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Sonntag, 19. Februar 2012
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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 1 Ankunft

29.09.2009 ·  In Frank Schätzings „Limit“ ist das Weltall zur Touristenattraktion und zum lukrativen Geschäft geworden: Der Unternehmer Julian Orley hat eine Reisegruppe von Reichen und Schönen zusammengestellt, denen er die Reize des Mondes zeigen will, um sie zu Investitionen in die Energiequelle der Zukunft zu bewegen.

Von Frank Schätzing
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Als hätten seit 2018 nicht Dutzende Stiefelpaare dem Mondboden das Relief menschlichen Heldentums eingeprägt, galt Eugene Cernan, Kommandant von Apollo 17, unverändert als der letzte Mensch, der den Trabanten betreten hatte. Monumentartig standen die Jahre '69 bis '72 im Landschaftsbild amerikanischer Geschichte, eine kurze, aber magische Epoche bemannter Missionen, die Nixons Bruchpilotenschaft auf surreale Weise konterkariert und damit geendet hatte, dass Cernan oben das Licht ausmachte. Er war und blieb der Letzte seines Jahrtausends. Als elfter Apollo-Astronaut hatte er im Mare Serenitatis herumspazieren und Hunderte jener kleinen Schritte tun dürfen, die Neil Armstrong als so groß für die Menschheit erachtet hatte. Sein Team sammelte mehr Mondgestein und absolvierte längere Außeneinsätze als jede andere Mannschaft zuvor. Der Kommandant selbst schaffte es, den ersten Autounfall auf einem fremden Himmelskörper zu bauen, indem er den hinteren linken Kotflügel seines Rovers zu Klump fuhr und mit dem Improvisationstalent eines Robinson Crusoe wieder zusammenflickte. Nichts davon war geeignet, das öffentliche Interesse aufzufrischen. Eine Ära endete. Cernan, die historische Chance vor Augen, sich mit einem donnernden Nachruf in Lexika und Lehrbüchern zu verewigen, fand stattdessen Worte von bemerkenswerter Ratlosigkeit.

»Den größten Teil der Heimreise«, sagte er, »verbrachten wir mit Diskussionen, welche Farbe der Mond denn nun habe.«

Allerhand. Das also sollte das Resümee aus sechs kostspieligen Landungen auf einem Hunderttausende Kilometer entfernten Gesteinsbrocken sein? Dass man nicht einmal wusste, welche Farbe er hatte?

»Ich finde ihn gelblich«, sagte Rebecca Hsu, nachdem sie eine ganze Weile schweigend aus dem kleinen Bullauge gestarrt hatte. Inzwischen zog es kaum noch jemanden zur gegenüberliegenden Fensterreihe. Von dort hatten sie während der vergangenen beiden Tage, seit dem Abdocken, ihren Heimatplaneten beständig kleiner werden sehen, ein gespenstisches Hinwegschrumpfen von Vertrautheit, um ihre Gunst auf halber Strecke paritätisch zwischen Erde und Mond aufzuteilen und endlich völlig der Faszination des Trabanten zu erliegen. Aus 10.000 Kilometern Entfernung war er immer noch als Ganzes zu sehen, scharf abgegrenzt gegen die Schwärze des umgebenden Raumes. Doch hatte sich der Gegenstand romantischer Betrachtungen zu einer Kugel von bedrohlicher Präsenz gebläht, ein Schlachtfeld, gezeichnet von Jahrmilliarden andauernden Beschusses. In völliger Lautlosigkeit, ungebrochen vom Soundtrack der Zivilisation, rasten sie der fremden Welt entgegen. Lediglich das tinnitusartige Rauschen der Lebenserhaltungssysteme deutete darauf hin, dass überhaupt so etwas wie technische Aktivität an Bord stattfand. Darüber hinaus ließ die Stille Herzschläge wie Buschtrommeln erdröhnen und das Blut in den Adern brodeln, erweckte den Körper zu geschwätziger Mitteilsamkeit über den Zustand seiner chemischen Fabriken und leitete die Gedanken an den Rand des Vorstellbaren.

Olympiada Rogaschowa paddelte heran, eine scheue Schwimmerin in der Schwerelosigkeit. Inzwischen hatten sie sich dem Trabanten auf tausend Kilometer genähert, und man sah ihn nur noch zu drei Vierteln.

»Ich kann nichts Gelbes erkennen«, murmelte sie. »Für mich ist er mausgrau.«
»Metallisch grau«, korrigierte sie Rogaschow kalt.
»Na, ich weiß nicht.« Evelyn Chambers schaute vom Nebenfenster herüber. »Metallisch?«
»Doch, schon. Sehen Sie. Oben rechts, die große, runde Stelle. Dunkel wie geschmolzenes Eisen.«
»Sie sind zu lange in der Stahlbranche, Oleg. Sie würden sogar in einem Schokoladenpudding etwas Metallisches erkennen.«

»Klar, den Löffel. Uuiiiiii!« Miranda Winter schlug einen Purzelbaum und jauchzte. Inzwischen war den meisten die Akrobatik im freien Fall langweilig geworden. Nur Winter konnte nicht genug davon bekommen und ging den anderen damit zusehends auf die Nerven. Kein Gespräch mit ihr war möglich, ohne dass sie quiekend und gackernd durch die Luft kullerte, Rippenstöße und Kinnhaken austeilend. Chambers bekam eine Ferse ins Kreuz und sagte:

»Du bist kein Karussell, Miranda. Hör endlich auf damit.«
»Ich fühle mich aber wie eines!«
»Dann lass dich generalüberholen oder aus dem Verkehr ziehen. Es ist zu eng hier drin.«
»Hey, Miranda.« O'Keefe schaute von einem Buch auf. »Warum stellst du dir nicht vor, du wärst ein Blauwal?«
»Was? Wieso denn das?«
»Blauwale tun so was nicht. Sie hängen mehr oder weniger reglos in der Gegend rum, fressen Plankton und sind zufrieden.«
»Und blasen Wasser«, ließ sich Heidrun vernehmen. »Willst du Miranda Wasser blasen sehen?«
»Warum nicht?«
»Ihr seid blöd«, stellte Winter fest. »Ich finde übrigens, er hat was Bläuliches. Der Mond, meine ich. Beinahe gespenstisch.«
»Huuu«, gruselte sich O'Keefe.
»Welche Farbe hat er denn nun?«, wollte Olympiada wissen.
»Jede und keine.« Julian Orley kam durch die Verbindungsluke geschwebt, die den Wohntrakt der CHARON vom Landemodul trennte. »Man weiß es nicht.«
»Wieso?« Rogaschow runzelte die Stirn. »Hatte man nicht genügend Zeit, um es herauszufinden?«
»Sicher. Das Problem ist, dass kein Mensch ihn bisher anders als durch getönte oder mit Filterfolie beschichtete Fenster und Visiere betrachtet hat. Dabei weist der Mond nicht mal eine besonders hohe Albedo auf -«
»Eine was?«, fragte Winter, rotierend wie ein Spanferkel.
»Rückstrahlkraft. Der Anteil des auftreffenden Lichts, den Oberflächen abstrahlen. Die Reflexionsrate von Mondgestein ist nicht besonders hoch, besonders in den Mária nicht -«
»Versteh' kein Wort.«
»In den Meeren«, erklärte Julian geduldig. »Die Gesamtheit der Mondmeere heißt Mária. Mehrzahl von Mare. Sie erscheinen dunkler als die Ringgebirge der Krater.«
»Warum wirkt der Mond dann von der Erde aus betrachtet weiß?«
»Weil er keine Atmosphäre hat. Das Sonnenlicht knallt ungefiltert auf seine Oberfläche. Ebenso ungefiltert würde es auf die ungeschützte Netzhaut eines Astronauten knallen. Die UV-Strahlung hier draußen ist weit gefährlicher für unsere Augen als auf der Erde, also sind auch die Fenster unseres Raumschiffs abgedunkelt.«
»Man hat doch jede Menge Mondgestein mit zur Erde gebracht«, sagte Rogaschow. »Welche Farbe hat es denn da?«
»Dunkelgrau. Aber das muss nicht heißen, dass der Mond als Ganzes dunkelgrau ist. Vielleicht mischt sich hier und da tatsächlich ein Schimmer Braun mit rein. Oder Gelb.«
»Genau«, sagte O'Keefe hinter seinem Buch.
»Jeder sieht ihn halt ein bisschen anders. Jedem sein Mond.« Julian gesellte sich zu Chambers. Tief unter ihnen zog ein einzelner, riesiger Krater hindurch. Flüssiges Licht schien von seinen Hängen in die umgebende Ebene zu strömen. »Bei der Gelegenheit, das da ist Copernicus. Nach allgemeiner Auffassung der spektakulärste aller Mondkrater, entstanden vor über 800 Millionen Jahren. Misst gut 90 Kilometer im Durchmesser, mit Wällen, die jeden Bergsteiger ins Schwitzen bringen dürften, aber wirklich beeindruckend ist seine Tiefe. Seht ihr den gewaltigen Schattenwurf im Inneren? Fast vier Kilometer geht es abwärts bis zum Grund der Senke.«
»In seinem Zentrum sind Berge«, bemerkte Chambers.
»Wie ist das möglich?«, wunderte sich Olympiada. »Ich meine, mitten in einer Einschlagstelle? Müsste da nicht alles platt sein?«

Julian schwieg eine Weile.

»Stellt euch Folgendes vor«, sagte er. »Die Mondoberfläche, so wie ihr sie seht, nur ohne Copernicus. Klar? Alles still und friedlich. Noch! Denn aus den Tiefen des Alls kommt ein Brocken angerast, elf Kilometer groß, 70 Sekundenkilometer schnell, 200-fache Schallgeschwindigkeit, und da ist keine Atmosphäre, nichts, was ihn abbremsen könnte. Stellt euch weiter vor, wie dieses Ding in die Ebene kracht. Der Aufprall selbst vollzieht sich in wenigen Tausendstel Sekunden, etwa hundert Meter dringt der Meteorit in die Oberfläche ein, nicht sonderlich tief, sollte man meinen, und so ein Loch von elf Kilometern ließe sich eigentlich verschmerzen - nur, die Sache funktioniert ein bisschen anders. Das Vertrackte an Meteoriten ist nämlich, dass sie im Moment des Einschlags ihre komplette Bewegungsenergie in Wärme umsetzen. Mit anderen Worten, das Ding explodiert! Es ist weniger der Einschlag selbst als diese Explosion, die zehn bis zwanzig Mal größere Löcher reißt, als ihre Verursacher durchmessen. Millionen Tonnen Gestein werden nach allen Seiten weggesprengt, blitzartig bildet sich ein Wall rund um den Krater, doch das Ganze ist entsetzlich schnell gegangen, so ruckzuck lassen sich die verdrängten Mengen Mondbasalt nicht umschichten, also wird der Boden schockartig eingedellt und auf die Tiefe mehrerer Kilometer komprimiert. Noch während riesige Wolken ausgeworfenen Materials über der Einschlagstelle aufsteigen, federt er aber schon wieder zurück, der Meteorit hat sich ja vollständig in Hitze verwandelt und ist nicht mehr da, schnellt hoch und türmt sich zu einem Bergmassiv im Zentrum des Lochs. Gleichzeitig breiten sich die Gesteinswolken rapide aus. Einmal mehr macht sich das Fehlen einer bremsenden Atmosphäre bemerkbar, die den Radius der Expansion eindämmen würde. Stattdessen wird der Schutt endlos nach außen geschleudert, bevor er niedergeht, Hunderte von Kilometern weit, Milliarden und Abermilliarden Geschosse. Dieses Auswurfmaterial könnt ihr heute noch sehen, als Strahlenkranz, besonders bei Vollmond. Es hat eine andere Albedo als der dunklere Basalt ringsum, scheint aus sich selbst heraus zu leuchten. Tatsächlich reflektiert es einfach nur ein bisschen mehr Sonnenlicht. So in etwa müsst ihr euch vorstellen, wie Copernicus entstanden ist. Victor Hugo sah darin übrigens ein Auge, das den Mondbetrachter anblickt.«

»Aha«, sagte Olympiada mutlos.

Julian grinste in sich hinein, schmeckte die betretene Stille, die seiner Schilderung folgte, genießerisch ab. Rings um ihn herum klatschten kosmische Bomben in Hirnwindungen und setzten kinetische Energie in Fragen um wie die, ob man bei einem ähnlichen Einschlag auf der Erde besser in den Keller oder schnell noch einen trinken ging.

»Schätze, unsere Atmosphäre würde nicht viel nützen?«, vermutete Rebecca Hsu.
»Tja.« Julian schürzte die Lippen. »Es gehen ständig Meteoriten auf die Erde nieder, täglich rund 40 Tonnen. Die meisten haben den Umfang von Sandkörnern und Kieselsteinen und verglühen. Hier und da ist was von den Ausmaßen einer Faust darunter, gelegentlich knallt Größeres in die Tundra oder ins Meer. Immerhin, 1908 explodierte ein rund 60 Meter großes Bruchstück eines Kometen über Sibirien und verwüstete ein Gebiet von der Flä­che New Yorks.«
»Ich erinnere mich, davon gehört zu haben«, sagte Rogaschow trocken. »Wir haben Wald, ein paar Schafe und einen Schäfer verloren.«
»Sie hätten mehr verloren, wenn es Moskau getroffen hätte. Aber gut, im Wesentlichen ist das Universum aus dem Gröbsten raus. Brocken wie der, dem wir Copernicus verdanken, sind selten geworden.«
»Wie selten?«, fragte Heidrun gedehnt.

Julian tat, als müsse er darüber nachdenken. »Der letzte wirklich bemerkenswerte Vertreter ging wahrscheinlich vor 65 Millionen Jahren auf das Gebiet des heutigen Yucatán nieder. Die Schockwelle wanderte einmal rund um den Erdball, es folgte ein mehrjähriger Winter, dem erhebliche Bestände der damaligen Flora und Fauna erlagen, darunter leider auch fast alle Saurier.«
»Das beantwortet meine Frage nicht.«
»Du willst ernsthaft wissen, wann der nächste eintrifft?«
»Nur, um besser planen zu können.«
»Also, im statistischen Mittel kommt es alle 26 Millionen Jahre zur globalen Katastrophe. Wie katastrophal genau, hängt von der Größe des auftreffenden Körpers ab. Ein 75 Meter durchmessender Asteroid hat die Sprengkraft von 1000 Hiroshima-Bomben. Alles, was zwei Kilometer übersteigt, kann einen weltweiten Impakt-Winter auslösen und ist geeignet, die Menschheit am Fortbestand zu hindern.«
»Demnach sind wir seit 40 Millionen Jahren überfällig«, stellte O'Keefe fest. »Wie groß war noch mal der Saurier-Killer?«
»Zehn Kilometer.«
»Danke, Julian. Gut, dass du uns von da unten weggebracht hast.«
»Und was kann man dagegen tun?«, fragte Hsu.
»Wenig. Die raumfahrenden Nationen haben es jahrelang verschlafen, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, sie setzen sich lieber gegenseitig eine kostspielige Phalanx Mittelstreckenraketen vor die Nase. Dabei bräuchten wir dringend ein funktionierendes Meteoritenabwehrsystem. Wenn der Hammer fällt, ist es egal, ob du Moslem, Jude, Hindu oder Christ, Atheist oder Fundamentalist bist und mit wem du dich gerade rumprügelst, nichts davon spielt dann noch eine Rolle. Patsch, und aus! Wir brauchen keine Waffen gegeneinander. Wir brauchen eine, um uns alle zu retten.«

»Sehr richtig.« Rogaschow sah ihn ausdruckslos an. Dann kam er herübergeschwebt, nahm Julian beim Arm und zog ihn ein Stück von den anderen weg.

»Aber haben Sie das nicht schon längst?«, fügte er leise hinzu. »Sind Sie nicht auch dabei, Waffen gegen Meteoriten zu entwickeln?«
»Wir haben eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen«, nickte Julian.
»Sie entwickeln Waffen auf der OSS?«
»Abwehrsysteme.«
»Wie beruhigend für uns alle.« Der Russe lächelte dünn. »Und natürlich ziehen Sie das im Alleingang durch, so wie alles andere auch.«
»Es ist eine Forschungsgruppe, Oleg.«
»Es heißt, das Pentagon würde sich sehr für diese Forschungsgruppe interessieren.«
»Bleiben Sie entspannt.« Julian lächelte zurück. »Ich kenne die Gerüchte. Russland wie China werfen uns mit schöner Regelmäßigkeit vor, für die Amerikaner Weltraumwaffen zu produzieren. Alles Quatsch! Woran wir forschen, dient einzig dem Fall, dass die Statistik ihr Recht fordert. Ich will verdammt noch mal schießen können, wenn so ein Ding auf Kollisionskurs geht.«
»Waffen kann man gegen alles Mögliche einsetzen, Julian. Sie haben Amerika eine Vormachtstellung im Weltraum gesichert. Sie selbst streben die Herrschaft über die Energieversorgung an, indem Sie die erforderlichen Technologien kontrollieren. Sie üben sehr viel Macht aus, und verfolgen Sie etwa keine eigenen Interessen?«

»Schauen Sie aus dem Fenster«, sagte Julian ruhig. »Sehen Sie sich das blauweiße Juwel an.«
»Ich sehe es.«
»Und? Heimweh?«
Rogaschow zögerte. »Ich tue mich schwer mit solchen Begriffen.«
»Glauben Sie es oder nicht, Oleg, aber wenn Sie diesen Trip hinter sich haben, werden Sie ein anderer Mensch sein. Sie werden erkannt haben, dass unser Planet eine zerbrechliche kleine Weihnachtskugel ist, überzogen von einer hauchdünnen Schicht atembarer, noch atembarer Luft. Ohne Grenzen und Nationalstaaten, nur Land, Meer und ein paar Milliarden Menschen, die sich die Kugel teilen müssen, weil sie keine andere haben. Jede Entscheidung, die nicht darauf abzielt, diesen Planeten instand zu halten, jede Aggression um einer Ressource oder einer Gottesvorstellung willen wird Sie ankotzen. Vielleicht werden Sie auf dem Gipfel irgendeines Kraters stehen und heulen, möglicherweise nur ein paar Sinnfragen stellen, doch es wird Sie verändern. Es gibt keinen Weg zurück, wenn man die Erde einmal aus dem Weltraum gesehen hat, aus der Entfernung des Mondes. Sie können nicht anders, als sich in sie zu verlieben. - Glauben Sie im Ernst, ich lasse zu, dass jemand meine Technologien missbraucht?«

Rogaschow schwieg eine Weile.

»Ich glaube nicht, dass Sie es zulassen wollen«, sagte er. »Ich frage mich eher, ob Sie eine Wahl haben.«
»Die habe ich, je mehr Freunde ich gewinne.«
»Sie sind Weltmeister darin, sich Feinde zu machen! Ich weiß, Ihnen schwebt eine Liga der außergewöhnlichen Gentlemen vor, eine Weltmacht unabhängiger Investoren, aber dafür greifen Sie massiv in nationale Belange ein. Wie passt das zusammen? Sie wollen mein Geld, also russisches Geld, andererseits mit Moskau nichts zu schaffen haben.«
»Ist es denn russisches Geld, bloß weil Sie Russe sind?«
»Man sähe es dort jedenfalls lieber, ich würde mein Vermögen in die nationale Raumfahrt investieren.«
»Viel Spaß. Lassen Sie mich wissen, wenn Sie es zu einem eigenen Weltraumfahrstuhl gebracht haben.«
»Sie trauen uns das nicht zu?«
»Sie glauben es doch selber nicht! Bei mir liegen die Patente. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich ohne Amerika weniger weit gekommen wäre. Beide haben wir astronomische Summen in die Raumfahrt investiert. Aber Russland ist pleite. Putin hat seinen Mafiastaat damals auf Öl und Gas gegründet, das jetzt keiner mehr haben will. Ihr habt gepokert und verloren. Vergessen Sie nicht, Oleg, dass ORLEY ENTERPRISES zehnmal so groß ist wie ROGAMITTAL. Wir sind der größte Technologiekonzern der Welt, dennoch, meine Investoren und ich brauchen einander. Ihnen aber wird man in Moskau gar nichts zustecken. Es wäre vielleicht eine patriotische Geste, Russlands marode Raumfahrt zu sponsern, doch ihr Geld würde versickern. Sie würden gar nicht lange genug durchhalten, um mit mir gleichzuziehen, Ihr Staat hätte Sie vorher bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt, ohne dass brauchbare Ergebnisse vorlägen.«

Diesmal schwieg Rogaschow noch länger. Dann lächelte er wieder.

»Moskau würde Ihnen freiere Hand lassen als Washington. Keine Lust, die Fronten zu wechseln?«
»Ich schätze wohl, das müssen Sie mich fragen.«
»Man hat mich gebeten, Ihre Bereitschaft auszuloten.«
»Erstens, wir sind nicht mehr im Kalten Krieg. Zweitens, Russland kann sich meine Exklusivität nicht leisten. Drittens, ich stehe auf niemandes Seite. Frage beantwortet?«
»Formulieren wir sie anders. Wären Sie unter Umständen bereit, Ihre Technologien auch an Russland zu verkaufen?«
»Wä­ren Sie bereit, bei mir einzusteigen? Sie sind doch nicht hier, weil Sie Angst vor Moskau haben.«
Rogaschow strich sich über das Kinn.
»Wissen Sie was?«, sagte er. »Ich schlage vor, wir vertagen uns und machen erst mal Urlaub.«

Die CHARON war im Wesentlichen eine dreifach segmentierte, sieben Meter durchmessende und 28 Meter lange Röhre mit angekoppeltem Landemodul. Ein fliegender Omnibus, aufgeteilt in Schlafsaal und Kommandokanzel, Bistro und Salon, dem seine Schöpfer die Gnade aerodynamischer Gefälligkeit versagt hatten, weil er nie in die Verlegenheit geraten würde, eine Atmosphäre zu durchqueren. Auch die Apollo-Kapseln und der ursprünglich geplante Space Shuttle-Nachfolger ORION waren den Erwartungen designverwöhnter Kinogänger nicht unbedingt entgegengekommen, hatten aber wenigstens mit einem schick gerundeten Näschen aufwarten können, das beim Eintritt in die Thermosphäre rot zu glühen begann. Die CHARON indes verströmte den Charme eines Haushaltsgeräts. Eine Tonne in Weiß und Grau, hier glatt, dort geriffelt, zu Teilen mit Treibstoff gefüllt, zu anderen mit Astronauten und geschmückt mit dem O von ORLEY ENTERPRISES.

»Fertig machen zum Bremsmanöver«, sagte Blacks Stimme über die Lautsprecher.
Zweieinhalb Tage in einem Weltraumshuttle, mochte er noch so geräumig und die Farbgestaltung von Psychologen erarbeitet sein, ließen Assoziationen an Haftanstalten aufkommen. Die Entzauberung des Außergewöhnlichen durch Enge und Eintönigkeit schlug sich in Debatten über den Zustand des Planeten, unerwarteten Kumpaneien und offen geäußerter Abneigung nieder. Sushma und Mukesh Nair, mit dem Charisma der Bescheidenheit ausgestattet, scharten gesittete Wesen um sich, darunter Eva Borelius, Karla Kramp, Marc Edwards und Mimi Parker. Entspannte Gespräche wurden geführt, bis Parker eine Diskussion über die Frage anstrengte, ob der komplette Darwinismus nicht eine Sackgasse sei, in welche die Naturwissenschaften dank atheistischer Arroganz geraten seien und aus der sich nur vermittels kreationistischer Weltanschauung wieder herausfinden lasse. Das Leben, schloss sie, sei viel zu komplex, um zufällig in irgendeinem Urozean entstanden zu sein, und schon gar nicht vor vier Milliarden Jahren. Kramps Replik, angesichts solcher Äußerungen müsse die Komplexität einiger Anwesender infrage gestellt werden, löste heftige Reaktionen aus, in deren Verlauf Parker Schützenhilfe von Aileen Donoghue erhielt, die sich auf ein paar tausend Jahre mehr oder weniger nicht festlegen mochte, jedoch jede Verwandtschaft zwischen den Arten bestritt. Vielmehr seien sämtliche Lebewesen von Gott in einem Atemzug geschaffen worden. Kramp sagte, Parkers Abstammung vom Affen sei augenfällig. Außerdem behandele jedes der ersten beiden Kapitel im Buch Mose die Erschaffung des Menschen auf abweichende Weise, schon im Alten Testament herrsche keine Einigkeit über den Ablauf der Schöpfung, sofern man seriöse naturwissenschaftliche Erkenntnis überhaupt auf ein einziges, historisch fragwürdiges Buch gründen könne.

Unterdessen knüpften sich verschlungene Bande zwischen Rebecca Hsu, Momoka Omura, Olympiada Rogaschowa und Miranda Winter. Evelyn Chambers kam mit jedem klar, bis auf Chuck Donoghue vielleicht, der Parker im Vertrauen erzählt hatte, Chambers für gottlos zu halten, was diese sogleich an Olympiada und Amber Orley weitergab, die es ihrerseits Evelyn erzählten. Locatelli, von der Raumkrankheit gesundet, spreizte sein Gefieder, erzählte von Segel- und Motoryachten und wie er den America's Cup gewonnen habe, von seiner Liebe zum Rennsport, solarbetriebenen Boliden und der Möglichkeit, noch aus einer Zecke so viel Energie zu extrahieren, dass sie ihren Beitrag zur Weltversorgung leistete.

»Jeder Körper, auch der menschliche, ist ein Kraftwerk«, sagte er. »Und Kraftwerke liefern Wärme. Ihr alle hier seid nichts weiter als Kraftwerke, bloße Durchlauferhitzer. Ich sag's euch, Leute. Würde man alle Menschen auf der Welt zu einem einzigen, riesigen Kraftwerk zusammenschließen, könnten wir auf den Helium-3-Scheiß verzichten.«
»Und was ist mit der Seele?«, wollte Parker indigniert wissen.
»Bah, Seele!« Locatelli warf die Arme auseinander, entschwebte und stieß sich den Schädel. »Die Seele ist Software, Gnä­digste. Denkendes Fleisch. Aber gäbe es eine, ich wäre der Erste, der ein Seelenkraftwerk bauen würde. Hahaha!«
»Locatelli hat spannende Sachen erzählt«, sagte Heidrun später zu Walo. »Weißt du, was du bist?«
»Was denn, mein Schatz?«
»Ein Heizofen. Komm gefälligst her und wärme mich.«

Parker und Kramp schlossen Frieden, Hanna spielte Gitarre, einte die Anwesenden auf musikalischer Ebene, gewann im unentwegt fotografierenden Locatelli einen Fan, und O'Keefe las Drehbücher. Jeder tat so, als steche ihm nicht die stündlich intensiver werdende Melange aus Schweiß, Intimgerüchen, Fürzen und Haartalg in die Nase, gegen die selbst der hoch entwickelte Duftsynthesizer an Bord vergebens ankämpfte. Raumfahrt mochte faszinierend sein, zu ihren Nachteilen gehörte, dass keiner ein Fenster aufmachen konnte, um frische Luft reinzulassen. Chambers fragte sich, wie das auf Langzeitmissionen funktionieren sollte, mit den Gerüchen und der zunehmenden Gereiztheit. Hatte nicht ein russischer Kosmonaut vor langer Zeit gesagt, alle Voraussetzungen für einen Mord seien gegeben, wenn man zwei Männer in einer engen Kabine einschließe und sie zwei Monate miteinander alleine lasse? Aber vielleicht würden sie ja andere Leute mitnehmen auf so eine Mission. Keine Individualisten, schon gar keinen Haufen durchgeknallter Superreicher und Prominenter. Peter Black jedenfalls, ihr Pilot, machte einen ausgeglichenen, man konnte sagen, fantasielosen Eindruck. Ein Teamarbeiter ohne Hang zur Extravaganz und Alarmismus.

»Bremsmanöver einleiten.«

Aus 220 Kilometern Entfernung sah man den Mond noch zur Hälfte, grandiose Details enthüllend. So rund wirkte er ob seines geringen Umfangs, dass zu befürchten stand, beim Aufsetzen keinen Halt zu finden und seitlich an ihm herabzurutschen. Nina Hedegaard flatterte herbei und half ihnen beim Anlegen der Druckanzüge, wozu auch Urinbeutel gehörten.

»Für später, wenn wir landen«, erklärte sie mit rätselhaftem Lächeln.
»Und wer sagt, dass wir dann müssen?«, trumpfte Momoka Omura auf.
»Die Physik.« Hedegaards Grübchen vertieften sich. »Ihre Blase könnte die einsetzende Schwerkraft zum Anlass nehmen, sich ohne vorherige Rücksprache zu entleeren. Wollen Sie Ihren Druckanzug durchnässen?«
Omura schaute an sich herab, als sei es schon so weit.
»Irgendwie mangelt es dem ganzen Unterfangen an Eleganz«, sagte sie und zog an, was anzuziehen war.
Hedegaard scheuchte die Mondfahrer durch die Verbindungsschleuse ins Landefahrzeug, auch dieses eine Tonne, konisch geformt und mit vier kräftigen Teleskopbeinen ausgestattet. Im Vergleich zum Wohnmodul bot es den Bewegungsradius einer Sardinendose. Die Mehrheit ließ das Prozedere des Angurtens mit dem einbalsamierten Gesichtsausdruck alter Hasen über sich ergehen, schließlich hatten sie erst vor zweieinhalb Tagen ähnlich verzurrt nebeneinandergesessen und darauf gewartet, dass sich der Shuttle mit einem imposanten Feuerstoß vom Docking Port der OSS ins All katapultieren würde. Entgegen allen Erwartungen war das Schiff jedoch langsam davongetrieben, als gelte es, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Erst in gebührendem Abstand zur Weltraumstadt hatte Black die Schubdüsen gezündet, auf maximale Geschwindigkeit beschleunigt, die Triebwerke abgeschaltet, und sie waren lautlos durchs All gerast, ihrem pockennarbigen Ziel entgegen.

Mit der Ruhe war es jetzt vorbei, und alle waren froh darüber. Es tat gut, endlich anzukommen.
Wieder presste es sie gewaltsam in die Sitze, bis Black das Raumschiff 70 Kilometer über dem Mond auf 5600 Stundenkilometer abgebremst, um 180 Grad gedreht und im Orbit stabilisiert hatte. Unter ihnen zogen Krater, Gebirgsformationen und puderig graue Ebenen vorbei. Wie schon im Weltraumfahrstuhl übertrugen Kameras sämtliche Außeneindrücke auf holografische Monitore. Sie drehten eine zweistündige Ehrenrunde um den Trabanten, während derer Nina Hedegaard ihnen die Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten der fremden Welt erklärte.

»Sie wissen ja aus dem Vorbereitungstraining, dass ein Mondtag etwas länger dauert als ein irdischer«, zischelte sie in ihrem skandinavisch gefärbten Englisch. »14 Erdtage, 18 Stunden, 22 Minuten und zwei Sekunden, um genau zu sein, und ebenso lange dauert die Mondnacht. Die Licht-Schatten-Grenze nennen wir Terminator. Sie verschiebt sich nur äußerst langsam, soll heißen, Sie müssen nicht befürchten, beim Spaziergang plötzlich von der Dunkelheit überrascht zu werden. Aber wenn es dunkel wird, dann gleich richtig! Der Terminator verläuft hart, es gibt Licht oder Schatten, kein Zwielicht. In der grellen Mittagsglut verlieren die Sehenswürdigkeiten an Reiz, darum werden wir die interessantesten Plätze am Mondmorgen oder -abend besuchen, wenn die Schatten lang sind.«

Unter sich erblickten sie einen weiteren imposanten Krater, gefolgt von einer bizarr zerklüfteten Landschaft.
»Die Mondappeninen«, erklärte Hedegaard. »Das ganze Gebiet ist durchzogen von Rimae, rillenartigen Strukturen. Astronomen frü­herer Zeiten hielten sie für Verkehrsnetze der Seleniten. Eine fantastische Landschaft! Das breite, aufwärts gewundene Tal dort ist die Rima Hadley, sie führt durch den Sumpf der Fäulnis, lustiger Name, weil da weder ein Sumpf ist, noch fault es. Aber so ist das überall auf dem Mond, Meere, die keine Meere sind, und so weiter. Sehen Sie die zwei Berge seitlich der Rima? Der Mons Hadley, unterhalb davon der Mons Hadley Delta. Beide kennt man von Fotos, oft sieht man sie mit einem Mondrover im Vordergrund. Nicht weit davon ist Apollo 15 gelandet. Das Gestell der Landefähre befindet sich noch dort, und was die Astronauten sonst so zurückgelassen haben.«
»Was haben sie denn zurückgelassen?«, fragte Nair mit leuchtenden Augen.
»Einen Scheiß«, brummelte Locatelli.
»Warum so defätistisch?«
»Bin ich nicht. Sie haben ihre Scheiße zurückgelassen. Jeder weiß das, alles andere wäre ja bescheuert gewesen, oder? Glauben Sie mir, wo immer so ein Gestell steht, liegt Astronautenscheiße in der Gegend rum.«

Nair nickte. Selbst das schien ihn zu faszinieren. Zügig überflog das Raumschiff weitere Rillen, Berge und Krater und schließlich das Gestade des Mare Tranquillitatis. Hedegaard wies sie auf einen kleinen Krater hin, nach Moltke benannt und für seine ausgedehnten Höhlensysteme bekannt, die fließende Lava vor Urzeiten geschaffen hatte.

»Ähnliche Systeme hat man in den Wänden und Hochebenen des Kraters Peary am Nordpol vorgefunden, wo die amerikanische Mondbasis errichtet wurde. Moltke besuchen wir, wenn der Mondabend heraufdämmert und der Terminator mitten im Krater steht. Einzigartiges Schauspiel! Und dann gibt's da natürlich noch das Museum, landschaftlich zwar öde, aber Pflicht, weil -«
»Lassen Sie mich raten«, rief Ögi. »Apollo 11.«
»Richtig«, strahlte Hedegaard. »Man muss wissen, die Apollo-Missionen waren auf den schmalen, äquatorialen Gürtel angewiesen. Spektakuläre Landeplätze standen nicht zur Debatte, es ging darum, überhaupt einen Fuß auf den Mond zu setzen. Natürlich überwiegt heute der symbolische Wert des Museums. Inzwischen stoßen Sie überall auf Zeugen ehemaliger Besuche, in weit interessanteren Gegenden, aber Armstrongs Fußabdrücke - die gibt's halt nur dort.«

Der Flug führte unterhalb des Mare Crisium hindurch, des dunkelsten der Mondmeere, in dem, wie Hedegaard erklärte, die höchste je auf dem Mond gemessene Schwerkraft herrsche. Eine Weile sahen sie nichts als wild zerklüftete Landschaften und länger werdende Schatten, die sich unheilvoll in Täler und Ebenen ergossen, ausgedehnte Lachen bildeten und die Kratertöpfe füllten, bis nur noch die höchsten Ränder im Sonnenlicht lagen. Chambers fröstelte beim Gedanken, in der konturlosen Finsternis umherirren zu müssen, dann verschwanden auch die letzten der leuchtenden Inseln, und enigmatische Schwärze legte sich auf die Monitore, sickerte in Arterien und Hirnwindungen und absorbierte den Seelenfrieden.

»The dark side of the moon«, seufzte Walo Ögi. »Kennt die noch einer? Pink Floyd? Klasse Album.«
Lynn, die sich während der Reise weitgehend stabil gefühlt hatte, hockte im Abgrund ihrer selbst. Erneut schien aller Lebensmut aus ihr herausgesaugt zu werden. Auf der Rückseite des Mondes sah man keine Erde und leider auch gerade keine Sonne. Wenn es eine Hölle gibt, dachte sie, wird sie nicht heiß und feurig sein, sondern kalt und von nihilistischer Schwärze. Es bedurfte keiner Teufel und Dämonen, Folterbänke, Scheiterhaufen und siedenden Kessel, um sie sich vorzustellen. Die Abwesenheit des Vertrauten, der inneren wie der äußeren Welt, das Ende allen Fühlens, das war die Hölle. Sie kam völliger Erblindung gleich. Sie war das Ersterben jeder Hoffnung, das Vergehen in Angst.

Durchatmen, Körper spüren.
Sie brauchte Bewegung, sie musste hier raus und laufen, denn wer lief, brachte den erkalteten Stern in seinem Innern wieder zum Glimmen, doch sie saß angeschnallt auf ihrem Sitz, während die CHARON durch die Lichtlosigkeit raste. Wovon redete Ögi da? The dark side of the moon. Wer war Pink Floyd? Warum plapperte Hedegaard unentwegt dummes Zeug? Konnte nicht einer die blöde Gans zum Schweigen bringen? Ihr den Hals umdrehen, ihr die Zunge rausreißen?

»Die Rückseite des Mondes ist nicht zwangsweise dunkel«, flüsterte sie. »Er wendet der Erde nur immer dieselbe Seite zu.«

Tim neben ihr drehte den Kopf.

»Hast du was gesagt?«
»Er wendet der Erde immer nur dieselbe Seite zu. Die Rückseite sieht man nicht, aber sie liegt ebenso oft im Licht wie die Vorderseite.« Atemlos stieß sie die Worte hervor. »Die Rückseite ist nicht dunkel. Nicht zwangsläufig. Der Mond wendet der Erde nur immer -«
»Hast du Angst, Lynn?«

Tims Besorgnis. Ein Seil, das ihr zugeworfen wurde.

»Blödsinn.« Sie sog Luft in ihre Lungen. »Ich bin die Strecke schon dreimal geflogen. Man muss keine Angst haben. Gleich kommen wir wieder ins Licht.«
»- Ihnen versichern, dass Sie nicht viel verpassen«, sagte Hedegaard gerade. »Die Vorderseite ist bei Weitem interessanter. Bemerkenswerterweise gibt es auf der Rückseite so gut wie keine Mária, keine Meere. Sie ist übersät mit Kratern, ziemlich eintönig, allerdings der ideale Standort, um dort ein Weltraumteleskop zu bauen.«
»Warum gerade da?«, fragte Hanna.
»Weil die Erde für den Mond ist, was der Mond für die Erde ist, nämlich ein Lampion, der seine Oberfläche zeitweise bescheint. Selbst bei Mondmitternacht liegt die Oberfläche im fahlen Restlicht der Erde. Die Rückseite hingegen ist, wie Sie sehen, nachts so schwarz wie das umgebende Weltall. Kein Sonnen-, kein Erdlicht überstrahlt den Blick auf die Sterne. Astronomen würden liebend gerne einen Beobachtungsposten hier einrichten, aber zurzeit müssen sie sich noch mit dem Teleskop am Nordpol begnügen. Immerhin ein Kompromiss, die Sonne steht tief, und man kann auf den rückwärtig gelegenen Sternenhimmel schauen.«
Lynn griff nach Tims Hand und quetschte sie. Ihre Gedanken kreisten um Mord und Zerstö­rung.
»Ich weiß ja nicht, wie es dir geht«, sagte er leise. »Aber ich empfinde diese Schwärze als ziemlich bedrückend.«

Oh, kluger Tim! Gibst den Verbündeten.

»Ich auch«, sagte sie dankbar.
»Schätze, das ist normal, was?«
»Es dauert nicht lange.«
»Und wann kommen wir wieder ins Licht?«, fragte Winter im selben Moment.
»Noch eine knappe Stunde«, zischelte Hedegaard. Sssstunde sagte sie, affig, albern. Julians dämlicher, kleiner Zeitvertreib. Doch Tims Händedruck anvertraut, begann sie sich zu entspannen, und plötzlich fiel ihr ein, dass sie die Dänin eigentlich mochte. Warum reagierte sie dann mit solcher Heftigkeit, so aggressiv? Was geschieht mit mir, dachte sie.

Was geschieht bloß mit mir?
Nachdem die Mondoberfläche einstweilen nichts zu bieten hatte, übertrugen die Außenkameras Bilder des Sternenhimmels ins Innere der CHARON, und O'Keefe empfand einen unerwarteten Anflug von Vertrautheit. Noch auf der OSS hätte er stante pede zur Erde zurückkehren mö­gen. Nun überkam ihn eine vage Sehnsucht. Vielleicht, weil die Myriaden Lichter dort draußen dem Anblick ferner, beleuchteter Häuser und Straßen nicht unähnlich waren, weil das Wassertier Mensch seinem eigentlichen Ursprung nach ein Kind des Kosmos war, aus seinen Elementen gebildet. Die Widersprüchlichkeit seiner Empfindungen irritierte ihn, wie ein Kind, das immer auf den Arm desjenigen will, der es gerade nicht schaukelt. Er versuchte, das Denken zu unterdrücken, doch dann dachte und dachte er eine Stunde lang ohne Unterlass, was er eigentlich wollte und wohin er gehörte.

Sein Blick wanderte zu Heidrun. Zwei Reihen vor ihm lauschte sie Ögi, der ihr mit leiser Stimme etwas erzählte. O'Keefe zog die Nase kraus und starrte den Monitor an. Das Bild wechselte. Im ersten Moment wusste er nicht, was die hellen Flecken zu bedeuten hatten, dann wurde ihm klar, dass er auf sonnenbeschienene Gipfel schaute, die sich aus der Schattentinte reckten. Ein Aufatmen ging durch die CHARON. Sie flogen wieder ins Licht, dem Nordpol entgegen.

»Wir werden das Landemodul nun abkoppeln«, sagte Black. »Das Mutterschiff bleibt im Orbit, bis wir in einer Woche dort andocken. Nina hilft Ihnen, die Helme aufzusetzen. Es mag Ihnen nicht so vorkommen, aber wir fliegen noch immer mit fünffacher Schallgeschwindigkeit, also bereiten Sie sich auf die nächste Vollbremsung vor.«

»Hey, Momoka«, flüsterte O'Keefe.

Die Japanerin wandte träge den Kopf nach hinten. »Was gibt's?«
»Alles in Ordnung bei dir?«
»Klar.«

O'Keefe grinste. »Dann mach dir mal nicht in die Hose.«

Locatelli ließ ein heiseres Kumpanenlachen hören. Bevor Omura ihn zurechtweisen konnte, erschien Hedegaard und stülpte ihr den Helm über. Binnen Minuten saßen sie mit identischen Kugelköpfen da, vernahmen ein Zischen, als die Verbindungsluke zwischen Mutterschiff und Landeeinheit schloss, dann ein hohles Klonk. Das Landemodul löste sich und trieb langsam davon. Noch war von der angekündigten Vollbremsung nichts zu spüren. Die Landschaft veränderte sich erneut. Wieder wurden die Schatten länger, ein Indiz, dass sie sich der Polregion näherten. Lavaebenen wechselten mit Kratern und Gebirgsrücken. O'Keefe meinte, eine Staubwolke in weiter Ferne zu erblicken, die flach über dem Gelände stand, dann folgte der Druck, die fast schon vertraute Misshandlung von Thorax und Lungen, nur dass die Triebwerke diesmal erheblich lauter röhrten als noch vor zwei Stunden. Beunruhigt fragte er sich, ob es Probleme gab, bis ihm klar wurde, dass bislang jedes Mal die weit hinten liegenden Düsen der Wohneinheit gezündet hatten. Erstmals manövrierte das Landemodul kraft seines eigenen Antriebs unmittelbar unter ihnen.
Black macht uns Feuer unterm Arsch, dachte er.

Mit infernalischem Gegenschub drosselte die Landeeinheit weiter ihre Geschwindigkeit, während sie schnell, viel zu schnell dem Mondboden entgegenstürzte. Eine Anzeige im Bildschirm zählte Kilometer um Kilometer rückwärts. Was geschah hier? Wenn sie nicht bald langsamer wurden, würden sie ihren eigenen Krater schlagen. Er dachte an Julians Schilderung der Umwandlung kinetischer Energie in Hitze, fühlte seinen Brustkorb enger werden, versuchte sich auf den Bildschirm zu konzentrieren. Zitterten seine Augäpfel? Was hatten sie noch in den Lehrgängen erzählt? Man eignete sich nicht zum Astronauten, wenn man seine Augen nicht kontrollieren konnte, weil das Zittern der Pupillen Unschärfen und Doppelbilder erzeugte. Starr mussten sie auf die Bordinstrumente fixiert sein. Die richtigen Instrumente, darauf kam es an! Wie sollte man die relevanten Knöpfe drücken, wenn man sie doppelt sah?

Zitterten Blacks Augäpfel?
Im nächsten Moment schämte er sich, empfand Zorn auf sich selbst. Er war ein solcher Idiot! In der Zentrifuge des Übungsgeländes, beim Start des Fahrstuhls, beim Abbremsen im Mondorbit, jedes Mal hatten hö­here Belastungen auf ihn eingewirkt. Verglichen damit war diese Landung ein Klacks. Er hätte die Ruhe selbst sein müssen, doch die Nervosität griff nach ihm mit elektrisch geladenen Fingern, und er musste sich eingestehen, dass seine Atemnot nicht dem Druck entsprang, sondern der schlichten Angst, auf dem Mond zu zerschellen.
Fünf Kilometer noch, vier.

Die zweite Anzeige klärte ihn darüber auf, dass sie stetig langsamer wurden, und er atmete auf. Umsonst die ganze Sorge. Drei Kilometer noch bis zum Aufsetzen. Ein Gebirgsrücken geriet ins Bild, ein Hochplateau, Lichter, die ein von Schutzwällen eingefasstes Landefeld segmentierten. Röhren und Kuppeln duckten sich in den Fels wie gepanzerte Asseln, die argloser Beute auflauerten, im Licht einer tief stehenden Sonne schimmerten Solarfelder, Masten und Antennen, ein tonnenförmiger Aufbau krönte einen nahe gelegenen Hügel. In größerer Entfernung waren offene, hangarartige Strukturen erkennbar, riesige Maschinen schlichen durch eine Art Tagebau. Ein Schienensystem verband die Habitate mit dem Raumhafen, mündend in eine Plattform, verzweigte sich und strebte in weitläufiger Kurve davon. O'Keefe sah Stiegen, Hebebühnen und Manipulatorarme, die auf eine Verladestelle hindeuteten, etwas Weißes eine Straße entlangfahren und auf eine Brücke zuhalten, ein Ding mit hohen, breiten Rädern, vielleicht bemannt, vielleicht ein Roboter. Die CHARON erzitterte, sank dem Boden entgegen. Kurz war eine Skyline mächtiger Türme auszumachen, große, klobige Fluggeräte dazwischen, Tanks und Container, Rätselhaftes. Ein Ding, das einer Gottesanbeterin auf Rä­dern glich, zockelte über das Flugfeld dahin, dessen ganzes Ausmaß nun offenbar wurde, drei bis vier Fußballplätze groß, Umland und Bauten verschwanden hinter den wallartigen Einfassungen, dann setzte ihr Raumschiff behutsam, mit federnder Eleganz auf, wippte unmerklich nach und kam zur Ruhe.

Etwas zerrte sacht an O'Keefe. Zuerst vermochte er den Effekt nicht einzuordnen, dann verblüffte ihn die Erkenntnis umso mehr, als die Erklärung derart simpel war. Schwerkraft! Erstmals seit ihrem Start von der Isla de las Estrellas, Beschleunigungs- und Bremsmanöver außer Acht gelassen, war er nicht mehr schwerelos. Er hatte wieder ein Körpergewicht, wenn auch nur ein Sechstel seines irdischen, doch es war wunderbar, etwas zu wiegen, eine Erlösung nach all den Tagen des bloßen Herumschwebens! Hasta la vista, Miranda, dachte er, Schluss mit der Akrobatik. Keine Purzelbäume mehr, keine Ellbogenattacken. Eine Bö aus Lärm verebbte in seinen Gehörgängen, ein synaptisches Nachglühen, da die Triebwerke längst abgeschaltet waren, nur dass er es noch nicht glauben konnte.

»Ladies and Gentlemen«, sagte Black nicht ganz ohne Pathos. »Gratuliere! Sie haben es geschafft. Nina und ich werden Ihnen nun helfen, Ihre Lebenserhaltungssysteme anzulegen, Sauerstoff, Kühlung und Druck zu regulieren und ihre Sprechfunkverbindung zu aktivieren. Danach werden wir eine Reihe von Dichtigkeitstests durchführen, das kennen Sie ja schon vom Außeneinsatz auf der OSS, und falls nicht, kein Grund zu Aufregung. Wir wachen über jeden Ihrer Schritte. Sobald die Checks abgeschlossen sind, pumpe ich die Luft aus der Kabine, und wir legen die Reihenfolge des Ausstiegs fest. Betrachten Sie es nicht als ungalant, wenn ich als Erster aussteige, es dient der Konservierung Ihres Heldentums, denn ich werde Sie beim Verlassen der CHARON filmen, außerdem erhalten wir Ihren Sprechfunk der Nachwelt. Alles klar? Willkommen auf dem Mond!«

Auf dem Mond.
Sie waren auf dem Mond.
Sie waren tatsächlich auf dem verdammten, dicken Mond gelandet, und das Sechstel Gravitation des Trabanten zog O'Keefe mit der Sanftheit einer Geliebten zu sich herab, seine Gliedmaßen, seinen Kopf, seine inneren Organe und Körpersäfte, ach ja, die Säfte, zog und zog und zog etwas aus ihm heraus, und es war draußen, bevor er die Hinterbacken zusammenkneifen konnte. Warm und fröhlich lief es in den dafür vorgesehenen Beutel, eine Freudenfontäne, ein Hoch auf die Schwerkraft, ein Gastgeschenk an den grauen, verkraterten Kerl, dessen Oberfläche sie nun für die Dauer einer Woche bewohnen durften. Er warf einen verstohlenen Blick auf Momoka Omura, als bestünde die Möglichkeit, dass sie sich umdrehen, ihm in die Augen schauen und es ihm ansehen, es wissen würde.

Dann zuckte er die Achseln. Wer mochte sich außerhalb der Erde nicht schon alles in die Hose gepinkelt haben? Man konnte in schlechterer Gesellschaft sein.

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Quelle: © 2009 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. Alle Rechte vorbehalten.
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