13.09.2009 · Als das Weiße Haus in Washington zum Schauplatz eines der größten Wissenschaftsabenteuers unserer Zeit wurde, war Craig Venter am Ziel seiner Träume. Der Genomforscher wurde zum Star, seine Erkenntnisse veränderten unsere Sicht auf die Welt. Dritte Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe.
Von Craig VenterIn der Nacht vorher konnte ich nicht schlafen: Nicht nur ein Staatschef, sondern gleich zwei sollten die Ergebnisse des größten gemeinschaftlichen Projekts der Biologie bekanntgeben. Die bevorstehende Feier wurde von manchen als größte Sternstunde der Geistesgeschichte bejubelt. Trotz meiner Drohung, die folgenschwere Erklärung zu boykottieren, war ich jetzt überzeugt, dass es mein Tag werden würde, vielleicht einer der wichtigsten Tage in meinem Leben. Nach meinem Gespräch mit Neal Lane hatte ich weiterhin an meiner Rede gefeilt, hier und da noch ein Wort verändert. Ich strich einen Satz durch; ich schob Absätze hin und her. Immer und immer wieder rief ich Heather und andere Vertraute an oder schrieb ihnen E-Mails, wollte ihre Meinung wissen, hielt sie während der Stunden der Dunkelheit wach. Es musste einfach die richtige Rede sein.
Wie versprochen, schickte ich den Text um sechs Uhr morgens als E-Mail ans Weiße Haus. Ich stellte mich unter die heiße Dusche, dann zog ich einen dunkelblauen Anzug mit roter, schräg gestreifter Krawatte an. Ein langer Tag in der brütenden Hitze Washingtons lag vor mir. Ein Fahrer sollte Claire und mich in unserem Haus am Potomac abholen und in 25 Minuten zum Weißen Haus bringen. Unsere Ehe war wegen meines Engagements für das Genomprojekt in großen Schwierigkeiten, und unterwegs redeten wir nicht viel. Wieder und wieder las ich meine Rede durch.
Nach unserer Ankunft im Weißen Haus wurden wir schnell durch die Sicherheitskontrollen geschleust und trafen mit Francis, seiner Frau und Neal Lane zusammen. Kurze Zeit später erschien die elegante, stämmige Gestalt von Ari Patrinos auf der Bildfläche, und der Fotograf des Weißen Hauses machte Aufnahmen. Einige davon zeigen Ari, Francis Collins und mich mit einem Exemplar des Nachrichtenmagazins Time. Darauf stehen Francis und ich Schulter an Schulter, aber zu meiner Freude bemerkte ich, dass ich mich ein wenig weiter im Vordergrund befand. Dass wir beide auf diesem Foto erschienen, war mehr als nur ein Beleg, dass eine gewaltige wissenschaftliche Aufgabe abgeschlossen war, denn hinter den Kulissen hatte es eine Menge Konflikte gegeben.
Time hatte die Geschichte der Genomsequenzierung fast von Anfang an begleitet, was vor allem das Verdienst des Wissenschaftsautors Dick Thompson war (der heute bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf arbeitet). Das Weiße Haus, Francis, Ari und ich hatten uns darauf geeinigt, dem Magazin exklusiv darüber zu berichten, welche Gespräche zu der Veranstaltung im Weißen Haus geführt hatten. Dazu gehörten geheime Interviews mit allen wichtigen Beteiligten und nächtliche Fototermine - der wichtigste fand nach Mitternacht im Natcher Auditorium der National Institutes of Health statt. Im Vorfeld der Veranstaltung im Weißen Haus hatte Time mir mitgeteilt, der Chefredakteur habe nur mich auf dem Umschlag abbilden wollen, sei aber von einem leitenden Beamten im Weißen Haus gedrängt worden, auch Francis dazuzunehmen. Man versicherte mir, es werde dennoch »mein Titelbild« werden, und wenn ich damit unzufrieden sei, würden sie ihre Pläne nicht ändern. Am nächsten Tag rief Collins an und bettelte: Es werde einen falschen Eindruck vermitteln, wenn nur einer von uns auf dem Titelbild erscheine. Widerstrebend gab ich nach. Als ich es Dick Thompson mitteilte, fragte er noch einmal, ob ich meiner Sache sicher sei. Darauf erwiderte ich, mir sei nach Großherzigkeit zumute und es sei richtig so.
An dem großen Tag schließlich wurden glücklicherweise sämtliche Rivalitäten hinweggefegt, weil alle das Gefühl hatten, an einer historischen Leistung beteiligt zu sein. Im Weißen Haus wurden wir von Francis Collins und seiner Frau freundlich begrüßt; die Atmosphäre war aufgeladen und voller freudiger Erwartung. Als Präsident Clinton hereinkam und uns alle vier begrüßte, war er bestens gelaunt. Später nahm er mich beiseite und erklärte, wir hätten einen gemeinsamen Freund: Thomas J. Schneider, dessen Ehefrau Cynthia Botschafterin in den Niederlanden war. Schneider bewunderte meine Leistungen und hatte sich große Mühe gegeben, den Präsidenten darauf aufmerksam zu machen. Clinton selbst schrieb später über die Begegnung mit Francis und mir: »Craig war ein alter Freund, und ich hatte mir große Mühe gegeben, die beiden zsammenzubringen.« Als der Präsident, Francis und ich gemeinsam aus dem Foyer in den East Room des Weißen Hauses gingen, spielte eine Kapelle »Hail to the Chief«, und als wir eintraten, wurden wir mit stehenden Ovationen empfangen. An der Rückseite des Raumes waren auf einer Tribüne mehrere Reihen von Fernsehkameras aufgebaut. Ich saß rechts und Francis links vom Rednerpult des Präsidenten. Zwei große Plasmabild-schirme zeigten die Videodirektschaltung zur Downing Street und dem britischen Premierminister Tony Blair. In London kicherte das Publikum in Nr. 10 über den krassen Gegensatz: Hier Pomp und Glanz des Weißen Hauses, dort Blair, der steif und einsam an einem Pult vor der Kamera stand.
Ich blickte mich um und stellte fest, wer alles im Publikum saß: mehrere Kabinettsmitglieder, Senatoren und Kongressabgeordnete; die Botschafter aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und -Japan; und alle, die in der Genomforschung Rang und Namen hatten, unter ihnen auch Jim Watson im weißen Anzug: Er saß in der ersten Reihe neben Norton Zinder und Rich Roberts, zwei Mitgliedern meines Beraterstabes. Claire saß neben Francis' Frau, und dann war natürlich mein Team von Celera da: Ham Smith, Granger Sutton, Mark Adams, Heather Kowalski und - überraschend schrill gekleidet - Gene Myers. Vielleicht der Einzige, der in dieser gutgelaunten Gruppe grimmig dreinblickte, war der gut gekleidete Tony White; jenseits des Atlantiks jedoch ärgerte sich auch John Sulston: Es war nicht ganz klar, ob das staatliche Projekt die magische 90-Prozent-Marke erreicht hatte, und er war besorgt, die Veranstaltung könne von einem Geist der Unehrlichkeit geprägt sein: »Wir haben einfach alles zusammengestellt, was wir haben, dann haben wir es hübsch verpackt und gesagt, wir sind fertig … Ja, wir sind ganz einfach eine Bande von Schwindlern!« Aber selbst er hatte am Ende den Eindruck, dass an diesem großen Tag alles Mögliche wichtig war, aber sicher keine politischen Querelen.
Als der Präsident mit seinen Ausführungen zum Genomprojekt begann, war ich stolz und in Hochstimmung. Er verglich unsere Leistung mit dem Zeichnen einer Landkarte der gesamten Menschheit.
»Vor fast zwei Jahrhunderten breiteten Thomas Jefferson und ein vertrauenswürdiger Helfer in diesem Raum, auf dieser Etage eine großartige Landkarte aus - Jefferson hatte lange darum gebetet, dass er sie noch zu seinen Lebzeiten zu sehen bekam. Der Helfer war Meriwether Lewis, und die Karte war das Ergebnis seiner mutigen Expedition durch das unerforschte Amerika bis zum Pazifik. Seine Landkarte legte die Umrisse fest und erweiterte für alle Zeiten die Grenzen unseres Kontinents und unserer Vorstellungskraft.«
Ich grinste und fragte mich insgeheim, was der Präsident wohl denken würde, wenn er wüsste, dass Lewis vermutlich einer meiner entfernten Verwandten war. Aber das Lächeln verging mir, als ich immer wieder daran zurückdenken musste, welchen Weg ich seit meiner Zeit in Vietnam hinter mich gebracht hatte, und ich wurde plötzlich sehr emotional. In meiner Rede wollte ich erwähnen, wie der Dienst für mein Vaterland mir so viel Willenskraft und Entschlossenheit vermittelt hatte. Jetzt machte ich mir Sorgen, ich könne die Fassung verlieren - wozu ich immer neige, wenn ich über meine Kriegserlebnisse spreche.
Der Präsident kam von Meriwether Lewis auf die genetische Kartographie:
»Heute betrachten wir hier im East Room zusammen mit der gan-zen Welt eine Landkarte von noch größerer Bedeutung. Wir feiern den Abschluss der ersten Vermessung des gesamten menschlichen Genoms. Dies ist zweifellos die wichtigste, erstaunlichste Landkarte, die jemals von Menschen gezeichnet wurde.«
Nachdem der Präsident die tausend Wissenschaftler aus sechs Ländern geehrt hatte, die an dieser bemerkenswerten Karte mitgearbeitet hatten, und natürlich Crick und Watson und den bevorstehenden fünfzigsten Jahrestag der Entdeckung der Doppelhelix, kam er auf Gott zu sprechen. Die Fertigstellung der Genomanalyse sei »mehr als nur ein epochaler Triumph von Wissenschaft und Vernunft. Auch als Galilei bemerkte, dass er mit den Hilfsmitteln der Mathematik und Mechanik die Bewegungen der Himmelskörper verstehen konnte, spürte er nach den Worten eines Wissenschaftlers, ›dass er die Sprache erlernt hatte, in der Gott das Universum erschaffen hat‹. Heute lernen wir die Sprache, in der Gott das Lebendige erschaffen hat. Immer größer wird unsere Ehrfurcht vor der Komplexität, der Schönheit, dem Wunder von Gottes heiligem Geschenk.«
Mit der religiösen Färbung hatte ich gerechnet: Francis hatte mit dem Redenschreiber des Präsidenten zusammengearbeitet. Sie gab mir aber auch Anlass zum Nachdenken. Mir ist klar, dass solche Anspielungen in den Vereinigten Staaten politisch notwendig sind, aber diesen gewaltigen Fortschritt mit einer bestimmten Glaubensrichtung in Verbindung zu bringen, war eine Ablenkung von meiner harten Arbeit und der einer Armee von Genomforschern, die mit rationalen Methoden die Geheimnisse des Lebens entschlüsseln wollten.
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Krebs und mein Genom
Viele Menschen werden mit einer Mutation geboren, die sie von vornherein ein Stück näher an eine Tumorerkrankung heran-gerückt. Ganz allgemein können manche SNPs - Buchstabierfeh-
ler, von denen ein einziger Buchstabe der genetischen Information betroffen ist - das Verhalten eines Gens tiefgreifend verändern, andere haben auf die Funktion eher geringfügige Auswirkungen, die einen Menschen in Verbindung mit der übrigen genetischen Ausstattung oder der Umwelt anfälliger für Krankheiten machen. (Beispielsweise lassen manche Gene bei Rauchern das Lun-genkrebsrisiko ansteigen, während sie bei Nichtrauchern keine Auswirkungen haben.) Wieder andere, die sogenannten funktions-losen SNPs, haben überhaupt keinen Effekt.
Gene codieren Proteine. Von den drei SNP-Typen sind diejenigen am interessantesten, die zu einem Austausch eines Aminosäurebausteins im Proteinmolekül und damit zu einer Struktur- und Funktionsveränderung führen. Solche Veränderungen bezeichnet man als »nichtsynonyme« SNPs. Für mich gibt es, soweit man das überhaupt sagen kann, eine gute Nachricht: Als man in meinem Genom nach Mutationen in vier Genen suchte, die bereits mit Krebs in Verbindung gebracht wurden - Her2, Tp53, PIK3CA und RBL2 -, fand man zwei nichtsynonyme SNPs ohne bekannte Verbindung zu Krankheiten und zwei neue, deren Wirkung man nicht kennt. Einer dieser neuen SNPs liegt in dem Gen PIK3A in einer »konservierten Position«, das heißt in einem Teil des Proteins, der sich in der Regel kaum verändert - vermutlich weil er eine wichtige Funktion hat.
Zu der Frage, ob diese eine Veränderung für mich ein größeres Risiko darstellt, gibt es keine Befunde. PIK3A gehört aber zu einer Genfamilie, deren Gene Lipidkinasen codieren, Enzyme, die Fettsäurenmoleküle verändern und über Wachstum, Formveränderungen und Bewegungen der Zellen bestimmen. Mutationen von PIK3A kommen bekanntermaßen bei bis zu 30 Prozent aller Fälle von Dickdarmkrebs, Magenkrebs und Glioblastom vor, und in geringerer Zahl findet man sie auch bei Brust- und Lungenkrebs. In Gehirntumoren können Mutationen von PIK3A auch spontan auftreten. Möglicherweise werde ich mich noch einmal genauer mit dieser Frage beschäftigen.