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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 3 Lunar Express

01.10.2009 ·  Auf dem Mond zu sein, ist der Hammer: Unter den erhebenden Klängen klassischer Musik bewegen sich die Space-Touristen per Zug zu ihrem Aufenthaltsort, dem Hotel GAIA, wo sie Bekanntschaft mit einem Welt- nein Mondwunder machen. Dritte Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe aus Frank Schätzings „Limit“.

Von Frank Schätzing
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Sie betraten den Zug über eine Druckschleuse und legten Helme und Panzerungen ab. Die Luft war wohlig temperiert, die Sitzabmessungen zur Aufnahme von Übergewicht geeignet, wie Rebecca Hsu mitleiderregend seufzte. Sie sagte es zu Amber Orley, mit der Chambers bislang kaum gesprochen hatte. Dabei war Amber zu jedermann freundlich, und auch Julians Sohn hatte sich nach anfänglicher Zurückhaltung als umgänglich erwiesen, sah man von seiner bleiernen Besorgtheit ab, was seine Schwester betraf. Sie verdarb ihm und Amber sichtlich die Laune und schien außerdem das Verhältnis zu seinem Vater zu strapazieren. Nichts von alldem war Chambers entgangen. Ihrer Ansicht nach hatte Lynn den Anflug von Raumkrankheit im PICARD simuliert. Etwas stimmte nicht mit ihr, und Chambers war entschlossen, es herauszufinden. Mukesh Nair hatte Tim in Beschlag genommen und ließ ihn wissen, wie sehr er sich des Lebens freue, also setzte sie sich neben Amber.

»Es sei denn, Sie möchten lieber neben Ihrem Mann -«
»Nein, überhaupt nicht!« Amber rückte näher. »Wir sind auf dem Mond, ist das nicht der Hammer?«
»Der Überhammer!«, bestätigte Chambers.
»Und erst das Hotel«, sagte sie mit dramatischem Augenrollen.
»Kennen Sie es denn? Bislang wurde ja ein Riesengeheimnis daraus gemacht. Keine Bilder, keine Filme -«
»In seltenen Momenten hat Verwandtschaft ihre Vorzüge. Lynn hat uns die Pläne sehen lassen.«
»Ich platze vor Neugierde! Hey, wir fahren.«
Unmerklich hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt. Ätherische Musik durchwob den Innenraum, hauchzart und zerdehnt, als spiele das Orchester unter Drogen.
»Wunderschön«, sagte Eva Borelius hinter Chambers. »Was ist das?«
»Aram Chatschaturjan«, antwortete Rogaschow. »Adagio für Solo-Cello und Streicher aus der GAIAneh-Suite.«
»Bravo Oleg.« Julian drehte sich um. »Können Sie auch sagen, welche Aufnahme?«
»Ich schätze, es dürften die Leningrader Philharmoniker unter Gennari Roschdestwenski sein, oder nicht?«
»Mein Gott, wie gebildet.« Borelius schien völlig perplex. »Sie kennen sich aber sehr genau aus.«
»Vor allen Dingen kenne ich die Vorliebe unseres Gastgebers für einen bestimmten Film«, sagte Rogaschow ungewohnt heiter. »Sagen wir mal, ich war vorbereitet.«
»Ich wusste gar nicht, dass Sie sich so sehr für Klassik -«
»Nein«, ließ sich Olympiada vernehmen, »man traut es ihm nicht zu.«

Hoppla, dachte Chambers. Das wird ja immer besser.
Lynn postierte sich im Mittelgang.
»Vielleicht ist Ihnen aufgefallen«, sprach sie in ein kleines Mikrofon, »dass die Reihe immer dann an mir ist, etwas zu sagen, wenn es um die Annehmlichkeiten der Unterbringung geht. Vorweg, was Sie auf dieser Reise erleben, hat den Charakter einer Premiere. Sie waren die ersten Gäste im STELLAR ISLAND HOTEL, und Sie werden die Ersten sein, die das GAIA betreten. Automatisch genießen Sie damit als Erste eine Fahrt im Lunar Express, der die knapp 1300 Kilometer bis zum Hotel in weniger als zwei Stunden zurücklegen wird. Die eigentliche Funktion des Bahnhofs, den wir gerade verlassen haben, ist allerdings die eines Umschlagplatzes. Im nordwestlichen Mare Imbrium wird Helium-3 gefördert. Über die Schiene gelangen die Tanks hierher, werden in Raumschiffe verladen und zur OSS geschickt. Der Cargo-Gleisstrang wird eine Weile parallel zu uns verlaufen und kurz, bevor wir unser Ziel erreichen, nach Westen abknicken, gut möglich also, dass wir unterwegs einem Frachtzug begegnen.«

In den Seitenfenstern blieb das Landefeld mit seinen Schutzwällen zurück. Die Magnetbahn beschleunigte, entfernte sich in einer weitläufigen Abwärtskurve von der Basis und strebte dem Schattenreich des Tals zu.
»Unsere planmäßige Ankunftszeit im Hotel beträgt 19.15 Uhr, um Ihr Gepäck müssen Sie sich nicht kümmern. Während die Roboter es auf Ihre Zimmer bringen, treffen wir uns in der Lobby, lernen die Crew kennen, besichtigen die Anlage, und im Anschluss haben Sie Gelegenheit, sich frisch zu machen. Das Dinner ist heute ausnahmsweise etwas später angesetzt, um 20.30 Uhr. Danach empfiehlt es sich, schlafen zu gehen. Die Reise war strapaziös, Sie werden müde sein, außerdem hat Neil Armstrong berichtet, in der ersten Nacht auf dem Mond außergewöhnlich gut geschlafen zu haben. Von wegen, wach liegen bei Vollmond. - Gibt es für den Moment noch Fragen?«
»Nur eine.« Donoghue hob die Hand. »Kann man einen Drink bekommen?«
»Bier, Wein, Whisky«, strahlte Lynn. »Alles alkoholfrei.«
»Ich wusste es.«
»Wird dir guttun«, sagte Aileen sehr zufrieden und tätschelte seinen Oberschenkel.

Donoghue knurrte etwas Lästerliches. Wie zur Strafe verschluckte sie die Dunkelheit. Eine Weile sah man noch die hochgelegenen Kraterränder im grellen Sonnenlicht liegen, dann verschwanden auch diese aus dem Blickfeld. Nina Hedegaard verteilte Snacks. Passend zur höllischen Finsternis wurde György Ligetis Requiem eingespielt, merklich ging es abwärts, während der Lunar Express schneller und schneller wurde. Black erklärte, dass sie in einer Schneise zwischen Peary und Hermite unterwegs seien, dann schossen sie auch schon wieder ins Sonnenlicht, an schartigen Felsformationen vorbei und einer zerklüfteten Senke entgegen. Ein weiteres Mal dunkelte es, als sie die Innenseite eines kleineren Kraters passierten. Eben noch hatte Chambers begierig Ambers Familienleben ausloten wollen, jetzt verspürte sie keinen anderen Wunsch mehr, als diese fremdartige, unberührte Landschaft zu bestaunen, das brutal Archaische ihrer Steilwände und Höhenrücken, die samtige Verschwiegenheit ihrer staubgefüllten Täler und Ebenen, die völlige Abwesenheit von Farbe. Kalt erstrahlte die Sonne auf den Rändern der Einschlaglöcher, in ihrer Glut zerrann die Zeit. Niemand mochte sich mehr unterhalten, selbst Chucky brach einen Witz kurz vor der dürftigen Pointe ab und schaute wie gebannt nach draußen, wo sich ein blauweiß glitzerndes Juwel langsam über den Horizont schob und mit jedem Kilometer, den sie südwärts strebten, an Höhe gewann - ihre Heimat, unendlich weit weg und von schmerzender Schönheit.

Hedegaard und Black schlossen eifrig Bildungslücken. Weitere Kraternamen fielen, Byrd, Gioja und Main. Die Gipfel schmolzen zu Hügeln, die Schlünde wichen lichten Ebenen. Nach Ablauf einer Stunde erreichten sie einen ausgedehnten Wall, Goldschmidt, in dessen westlichem Rand das Maul von Anaxagoras klaffte, laut Hedegaard Hinterlassenschaft eines besonders jungen Einschlags, was einige bewog, die Köpfe gen Himmel zu richten, weil jung nach gerade eben klang und nicht nach einhundert Millionen Jahren, und es wurde nervös gehüstelt und gelacht. Sie durchquerten Goldschmidt und rasten über eine Wüstenlandschaft dunklerer Färbung dahin, und Julian stand auf und gratulierte ihnen zur Durchquerung ihres ersten Mondmeeres, des Mare Frigoris.

»Und warum wird so 'ne olle Wüste Meer genannt?«, wollte Winter wissen, womit sie die höher gebildeten Mitreisenden der Peinlichkeit enthob, die Frage selbst stellen zu müssen.
»Weil man die dunklen Basaltebenen in früherer Zeit für Ozeane hielt«, sagte Julian. »Man ging davon aus, der Mond müsse ähnlich beschaffen sein wie die Erde. Als Folge glaubte man, Meere, Seen, Buchten und Sümpfe zu erkennen. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Namensgebung, also warum zum Beispiel dieses Becken Meer der Kälte heißt. Es gibt ja auch ein Meer der Ruhe, das Mare Tranquillitatis, durch Apollo 11 in die Geschichte eingegangen, weshalb man übrigens drei winzige Krater nahe der Landestelle pflichtschuldigst Armstrong, Aldrin und Collins genannt hat, außerdem ein Meer der Stille, ein Meer der Heiterkeit, ein Wolken- und ein Regenmeer, einen Ozean der Stürme, das schäumende Meer, das Wellenmeer, und so weiter und so fort.«
»Klingt nach Wetterbericht«, sagte Hanna.
»Den Nagel auf den Kopf getroffen.« Julian grinste. »Schuld hat ein gewisser Giovanni Battista Riccioli, ein Astronom des 17. Jahrhunderts und Zeitgenosse Galileo Galileis. Sein Ehrgeiz war es, jeden Krater und jeden Gebirgszug nach einem großen Astronomen und Mathematiker zu benennen, aber dann gingen ihm die Astronomen aus, so ein Pech. Später haben Russen und Amerikaner sein System aufgegriffen. Heute findet man auf dem Mond auch Schriftsteller, Psychologen und Polarforscher verewigt, es gibt lunare Alpen, Pyrenäen und Anden. Jedenfalls, für Riccioli stand fest, dass die dunklen Ebenen Meere sein mussten. Schon Plutarch hat das geglaubt, und Galileo meinte, dass, wenn der Mond eine zweite Erde sei, seine hell leuchtenden Gegenden unzweifelhaft Landmassen und der dunklere Teil Gewässer wären. Natürlich wollte Riccioli auch seinen Mária schicke Namen geben - und dabei saß er einem gewaltigen Irrtum auf! Er meinte nämlich erkannt zu haben, dass sich das Wetter auf der Erde nach den Mondphasen richtete. Sprich, schönes Wetter bei zunehmendem Mond -«
»Abnehmender Mond, Mistwetter.«
»So ist es! Seitdem tragen die Meere in der östlichen Mondsichel Ruhe und Harmonie im Namen, während es im Westen stürmt und regnet, was das Zeug hält, und ein Meer in Nordpolnähe musste natürlich kalt sein, daher Mare Frigoris, Meer der Kälte. - Oh, schaut mal! Ich glaube, da kommt uns was entgegen.«
Chambers reckte den Hals. Zuerst sah sie nichts als endlose Fläche und den gekrümmten Verlauf der Gleise in der Ferne, dann stach es ihr in die Augen. Ein Pünktchen, das sich rasch näherte, über die Schienen heranflog, zu etwas Langgestrecktem wurde, mit leuchtenden Scheinwerfern. Während sie noch Einzelheiten auszumachen suchte, war der Güterzug bereits heran- und an ihnen vorbeigerast. Mit annähernd 1500 Stundenkilometern hatten sie einander gekreuzt, ohne dass im Geringsten etwas davon zu hören oder zu spüren gewesen wäre.

»Helium-3«, sagte Julian andächtig. »Die Zukunft.«

Und setzte sich, als gäbe es dem nichts hinzuzufügen.
Der Lunar Express drosch weiter. Kurze Zeit später zeichnete sich am Horizont ein massiver Gebirgsrücken ab, der ungewöhnlich schnell an Höhe gewann, als sei das Mare Frigoris tatsächlich ein Meer, dessen Tiefe er entstieg. Chambers erinnerte sich gehört zu haben, derlei Effekte verdankten sich der starken Krümmung des Trabanten. Black ließ sie wissen, es handele sich um den Krater Plato, ein Prachtexemplar von über einhundert Kilometern Durchmesser mit zweieinhalbtausend Meter hohen Wänden, wieder ein Schrapnellsplitter Information, der irgendwo in Chambers entzündeter Großhirnrinde stecken blieb. Geschmeidig wand sich der Lunar Express ins Mare Imbrium hinein, die angrenzende Wüstenebene. Das Gleis der Frachtverbindung zweigte wie angekündigt ab und verschwand im Westen, während sie Plato umrundeten und hinter sich ließen. Am Horizont türmten sich neue Berge auf, die Mondalpen, grell bestrahlt, von Schatten geädert. Kühn schwangen sich die Gleise in die Berglandschaft, krallten sich die Pfeiler der Magnetbahn in abschüssigen Fels. Je höher sie gelangten, desto atemberaubender gestaltete sich das Panorama, schroffe Zweitausender, kubistisch geformte Überhänge, scharf gezackte Grate. Ein letzter Blick auf den Staubteppich des Mare Imbrium, dann ging es kurvig ins Hinterland, zwischen Gipfeln und Hochebenen hindurch zum Rand eines lunaren Grand Canyon, und dort - Chambers glaubte ihren Augen nicht zu trauen.

Ein Seufzer der Überwältigung ging durch den Zug. Kaum hörbar mischte sich das Summen des Antriebs in den von Geheimnissen schweren Bass des Zarathustra-Themas, während der Lunar Express langsamer wurde und funkelnd die ersten Fanfaren aufklangen. Strauss mochte Nietzsches Sonnenaufgang im Sinn gehabt haben, Kubrick die Transformation des menschlichen Genius zu etwas Neuem, Höheren, doch Chambers dachte im selben Augenblick an Edgar Allan Poe, dessen erzählerischen Abgrund sie in ihrer Jugend begeistert durchwandert hatte und der ihr mit einem einzigen Satz in Erinnerung geblieben war, mit dem schaurigen Abschluss seines ›Arthur Gordon Pym‹:

Doch da erhob sich auf unserer Bahn die lakenumhüllte Gestalt eines Mannes, der größer war als je ein Bewohner der Erde, und die Hautfarbe des Mannes hatte die makellose Weiße des Schnees - Sie hielt den Atem an.
In zehn, vielleicht zwölf Kilometern Entfernung, auf der Kuppe eines Plateaus hoch über einem terrassenförmigen Vorsprung, jenseits dessen der Canyon steil abfiel, saß etwas und schaute zur Erde empor.

Ein Mensch.
Nein, es hatte die Umrisse eines Menschen. Nicht die eines Mannes, sondern die einer Frau in perfekter Proportionierung. Kopf, Gliedmaßen und Körper leuchteten hell vor dem unendlichen Sternenmeer. Bar jeder Mimik, ohne Mund, Nase und Augen, haftete ihr dennoch etwas Verträumtes, nahezu Sehnsuchtsvolles an, wie sie die Beine über den Rand geschwungen und die Arme mit den durchgedrückten Ellbogen aufgestützt hielt, ihre ganze Hingabe dem stillen, fernen Planeten über ihr gewidmet, den sie niemals betreten würde.
Sie war mindestens zweihundert Meter hoch.

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Quelle: © 2009 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Alle Rechte vorbehalten.
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