28.09.2009 · Wenn das Gehirn das Stadium des flüssigen Lesers erreicht hat, laufen die Entzifferungsprozesse fast automatisch ab. Zum ersten Mal arbeitet das Gehirn so schnell, dass es Denken und Fühlen trennen kann. Letzter Teil unser F.A.Z.-Leseprobe über „Das lesende Gehirn“.
Von Maryanne WolfEiner der bedeutendsten Momente im Leben eines Lesers, der möglicherweise ebenso viel Einfluss ausübt wie Sokrates' Dialoge, ist der Moment, in dem fortgeschrittene Leser lernen, in das Schicksal imaginativer Helden und Heldinnen einzutauchen - über das Wasser des Mississippi oder durch die Tür eines Wandschranks. Verstehensprozesse entwickeln sich auf beeindruckende Weise dort weiter, wo Kinder lernen, bereits vorhandene Kenntnisse zu verknüpfen, unheilvolle oder gute Konsequenzen vorherzusehen, jeden gefährlichen Winkel nach Hinweisen zu durchforsten, eigene Verständnislücken zu erkennen sowie zu bewerten, inwiefern jedes neue Indiz, jede Entdeckung oder neue Information ihren bisherigen Wissensstand verändert.
Um diese Fertigkeiten zu trainieren, lernen sie, die Bedeutungsschichten in einem Wort, einer Phrase oder einem Gedanken offenzulegen. So verlassen sie in dieser langen Phase der Leseentwicklung die oberflächlichen Schichten eines Textes, um den wundervollen darunter verborgenen Bereich zu erkunden. Der Leseexperte Richard Vacca beschreibt diesen Schritt als Entwicklung von „flüssigem Entziffern“ zu „strategischem Lesen“ und damit zu „Lesern, die wissen, wie man bereits erworbene Kenntnisse vor, während und nach dem Lesen aktiviert, wie man entscheidet, was in einem Text wichtig ist, Informationen zusammenfügt, während und nach dem Lesen Schlüsse zieht, Fragen stellt sowie eigene Verständnisfehler erkennt und behebt.“
Dieser Abschnitt der Reise - der oft bis ins junge Erwachsenenalter reicht - birgt so viele Hindernisse, wie sie auch Frodo, Harry, Jim und Huck überwinden mussten. Von Anfang an müssen junge Leser in den ersten Jahren auf der weiterführenden Schule lernen, auf eine neue Art und Weise zu denken, und obwohl viele Kinder dafür gewappnet sind, gibt es fast genauso viele Kinder, für die das nicht gilt. Wie können sie diesen Schritt vollziehen? Nach Meinung des bekannten Erziehungspsychologen Michael Pressley wird flüssiges, verstehendes Lesen vor allem dadurch gefördert, dass ein Kind zum einen durch seine Lehrer ausdrückliche Unterweisung in zentralen inhaltlichen Bereichen erhält und zum anderen gerne liest. Der Dialog mit den Lehrern hilft Schülern, sich selbst kritische Fragen zustellen, die zum Kern des Gelesenen vordringen.
So helfen Lehrer mit der von Annemarie Palincsar und Anne Brown entwickelten Methode des wechselseitigen Unterrichtens ihren Schülern explizit dabei, zu erfragen, was sie nicht verstehen, den Inhalt zusammenzufassen, entscheidende Punkte zu benennen sowie vorherzusagen und zu erschließen, was als Nächstes geschehen wird. Im Erfolgsfall gibt diese Abwandlung des sokratischen Dialogs den Schülern für den Rest ihres Lebens ein Verfahren an die Hand, mit dem sie den Sinn immer komplexerer Texte erschließen können.
Die Lust der Kinder zu lesen spiegelt ihr Eintauchen ins „Leseleben“ wider. Aus allen kognitiven, sprachlichen, emotionalen, sozialen und pädagogischen Faktoren in der früheren Entwicklung des
Kindes erwächst das Textverständnis, und Prousts „göttliches Vergnügen“, ins Lesen einzutauchen, befördert es weiter. (...) Wenn sich junge Leser mit Charakteren identifizieren, sprengt dies die Grenzen ihrer Welt. Von jeder tief empfundenen Begegnung nehmen sie etwas Neues und Dauerhaftes mit. Wer von uns würde in einer Situation, in der er ausgesetzt zu werden droht, nicht darüber nachdenken, was Robinson Crusoe wohl getan hätte? Wer unter den Lesern von Jane Austen hätte nicht Darcy vor Augen, wenn er einem arroganten Mann begegnet - und würde nicht hoffen, seine verborgenen guten Seiten zu entdecken? Elizabeth Bennet, Kapitän Ahab, Atticus Finch, Effi Briest, Hanno Buddenbrook, Anne Frank und Oskar Matzerath - unsere Identifikation mit diesen Figuren trägt zur Formung unserer Persönlichkeit bei.
Uns in diesen Tanz mit dem Text zu stürzen, kann uns in jedem Stadium unseres Leselebens verändern. Besonders prägend aber ist es in der Zeit wachsender Eigenständigkeit, in der sich auch das flüssige, verstehende Lesen entwickelt. Junge Menschen in dieser ausgedehnten vierten Phase des Leseerwerbs müssen lernen, das Lesen für ihr Leben zu nutzen - sowohl im Unterricht mit seiner zunehmenden Zahl an Lerninhalten als auch außerhalb der Schule, wo die Welt der Bücher einen sicheren Rückzugsraum bietet, um den in der Jugend wilden Strudel an Gedanken und Gefühlen zu erproben.
Das flüssig lesende, fühlende Gehirn
Das flüssig lesende Gehirn hat seine eigene Expedition zu bewältigen. Nicht nur seine Fähigkeit zu decodieren und zu verstehen nimmt zu; es fühlt auch differenzierter als je zuvor. Nach David Rose, der sich mit der Anwendung theoretischer Neurowissenschaft in der Bildungstechnologie einen Namen gemacht hat, bestehen die drei Hauptaufgaben des lesenden Gehirns im Erkennen von Mustern, Planen von Strategien und Fühlen. Jede bildgebende Darstellung eines Menschen beim flüssigen, verstehenden Lesen zeigt dies deutlich in der zunehmenden Aktivierung des limbischen Systems - dem Sitz unseres Gefühlslebens - und seinen Verbindungen zur Kognition.
Dieses System, das direkt unter der obersten Hirnrindenschicht liegt, ist verantwortlich für unser Vermögen, als Reaktion auf eine Lektüre Vergnügen, Ekel, Entsetzen und Glückseligkeit zu empfinden sowie zu verstehen, wie es Frodo, Huck und Anna Karenina ergeht. Wie David Rose anmerkt, hilft uns das limbische System, beim Lesen Prioritäten zu setzen und das Gelesene zu bewerten. Aufgrund dieser affektiven Leistung werden unsere Aufmerksamkeits- und Verständnisprozesse entweder aktiviert oder deaktiviert.
Je mehr Mühe etwas kostet, desto stärker - und normalerweise großflächiger - wird das Gehirn aktiviert, wie wir bei lesenden jüngeren Kindern festgestellt haben. Sie werden sich erinnern, dass sich die Anstrengungen des jungen Gehirns, Buchstaben und Wörter zu identifizieren, darin manifestierten, dass sie sehr viel Hirnrindenoberfläche in den visuellen Arealen beider Hemisphären beanspruchten, sowie in einer langsameren, weniger effizienten Bahn von den visuellen Arealen über die oberen temporalen und unteren parietalen bis hin zu den frontalen Regionen. Diese langsamere Bahn (die manchmal als dorsale Route bezeichnet wird) verschafft dem jüngeren Kind Zeit, die Phoneme in einem Wort zusammenzufügen. Sie räumt ihm auch mehr Zeit zum „Nachschlagen“ all der verschiedenen mit den Wörtern verknüpften Repräsentationen ein. Jüngere Leser wenden daher sehr viel Zeit zum Entziffern auf.
Beim flüssigen Lesen muss das Gehirn weniger Mühe investieren, weil seine spezialisierten Regionen gelernt haben, Repräsentationen für die wichtigen visuellen, phonologischen und semantischen Informationen zu erzeugen und diese blitzschnell abzurufen. Laut Ken Pugh, Rebecca Sandak und Neurowissenschaftlern am Haskins Laboratory in Yale sowie in Georgetown wird im Gehirn junger Leser, die lernen, flüssig zu lesen, die bihemisphärische Aktivierung durch ein effizienteres System in der linken Hemisphäre ersetzt (das man manchmal als ventrale oder untere Route bezeichnet). Der Ausgangspunkt dieser Bahn des flüssigen Lesens sind stärker konzentrierte und spezialisierte visuelle und okzipital-temporale Regionen als die, die von jüngeren Kindern genutzt werden. Danach verläuft die Bahn durch die unteren und mittleren temporalen bis zu den frontalen Regionen. Kennen wir ein Wort erst einmal sehr gut, brauchen wir es nicht mehr unter großen Anstrengungen zu analysieren. Unsere gespeicherten Repräsentationen für Buchstabenmuster und Wörter, insbesondere in der linken Hemisphäre, aktivieren ein schnelleres System.
Paradoxerweise ermöglicht die entwicklungsbedingte Verlagerung zu der spezialisierten linkshemisphärischen Aktivierung für grundlegende Decodierprozesse eine vermehrte bilaterale Aktivierung für Interpretations- und Verständnisprozesse. Diese Verschiebungen spiegeln die Veränderungen im Lesen und in der Entwicklung der Leser wider. Nun sind sie keine bloßen Decodierer von Informationen mehr.
Ist das Stadium des flüssigen Lesens erreicht, steht dem Gehirn schon bald die wichtigste Ressource fortgeschrittener Leserhirne zur Verfügung: Zeit. Wenn die Entzifferungsprozesse nahezu automatisch ablaufen, lernt das Gehirn, mit jeder hinzugewonnenen Millisekunde mehr metaphorische, folgernde, analogische, affektive Hintergrundinformationen und Erfahrungswissen zu integrieren. Zum ersten Mal in der Leseentwicklung arbeitet das Gehirn so schnell, dass es Denken und Fühlen trennen kann. Dieses Zeitgeschenk ist die physiologische Grundlage für unsere Fähigkeit, „eine endlose Reihe immer vollkommenerer Gedanken“ hervorzubringen. Es gibt beim Lesen nichts, was wichtiger wäre.
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