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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 2 Die Umformung unseres Gehirns

 ·  Für das Lesen gibt es kein genetisches Programm. Es entwickelt sich nicht von allein, man muss es erst lernen. Das klingt simpel, ist aber folgenreich. Teil zwei unserer F.A.Z.-Leseprobe zeigt uns, auf welchen Prozessen unsere Lesefähigkeit gründet.

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Im Gegensatz zu seinen Komponenten, wie Sehen und Sprechen, die genetisch organisiert sind, existiert für das Lesen kein unmittelbares genetisches Programm, das es an die zukünftigen Generationen weitergibt. Demnach müssen die vier darüberliegenden Ebenen jedes Mal von Neuem lernen, die erforderlichen Nervenbahnen auszubilden, wenn das Gehirn eines Individuums die Fähigkeit zu lesen erwirbt. Dies ist ein Grund, warum sich das Lesen - wie jede kulturelle Erfindung - von anderen Prozessen unterscheidet und warum es unseren Kindern nicht ganz von selbst in den Schoß fällt, wie etwa Sehen oder Sprechen, die vorprogrammiert sind.

Wie aber entstand dann überhaupt das Lesen? Von dem französischen Neurowissenschaftler Stanislas Dehaene wissen wir, dass die ersten Menschen, die das Schreiben und Rechnen erfanden, dabei auf „neuronales Recycling“ zurückgreifen konnten, wie er es nennt. So zeigt Dehaene in seiner Arbeit mit Primaten, dass bei einem Affen, vor den man einen Teller mit zwei Bananen und einen mit vier Bananen hinstellt, unmittelbar bevor er sich den üppiger bestückten Teller schnappt, ein Areal im sogenannten posterioren Cortex aktiviert wird. Genau dieses Areal gehört zu den Hirnregionen, die wir Menschen heute für bestimmte Rechenoperationen nutzen. Entsprechend meinen Dehaene und seine Mitarbeiter, dass unsere Fähigkeit, beim Lesen Wörter zu erkennen, von dem evolutionär älteren Schaltkreis für Objekterkennung Gebrauch macht.

Und so wie die Fähigkeit unserer Urahnen, mit einem Blick zwischen Raubtier und Beute zu unterscheiden, auf der angeborenen Anlage zu visueller Spezialisierung beruhte, stützt sich unsere Fähigkeit, Buchstaben und Wörter zu erkennen, vielleicht auf eine noch darüber hinausgehende angeborene Fähigkeit, die die „Spezialisierung innerhalb einer Spezialisierung“ ermöglicht.

Wollte man Dehaenes Theorie etwas erweitern, wäre höchstwahrscheinlich anzunehmen, dass das lesende Gehirn ältere Nervenbahnen angezapft hat, die ursprünglich nicht nur dem Sehen dienten, sondern auch der Verknüpfung des Sehens mit begrifflichen und sprachlichen Funktionen. Beispiele wären die Verknüpfung des schnellen Erkennens einer Form mit der umgehenden Schlussfolgerung, dass dieser Fußabdruck Gefahr bedeuten kann, oder die Verknüpfung eines identifizierten Werkzeugs, Raubtiers oder Feindes mit dem Abrufen eines Wortes. Somit konnte unser Gehirn, als es mit der Aufgabe konfrontiert wurde, Funktionen wie Schreiben, Lesen und Rechnen zu erfinden, auf drei geniale Gestaltungsprinzipien zurückgreifen: die Möglichkeit, zwischen älteren Strukturen neue Verbindungen herzustellen, die Möglichkeit, äußerst präzise Spezialisierungsbereiche für das Erkennen von Mustern in Informationen auszubilden, und die Fähigkeit zu lernen, wie man Informationen aus diesen Bereichen automatisch abruft und verknüpft. In gewisser Weise bilden diese drei Prinzipien der Hirnorganisation die Grundlage all dessen, was mit der Evolution des Lesens, der individuellen Entwicklung des Lesevermögens und dabei auftretenden Problemen zusammenhängt.

Die beeindruckenden Eigenschaften des Sehsystems illustrieren hervorragend, wie das Recycling bestehender Sehschaltkreise die Entwicklung des Lesens ermöglicht hat. Sehzellen sind hochgradig spezialisierbar und können sehr spezifisch werden; außerdem können sie zwischen bereits existierenden Strukturen neue Schaltkreise ausbilden. Daher sind die Augen von Neugeborenen fast sofort voll funktionsfähig und Musterbeispiele für Design und Präzision. Schon bald nach der Geburt beginnt jedes Neuron in der Netzhaut des Auges Verschaltungen mit einer spezifischen Menge von Zellen in den Okzipitallappen auszubilden. Aufgrund dieses Gestaltungsmerkmals unseres Sehsystems, das man retinotope Organisation nennt, aktiviert jede Linie oder Diagonale, jeder Kreis und jeder Bogen, den die Netzhaut des Auges wahrnimmt, in Sekundenbruchteilen einen spezifischen, spezialisierten Locus in den Okzipitallappen.

Dass unsere Cro-Magnon-Vorfahren Tiere am fernen Horizont identifizieren konnten, dass viele von uns auf einen halben Kilometer Entfernung die Marke eines Autos erkennen können und dass Vogelbeobachter in der Lage sind, eine Seeschwalbe zu identifizieren, die andere Leute nicht einmal sehen können, beruht auf etwas anderen Mechanismen. Dehaene vermutet, dass die für Objekterkennung zuständigen Sehzentren im Gehirn unserer Urahnen zur Entzifferung der ersten Symbole und Zeichen der Schriftsprache genutzt wurden, indem sie ihr eingebautes Erkennungssystem an die neuen Anforderungen anpassten. Entscheidend war, dass die Kombination mehrerer angeborener Fähigkeiten - zur Anpassung, zur Spezialisierung und zur Ausbildung neuer Verbindungen - unserem Gehirn erlaubte, neue Bahnen zwischen Sehzentren und denjenigen Arealen herzustellen, die mit den für die Schriftsprache wesentlichen kognitiven und sprachlichen Prozessen assoziiert sind.

Das dritte Prinzip, von dem das Lesen profitiert - die Fähigkeit der neuronalen Schaltkreise, irgendwann praktisch automatisch zu funktionieren -, schließt die beiden anderen in sich ein. (…) Eine solche Automatisierung entsteht nicht über Nacht - damit kann weder ein Anfänger der Vogelbeobachtung noch ein Leseanfänger aufwarten. Die entsprechenden Schaltkreise und Nervenbahnen werden erst gebildet, wenn man hunderte oder, bei Kindern mit Leseschwächen wie Legasthenie, tausende Male mit Buchstaben und Wörtern konfrontiert worden ist.

Automatisiert werden die Nervenbahnen für das Erkennen von Buchstaben, Buchstabenmustern und Wörtern dank der retinotopen Organisation, der Fähigkeit zur Objekterkennung und einer weiteren höchst bedeutsamen Dimension der Gehirnorganisation - unserer Gabe, gelernte Informationsmuster in unseren spezialisierten Arealen zu repräsentieren. Wenn beispielsweise die für das Erkennen von Buchstaben und Buchstabenmustern zuständigen Zellnetzwerke lernen, „gemeinsam zu feuern“, erzeugen sie Repräsentationen ihrer visuellen Informationen, die viel schneller abrufbar sind. Faszinierenderweise produzieren Zellnetzwerke, die über einen langen Zeitraum gelernt haben zusammenzuarbeiten, Repräsentationen von visuellen Informationen, auch wenn diese Informationen momentan gar nicht real vorhanden sind.

In einem aufschlussreichen Experiment des Kognitionswissenschaftlers Stephen Kosslyn aus Harvard bat man erwachsene Leser in einem Gehirnscanner, die Augen zu schließen und sich bestimmte Buchstaben vorzustellen. Als sie an Großbuchstaben denken sollten, reagierten separate Regionen, die für einen Teil des Gesichtsfeldes im visuellen Cortex zuständig waren; Kleinbuchstaben aktivierten andere separate Regionen. Demnach führt die bloße Vorstellung von Buchstaben zur Aktivierung bestimmter Neuronen in unserem visuellen Cortex. Wenn bei einem erfahrenen Leser Informationen auf die Netzhaut treffen, werden alle physikalischen Eigenschaften der Buchstaben von einer Anordnung spezialisierter Neuronen verarbeitet, die ihre Informationen automatisch immer tiefer in andere visuelle Areale einspeisen. Sie sind ein fester Bestandteil der nahezu automatisch ablaufenden Vorgänge im lesenden Gehirn, wo alle Repräsentationen und tatsächlich sämtliche Einzelaktionen - nicht nur die visuellen - wie aus der Pistole geschossen und mühelos erfolgen.

Was zwischen unserer ersten Konfrontation mit Buchstaben und routiniertem Lesen geschieht, ist für Wissenschaftler von großer Bedeutung, weil es die einzigartige Gelegenheit bietet, die methodische Entwicklung eines kognitiven Prozesses zu verfolgen. Die verschiedenen Merkmale des Sehsystems - das Heranziehen älterer genetisch programmierter Strukturen, das Erkennen von Mustern, das Bilden separater Arbeitsgruppen spezialisierter Neuronen für bestimmte Repräsentationen, das äußerst flexible Herstellen von Verbindungen zwischen Schaltkreisen und das Erwerben von Routine durch Übung - sind in sämtlichen großen kognitiven und sprachlichen Systemen, die das Lesen betreffen, ähnlich.

(...) Lesen ist neuronal und intellektuell ein Akt der verschlungenen Wege, der durch die unvorhersagbaren Abstecher in Gestalt der Schlussfolgerungen und Gedanken der Leser genauso bereichert wird wie durch die unmittelbare Botschaft, die der Text an das Auge sendet. Dieser einzigartige Aspekt des Lesens bereitet mir zunehmend Sorgen, wenn ich an die Google-Welt meiner Kinder denke. Wird das für das Lesen so zentrale konstruktive Element sich allmählich wandeln und möglicherweise verkümmern, wenn wir immer mehr mit computergenerierten Texten umgehen, die uns mit einem Tastendruck riesige Mengen an Informationen bescheren? Anders gesagt, wenn uns scheinbar vollständige visuelle Informationen fast auf einen Schlag dargeboten werden, wie es bei vielen digitalen Präsentationen der Fall ist, haben wir dann noch genug Zeit oder Lust, diese Informationen logisch, analytisch und kritisch zu verarbeiten? Ist der Akt des Lesens in solchen Kontexten ein grundlegend anderer?

Die fundamentalen visuellen und sprachlichen Prozesse sind vielleicht die gleichen, aber kommen die zeitaufwändigeren, prüfenden, analytischen und kreativen Aspekte des Verstehens zu kurz? Oder beeinflusst die mögliche zusätzliche Information aus verlinkten Texten die Entwicklung des kindlichen Denkens? Können wir die konstruktive Dimension des Lesens in unseren Kindern bewahren, neben ihrer zunehmenden Fähigkeit, mehrere Aufgaben parallel zu erledigen und stetig wachsende Berge an Informationen zu bewältigen? Sollten wir unsere Kinder explizit anleiten, verschiedene Formen der Textpräsentation zu lesen, um sicherzugehen, dass sie mehrere Arten der Informationsverarbeitung lernen?

Mit diesen Fragen schweife ich ab. Aber genau das tun wir häufig, wenn wir etwas lesen. Diese assoziative Dimension ist keineswegs etwas Schlechtes, sondern gehört zu der schöpferischen Qualität, die dem Lesen eigen ist. Vor 150 Jahren entdeckte Charles Darwin ein ähnliches Prinzip in der Natur, wo „endlose“ Formen aus endlichen Prinzipien entstehen: „Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, dass aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch fort entwickelt.“ So ist es auch mit der Schriftsprache. Biologisch und intellektuell erlaubt das Lesen der Spezies, über die gegebene Information hinauszugehen und eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Gedanken zu entwickeln. Diese grundlegende Eigenschaft dürfen wir heutzutage, bei dem historischen Übergang zu neuen Formen des Erwerbens, Verarbeitens und Verstehens von Informationen, nicht verlieren.

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Quelle: Copyright: Spektrum Verlag
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