Home
http://www.faz.net/-grl-13rrl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Leseprobe: Folge 4 Erzeugt ein Alphabet ein anderes Gehirn?

26.09.2009 ·  Das Alphabet war ein revolutionärer Schritt auf dem Weg zum Lesen. Die Verbreitung des griechischen Alphabets läutete eine der produktivsten Periode der Geistesgeschichte ein. Wie beeinflusst das jeweilige Schriftsystem das Denken? Teil vier unserer F.A.Z.-Leseprobe über „Das lesende Gehirn“

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Verschiedene einflussreiche Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts haben behauptet, das Alphabet markiere den Höhepunkt der Schrift und demzufolge würden Alphabetleser „anders denken“. Vor dem Hintergrund unserer kognitiven Entwicklungsgeschichte wollen wir uns nun mit drei Behauptungen über die angeblich einzigartigen Leistungen des Alphabets auseinandersetzen:

1) die größere Effizienz des Alphabets im Vergleich zu anderen Systemen,

2) die Förderung neuartiger, nie zuvor formulierter Gedanken durch das Alphabet und

3) die Erleichterung des Lernprozesses für Leseanfänger durch die erhöhte Sensibilisierung für die Sprachlaute. (Diese Fähigkeit ermöglicht Kindern, Phoneme zu hören und zu analysieren; sie erleichtert somit das Lesenlernen und hilft, die Alphabetisierungsrate zu erhöhen.)

Behauptung 1: Das Alphabet ist effizienter als alle anderen Schriftsysteme

Eine Schrift ist effizient, wenn man sie schnell lesen und den Text dabei problemlos verstehen kann. Das Alphabet verdankt seine hohe Effizienz der sparsamen Verwendung von Schriftzeichen (bei vielen Alphabeten nicht mehr als 26 Buchstaben, im Vergleich zu 900 Keilschriftzeichen und Tausenden von Hieroglyphen). Diese begrenzte Anzahl von Symbolen verringert Zeit und Aufmerksamkeit, die man zum schnellen Erkennen benötigt, und demnach braucht man auch weniger Wahrnehmungs- und Gedächtnisressourcen. In der Geschichte des Schreibens bis zum Alphabet hilft uns die Untersuchung des Gehirns, diese Behauptung unter die Lupe zu nehmen. Hirnscans von heutigen Chinesischlesern verdeutlichen die bemerkenswerte Schnelligkeit und Effizienz von Chinesen, die Tausende von Zeichen lesen müssen. (...)

Dass Chinesischleser Texte so problemlos erfassen, ist ein Beweis dafür, dass Effizienz nicht nur den Alphabetlesern vorbehalten ist. Das Gehirn von Silbenschriftlesern ist ein weiterer Beweis. Gemeinsam illustrieren sie, dass mehr als eine Anpassung zu Effizienz führen kann. Sie sagen freilich nichts darüber aus, ob bei allen Schriftformen gleichermaßen die meisten Leser in der Lage sind, flüssig lesen zu lernen. (...) Das alphabetlesende Gehirn unterscheidet sich deutlich von dem des (...) Lesers einer Wortsilbenschrift, da es in einigen Arealen weniger Hirnrindenoberfläche beansprucht. Insbesondere wird bei Alphabetlesern stärker der hintere Teil der spezialisierten Bereiche in der linken Hirnhälfte genutzt - die beidseitige Aktivierung dieser visuellen Areale tritt weniger häufig auf. Dagegen beruht die Leseeffizienz der Chinesen (und Sumerer) auf der Nutzung vieler Areale für spezialisierte, automatisierte Abläufe in beiden Hemisphären.

Diese unterschiedliche Aktivierung der Hirnhälften zeigt sich auch in einer faszinierenden älteren Fallstudie zur Zweisprachigkeit, die drei chinesische Neurologen in den späten 1930er-Jahren beschrieben. Sie berichten von einem Geschäftsmann, der fließend Chinesisch und Englisch sprach und nach einem schweren Schlaganfall in den posterioren Arealen plötzlich eine Alexie (das Unvermögen zu lesen) entwickelte. Was damals alle in großes Erstaunen versetzte, war, dass dieser Patient nicht mehr Chinesisch, wohl aber noch Englisch lesen konnte. Heute empfinden wir den Fall nicht mehr als bizarr, weil wir dank der modernen bildgebenden Verfahren wissen, dass das Gehirn für die Verarbeitung verschiedener Schriften unterschiedlich organisiert sein kann.

Japanischleser liefern uns ein besonders interessantes Beispiel hierfür, weil die Gehirne sämtlicher Leser zwei völlig verschiedene Schriftsysteme lernen müssen - das eine ist eine äußerst effiziente Silbenschrift (Kana), die vor allem für Fremdwörter, Städte- und Personennamen sowie neuere japanische Wörter verwendet wird, und das andere eine ältere, von Chinesisch beeinflusste logographische Schrift (Kanji). Beim Lesen der Kanji nutzen Japanischleser ähnliche Nervenbahnen wie Chinesischleser; beim Lesen der Kana nutzen sie Bahnen, die viel eher denen von Alphabetlesern entsprechen. Anders gesagt, beanspruchen Chinesischleser nicht nur andere Bahnen als Englischleser - auch ein und dasselbe Gehirn benutzt je nach Schriftart beim Lesen unterschiedliche Bahnen. Und wegen der ungeheuren Anpassungsfähigkeit des Gehirns kann ein Leser in jeder Sprache Effizienz erlangen.

Zudem ist die Effizienz kein binäres „Entweder-oder“-Phänomen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass japanische Wörter in der Silbenschrift Kana schneller gelesen werden, als wenn sie in Kanji geschrieben sind. Demnach stellt man sich die Effizienz am besten als Kontinuum vor und nicht als ausschließlichen Erwerb eines Alphabets. Könnten wir alle Möglichkeiten betrachten, die das Gehirn in den Anfängen zum Lesenlernen benutzt hat, so würden wir einige Areale finden, die sich großenteils entsprechen, und einige Merkmale, die für einzelne Schriftsprachen charakteristisch sind.

Bei einer wegweisenden Metaanalyse von 25 Untersuchungen verschiedener Sprachen mit bildgebenden Verfahren fanden Kognitionswissenschaftler der Universität Pittsburgh drei große gemeinsame Hirnregionen, die in unterschiedlichem Maße bei allen Schriftsystemen genutzt werden. Die erste, der okzipital-temporale Bereich (zu dem der hypothetische Locus des „neuronalen Recyclings“ beim Lesen und Schreiben gehört), macht uns zum Experten im Erkennen und Entziffern einer Schrift, wie auch immer sie strukturiert ist. Die zweite, der frontale Bereich um das Broca-Areal, macht uns zu Spezialisten für Phoneme in Wörtern und für ihre Bedeutungen. Die dritte, der multifunktionale Bereich, der die oberen Temporallappen und die unteren, benachbarten Parietallappen umfasst, stellt uns zusätzliche Areale zur Verfügung, die bei der Verarbeitung verschiedenartiger Laut- und Bedeutungselemente helfen und insbesondere bei Alphabet- und Silbenschriften eine Rolle spielen.

Betrachtet man diese Hirnregionen alle zusammen, ergibt sich das Bild eines „universalen Lesesystems“, wie es der Kognitionsforscher Charles Perfetti von der Universität Pittsburgh und seine Mitarbeiter ausdrücken. Dieses System verbindet Areale in den Frontal-, Temporal- Parietal- und Okzipitallappen - oder, mit anderen Worten, spezielle Bereiche aus allen vier Lappen des Gehirns. Der Blick auf diese gesammelten Bilder verdeutlicht zwei wichtige Schlussfolgerungen über die Evolution der Schrift: Erstens führt das Lesen in einer beliebigen Sprache zu Umstrukturierungen kreuz und quer im Gehirn.

Zweitens gibt es viele unterschiedliche Nervenbahnen, die zu einem problemlosen Textverständnis beitragen können, wobei die Effizienz von einem Schriftsystem zum anderen kontinuierlich variiert und verschiedene Formen annehmen kann. Faktoren wie die Zahl der Symbole in einem Schriftsystem, die Lautstruktur einer gesprochenen Sprache, der Grad der Regularität in einer Schriftsprache, der Abstraktionsgrad sowie das Ausmaß der motorischen Beanspruchung beim Lernen einer Schrift beeinflussen sowohl die Effizienz als auch die spezifischen Schaltkreise des betreffenden Systems. In ihrer Gesamtheit bestimmen sie mit, wie leicht der Leseerwerb einem Anfänger fallen wird. In der Tat ist es nicht nur so, dass Wörter in der Kana-Silbenschrift schneller gelesen werden als in den logographischen Kanji. Kinder, die regelhaftere Alphabete, wie das griechische und deutsche, lernen, lesen schneller flüssig und effizient als Kinder, die weniger regelhafte Alphabete, wie das englische, lernen.

Einige Philosophen, darunter Benjamin Whorf und Walter Benjamin, haben die Frage aufgeworfen, ob verschiedene Sprachen das Denken ihrer Sprecher auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Die drei von mir diskutierten Behauptungen über das Alphabet sind viel spezifischer, doch auch dort zeigen sich Unterschiede. Wie die Neurowissenschaftlerin Guinevere Eden von der Georgetown University bemerkt hat, bilden verschiedene Schriftsysteme beim Lesenlernen ihre ganz speziellen Hirnschaltkreise aus.

In diesem engen Kontext führt das Alphabet nicht zu einem „besseren“ Gehirn, sondern, im Hinblick auf seine charakteristische Form der Effizienz in der Entwicklung, zu einem anderen Gehirn als andere Schriftsysteme. Genauer gesagt, entwickelten sich die „speziellen Hirnschaltkreise“ bei den jungen Lesern des griechischen Alphabets früher und effektiver als bei den jungen Lesern von Sumerisch oder Ägyptisch. Das soll nicht heißen, dass die Effizienz in der Entwicklung ausschließlich den Alphabetsystemen vorbehalten ist. Wenn sich die gesprochene Sprache besser durch eine Silbenschrift darstellen lässt - beispielsweise bei Japanisch und Cherokee -, ist eine Silbenschrift genauso effizient, was die Schnelligkeit des Erwerbs und die beanspruchte Oberfläche der Hirnrinde betrifft.

Diese beiden Aspekte gesteigerter Effizienz durch eine kleinere Anzahl von Symbolen - sowohl bei der Einführung des Alphabets als auch der Silbenschrift - markieren einen Meilenstein in der Geschichte des Schreibens. Die Frage, ob die Effizienz bei der Hirnaktivität und beim Leseerwerb weit mehr als nur die Geschwindigkeit betrifft, führt uns zu der zweiten zentralen Behauptung über das Alphabet - die neuen Gedanken.

Behauptung 2: Das Alphabet inspiriert am besten zu neuen Gedanken

Der Altphilologe Eric Havelock und der Psychologe David Olson haben die provokante Hypothese aufgestellt, dass die Effizienz des griechischen Alphabets eine beispiellose Umwälzung des damaligen Gedankenguts zur Folge hatte. Sie befreite die Menschen von dem Aufwand, den die mündliche Überlieferung erforderte, und „regte zum Denken neuer Gedanken an“. Versuchen Sie sich vorzustellen, dass die gebildeten Mitglieder einer Kultur mündlicher Überlieferung zur Bewahrung ihres kollektiven Wissens ganz auf das persönliche Erinnerungsvermögen und metakognitive Strategien angewiesen waren.

So beeindruckend diese Strategien auch waren, forderten sie doch ihren Tribut. Die Abhängigkeit von Rhythmus, Gedächtnis, Formeln und Strategien schränkte das, was man sagen, sich einprägen und ersinnen konnte, manchmal unmerklich, manchmal unübersehbar ein. Mit dem Alphabet und anderen Schriftsystemen waren die meisten dieser Einschränkungen Vergangenheit, und damit erweiterte sich für mehr Menschen der Horizont des Gedachten und Geschriebenen.

Doch ist dies eine einzigartige Leistung des griechischen Alphabets, oder eröffnet allein schon der Akt des Schreibens neue Ebenen des Denkens? Wenn wir in die Zeit 1000 Jahre vor den Griechen zurückgehen und die ugaritische Schrift betrachten, wird offenkundig, was ein beliebiges alphabetähnliches System in einer Kultur bewirken kann. Schauen wir noch weiter zurück in die akkadische Literatur, mit der Havelock sich nicht beschäftigte, entdecken wir geradezu eine Flut von Gedanken (von denen einige freilich auf mündlicher Überlieferung beruhten), die von einer nicht-alphabetischen Wortsilbenschrift festgehalten wurden.

Betrachten wir diese ganze Geschichte in ihrer Gesamtheit, so stellen wir fest, dass die Entwicklung intellektuellen menschlichen Denkens nicht durch das erste Alphabet oder die beste Version eines Alphabets befördert wurde, sondern durch das Schreiben an sich. Wie es der russische Psychologe Lew Wygotski im 20. Jahrhundert ausdrückte, setzt das Niederschreiben von gesprochenen
Wörtern und unausgesprochenen Gedanken die Gedanken frei und verändert sie im Laufe dieses Prozesses. Als die Menschen lernten, mithilfe der Schriftsprache ihre Gedanken immer präziser zu formulieren, förderte das ihre Fähigkeit, abstrakte Gedanken und neuartige Ideen zu erzeugen.

Jedes Kind, das lernt, die Gedanken eines anderen Menschen zu lesen und die eigenen niederzuschreiben, lässt diese zyklische, aufkeimende Beziehung zwischen Schriftsprache und neuen, nie zuvor gefassten Gedanken wieder aufleben. Diese fruchtbare neue Beziehung zieht sich durch die Frühgeschichte des Schreibens, von den ägyptischen Vorschriften für das Leben nach dem Tode über den babylonischen Pessimistischen Dialog bis hin zu Platons Dialogen. Doch innerhalb dieser Geschichte des Schreibens ist unstrittig, dass die kreative Wechselbeziehung zwischen Schreiben und Denken im Zusammenhang mit dem griechischen Alphabet besonders deutlich zutage tritt.

Demnach ist erneut festzuhalten: Nicht allein das Alphabet hat zur Produktion neuer Gedanken beigetragen; vielmehr bewirkte erhöhte Effizienz, die sowohl Alphabet- als auch Silbenschriften eigen ist, dass neue gedankliche Wege leichter von mehr Menschen beschritten werden konnten und dies in der Entwicklung der Leseanfänger nun schon früher möglich war. Und genau hier erfolgte die Revolution in unserer Geistesgeschichte - es war der Ursprung der Demokratisierung des jungen lesenden Gehirns. Vor diesem weiteren Hintergrund überrascht es nicht, dass eine der tiefgreifendsten und produktivsten Perioden für Literatur, Kunst, Philosophie, Theater und Wissenschaft der bis dahin belegten Geschichte mit der Verbreitung des griechischen Alphabets einherging.

Zur Übersichtsseite: Einführung und Leseproben

Quelle: Copyright: Spektrum Verlag
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen