sie das bleiche, kleine Wort nicht gehört, dem etwas Hinterhältiges anhaftete.
Was war los mit Orleys Tochter?
»Denken Sie bitte daran«, sagte sie laut in die Runde, »auch in verminderter Schwerkraft baut Ihr Körper Muskelmasse ab. Es gibt zwei Gästefahrstühle im GAIA, E1 und E2, sowie einen Personalfahrstuhl, doch empfehlen wir, viel zu trainieren und öfter die Abkürzung über die Brücken zu nehmen. Jetzt reden wir aber erst mal wieder über Komfort und zeigen Ihnen die Zimmer.«

Hanna ließ sich von Sophie Thiel in die Geheimnisse seiner Suite einweisen. Nichts Wesentliches unterschied die Lebenserhaltungssysteme von denen der Raumstation.
»Die Temperatur ist auf 20 Grad Celsius eingestellt, aber regelbar«, erklärte Sophie Thiel mit Panoramalächeln und wies auf ein Knöpfchen neben der Tür, wobei sie so dicht an Hanna heranrückte, dass es eben noch mit ihrer Jobbeschreibung vereinbar war. »Ihre Suite verfügt über ein eigenes Wassermanagement, wunderbar steriles Wasser -«
»Das sollten Sie den Leuten nicht so verkaufen«, sagte Hanna, während er sich umsah und den libidinösen Hitzestrahl ihres Blicks in seinem Rücken spürte. Kein Zweifel, Frau Thiel mochte Muskeln. »Es klingt, als wollten Sie jemanden damit vergiften.«
»Gut, nennen wir's einfach frisch. Haha.«

Er drehte sich zu ihr um. Die Halbmonde ihrer Augen ließen kaum die Farbe erkennen, dafür schien sie über 64 blitzweiße Zähne und unerschöpfliche Ressourcen an Frohsinn zu verfügen. Sie war kein bisschen schön und doch sehr hübsch. Eine herangewachsene Pippi Langstrumpf, oder wie diese schwedische Göre gleich noch hieß. An einem Sonntagnachmittag in einem Hotel in Deutschland, während er Stunden um Stunden auf jemanden hatte warten müssen, der längst tot im Rhein trieb, war er auf den Film gestoßen und eigenartig berührt hängen geblieben. Ein verstaubter, infantiler Streifen, doch die darin gezeigte Kindheit unterschied sich so eklatant von der seinen, dass es an Science-Fiction grenzte. Er hatte nicht umschalten können. Nie zuvor hatte er einen Kinderfilm gesehen, jedenfalls nicht so einen.

Nie wieder danach hatte er einen geguckt.
Thiel demonstrierte die Lichtregelung, öffnete eine respektable Minibar und erklärte ihm, welche Nummern er zu wählen habe, falls es ihm an etwas mangele. Ihr Blick sagte, unter anderen Umständen. Hab in den besten Hotels der Welt gearbeitet. Niemals mit Gästen. Man konnte ihr nicht gerade den Vorwurf machen, dass sie sich aufdrängte. Sie war professionell und freundlich, halt nur ein offenes Buch.
Doch Hanna war nicht hier, um sich zu amüsieren.
»Wenn Sie noch etwas wünschen -«
»Nein, im Augenblick nicht. Ich komme zurecht.«
»Ach, fast hätt ich's vergessen! Unten im Kleiderschrank finden Sie Mondpantoffeln.« Sie krauste die Nase. »Uns ist noch kein besserer Name dafür eingefallen. Die Sohlen sind mit Blei versetzt, falls Sie schwerer zu sein wünschen.«
»Warum sollte ich?«
»Manche Menschen bevorzugen es, sich auf dem Mond wie auf der Erde zu bewegen.«
»Ach so! Sehr weitsichtig.«
Ihr Blick sagte, es sei denn, du gibst dir richtig viel Mühe.
»Also dann - um halb neun im SELENE.«
»Ja. Vielen Dank.«

Er wartete, bis sie gegangen war. Die Suite repräsentierte denselben schnörkellos eleganten Stil wie die Lobby. Hanna verstand nicht viel von Design, eigentlich gar nichts, doch hier waren Könner am Werk gewesen, das spürte auch er, schließlich hatte er sich für seine Rolle einiges an Kenntnis und Stilbewusstsein aneignen müssen. Außerdem mochte er klar konturierte, überschaubare Räume. Sosehr er Indien liebte, hatte er sich durch die überbordende Gemütlichkeit des landestypischen Einrichtungsstils stets belästigt gefühlt.
Sein Blick schweifte zu dem wandgroßen Fenster.

Sie hätten keinen besseren Platz für das Hotel finden können, dachte er. Das Plateau unterhalb GAIAs, über einen Fahrstuhl erreichbar, ragte mit seinen vereinsamten Tennisplätzen weit in die Schlucht hinein. Von dort musste man einen großartigen Blick auf die erleuchtete Skulptur des Hotels haben. Zur Linken, wo die Felswände zusammenrückten und die Schlucht endete, führte ein natürlich aussehender Pfad in weitem Schwung auf die andere Seite.

Was hatte Julian Orley gleich noch gesagt? Hinter den Gleisen des Lunar Express läge der Golfplatz.
Ein Golfplatz auf dem Mond!
Plötzlich durchfuhr Hanna ein Anflug von Bedrückung, nicht als derjenige hier sein zu können, für den ihn alle hielten. Er löschte die Empfindung aus, bevor sie ihn ernsthaft beschäftigen konnte, öffnete seinen silbernen Koffer, förderte seinen Computer zutage, ein schokoriegelgroßes Touchscreen-Gerät üblicher Bauart, sowie seinen Kulturbeutel, dessen Tiefen er den elektrischen Langhaarschneider entnahm. Mit routiniertem Griff zerlegte er ihn in zwei Hälften und entnahm seinem Inneren eine winzige Platine, die er dem Computer implantierte. Unmelodisch vor sich hin pfeifend schaltete er ihn ein und sah zu, wie das Programm hochlud und sich ins LPCS einklinkte.

Sekunden später setzte ihn das Gerät darüber in Kenntnis, dass er eine Nachricht erhalten hatte.
Er öffnete seinen E-Mail-Speicher. Sie kam von einem Freund und besagte, dass er die Hochzeit von Dexter und Stacey nicht vergessen solle. Unbeeindruckt vom Heiratswillen eines nicht existierenden Paars filterte er aus dem weißen Restrauschen, das der Botschaft anhing, einen Text von wenigen Zeilen Länge heraus, der nichts anderes enthielt als die Adressen mehrerer Dutzend Internetseiten, lud ein Symbol hoch - viele ineinander verschlungene Reptilienhälse, die einem einzigen Leib zu entwachsen schienen - und wartete einen Moment.

Etwas entstand.
In blitzschneller Folge schoben sich Silben und Wörter ineinander. Die eigentliche Nachricht nahm vor seinen Augen Gestalt an. Noch während die Rekonstruktion im Gange war, wusste er, dass es Schwierigkeiten gegeben hatte. Der Text war kurz, aber dringlich:

Das Paket hat Schaden genommen. Es reagiert nicht mehr auf die Steuerung und kann den Einsatzort nicht aus eigener Kraft erreichen. Damit verändert sich Ihr Einsatzplan. Sie werden es reparieren oder den Inhalt selbst ins Ziel bringen. Falls es die Umstände erlauben, können Sie die Implantierung vorziehen. Handeln Sie umgehend!
Umgehend.

Hanna starrte auf das Display. Die Konsequenz trat ihm vor Augen wie ein ungeliebter Besucher. Umgehend hieß jetzt beziehungsweise, sobald es irgend möglich war, ohne Aufsehen zu erregen. Es bedeutete, dass er raus- und zurückmusste, später, wenn alle schliefen.
Zurück zur Peary-Basis.

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Quelle: © 2009 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Alle Rechte vorbehalten.
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