12.09.2009 · Nach der Erfindung der „Schrotschusstechnik“ beschreibt Craig Venter in seiner Autobiographie den Wettlauf um die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Ein Ringen mit den Gegnern und der Politik, bei dem er über achtzig Millionen Dollar verlor. Zweite Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe.
Von Craig VenterLange bevor wir mit der Sequenzierung des ersten menschlichen Genoms begannen, ja sogar lange bevor wir überhaupt sicher wussten, dass wir dazu in der Lage waren, spekulierten wir voller Vergnügen darüber, wessen DNA die Ehre haben sollte, als Erste von Anfang bis Ende analysiert zu werden. Wer würde die wissenschaftliche Neugier, das Selbstbewusstsein, den Seelenfrieden und die innere Sicherheit besitzen, um den Wunsch nach der Sequenzierung des eigenen Genoms zu haben? Und wer würde so gut über das tiefgreifende Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt Bescheid wissen, dass er oder sie sehen möchte, wie die eigene genetische Programmierung im Internet veröffentlicht wird, insbesondere nachdem genetische Deterministen den meisten Menschen Angst mit dem Gedanken gemacht hatten, damit würden alle ihre biologischen Geheimnisse offengelegt?
Als es für mein Unternehmen Celera Genomics 1998 darum ging, Menschen als DNA-Spender zu finden, gab es nach unserem Eindruck auf der ganzen Welt keine besser informierten Personen - Personen, die über alle mit der Sequenzierung und Veröffentlichung ihrer Genome verbundenen Gefahren besser Bescheid wussten - als meinen Mitarbeiter und wichtigen Helfer Hamilton Smith, der 1978 den Medizinnobelpreis erhalten hatte, und mich. Beide hatten wir uns nicht die übermäßig vereinfachte Vorstellung des genetischen Determinismus zu eigen gemacht, wonach wir nur das sind, wozu unsere Gene uns machen, so dass man unseren Lebenslauf aufgrund unserer genetischen Information genau voraussagen könnte. Gleichzeitig spürten wir beide eine natürliche Neugier, was unser eigenes Genom anging. Uns kam nie in den Sinn, dass wir irgendein medizinisches Risiko auf uns nahmen, abgesehen vielleicht von Gefahren für unseren Geisteszustand: Wenn bekannt wurde, dass wir unsere eigene DNA verwendeten, konnten wir mit politischen Angriffen unserer Gegner rechnen.
Es gab außer uns aber noch mehrere Spender. Am Ende handelte es sich um Ham und mich sowie um drei Frauen, die sich als Afroamerikanerin, Chinesin und Hispanierin bezeichnet hatten. Die Identität dieser drei Frauen kenne ich bis heute nicht. Aber schon die Tatsache, dass sich unsere Sequenzen zu einer einzigen zusammensetzen ließen, zeugt von der genetischen Ähnlichkeit aller Menschen auf unserem Planeten.
Das mit uns konkurrierende staatliche Programm zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms stand im Zusammenhang mit der Entscheidung, wessen Genom man sequenzieren sollte, vor größeren Problemen. Dessen Leiter Francis Collins und seine Kollegen gaben lautstark bekannt, sie hätten die DNA von fünfzehn oder zwanzig Personen gemischt, so dass die letztlich ermittelte Genomsequenz die eines anonymen Allerweltsmenschen sei. Im Laufe der Jahre hatte man zahlreiche DNA-Bibliotheken hergestellt, deren Ausgangsmaterial von hilfsbereiten Postdocs, Labormitarbeitern und anderen stammte; das war geschehen, lange bevor irgendjemand über heikle Themen wie Ethik und Zustimmung nach erfolgter Unterrichtung auch nur nachgedacht hatte. Nachdem einige der Spender sich selbst offenbart hatten, wurden alle diese Bibliotheken aus dem Programm genommen, was für das staatliche Projekt einen weiteren Rückschlag und eine sofortige Verfahrensänderung bedeutete. Am Ende stammte nahezu das gesamte Genom, das im Rahmen des staatlichen Programms veröffentlicht wurde, nur von einem oder zwei Spendern (eine Tatsache, über die so lange wie möglich Stillschweigen bewahrt wurde).
Mittlerweile war es 1999, und wir bei Celera standen unter erheblichem Druck: Die Vertreter des staatlichen Programms hatten bekanntgegeben, sie hätten bereits ein Viertel des Genoms sequenziert. Sie verkündeten außerdem, sie würden zunächst eine Rohversion des Genoms produzieren, und dieser „erste Entwurf“ werde im kommenden Frühjahr fertig sein - was zweifellos von einem Medienereignis begleitet sein würde. Der wichtigste Unterschied zwischen unserer Tätigkeit bei Celera und dem veränderten staatlich finanzierten Projekt lag letztlich in Maßstäben und Strategien: Ganzgenom-Schrotschussmethode gegen die traditionelle Analyse Klon für Klon. Ich wusste, dass wir die Siegerstrategie verfolgten und dass die staatlich finanzierten Institute selbst dann, wenn sie über die gleiche oder eine noch größere Sequenzierungskapazität verfügten, nicht mit uns konkurrieren konnten - es sei denn, sie gäben ihre Maßstäbe auf und veränderten ihre Pläne so, dass sie den unseren ähneln würden.
Wegen der damaligen Aktien-Hausse und möglicherweise auch wegen der Entschlüsselung des Chromosoms 22 gingen die Aktienkurse von Celera zu jener Zeit steil in die Höhe. Auf dem Weg über Neal Lane und Sir Bob May, die Wissenschaftsberater von Präsident Bill Clinton und Premierminister Tony Blair, hatte Michael Morgan von der gemeinnützigen britischen Treuhandorganisation Wellcome Trust sich energisch dafür eingesetzt, dass die beiden Regierungschefs eine gemeinsame Aussage über das geistige Eigentum an menschlichen Genen machten. Nach umfangreichen Überarbeitungen und mehreren Verschiebungen entschloss sich das Weiße Haus in einer nachrichtenarmen Zeit zu einer Pressekonferenz, auf der auch Collins und Lane auftreten sollten.
Als der Aktienmarkt, der sich damals auf dem Höhepunkt des „irrationalen Überschwanges“ befand, auf diese Pressekonferenz mit einem dramatischen Kursverfall von Biotech-Aktien reagierte, versuchte das Weiße Haus sehr schnell, den destruktiven Geist wieder in der Flasche verschwinden zu lassen. Der Börsenwert von Celera schrumpfte jedoch innerhalb von zwei Tagen um nahezu sechs Milliarden Dollar, und der Biotechnologiemarkt insgesamt verlor rund 500 Milliarden. Heute behauptet Sir Bob, die Erklärung habe „sensible Dinge enthalten“ und der Markt habe „pervers“ reagiert.
Ich war auf dem Weg gewesen, zum ersten Dollarmilliardär der Biotechnologiebranche zu werden, aber allein in den ersten Stunden des Kurssturzes hatten meine Aktien mehr als 300 Millionen verloren. Gerade verhandelte ich über den Kauf eines wunderschönen Dreiundvierzig-Meter-Schoners in Südfrankreich, denn ich rechnete damit, dass ich bald wieder würde segeln können. Ich hatte sogar bereits die Masten neu streichen lassen. Das Boot erforderte eine zwölfköpfige Mannschaft und sollte ungefähr 15 Millionen Dollar kosten, zuzüglich zwei bis drei Millionen pro Jahr für den Betrieb. Der deutsche Eigner des Bootes hatte die Börsenmarktentwicklung verfolgt und verhielt sich sehr anständig, als ich ihm erklärte, ich könne mir den Kauf wahrscheinlich nicht mehr leisten. Die Vertragsstrafe kostete mich jedoch weitere 30.000 Dollar.
Als nun viele hundert Milliarden Dollar aus dem Markt genommen wurden, stand das Weiße Haus unter gewaltigem Druck. Präsident Clinton gab einen Tag nach seiner Rede eine Korrektur heraus: Er habe nicht die Absicht gehabt, eine Erklärung abzugeben, die sich auf die Patentierbarkeit von Genen oder auf die Biotechnologiebranche auswirkte. Aber der Schaden war angerichtet; es war Collins und Morgan gelungen, das Weiße Haus in eine peinliche Situation zu bringen. Nach dem Zusammenbruch des Marktes erhielt Neal Lane vom Präsidenten die Anweisung, den Krieg um das Genom zu beenden. „Bringen Sie das in Ordnung. Sorgen Sie dafür, dass diese Burschen zusammenarbeiten.“
Am 4. Mai rief mich dann Ari Patrinos, ein Freund aus dem amerikanischen Energieministerium, zu Hause an. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, denn wir telefonierten häufig, in der Regel sogar jeden Sonntag. Was er an diesem Abend aber beiläufig erwähnte, gab mir reichlich Stoff zum Nachdenken. Er lud mich ein, auf einen Drink in sein Stadthaus in Rockville zu kommen, und übrigens, so fügte er hinzu, Francis Collins werde ebenfalls vorbeischauen. Wie ich später erfuhr, war Aris Beweggrund nicht die Anordnung des Präsidenten, dafür zu sorgen, „dass diese Burschen zusammenarbeiten“. Er hatte vielmehr erkannt, dass wir beide durch unsere jeweiligen Anhänger, Kollegen und Berater so von der Realität abgeschnitten waren, dass jeder Versöhnungsversuch zum Scheitern verurteilt war, es sei denn, man löste ihn aus der aufgeladenen Atmosphäre eines offiziellen Treffens heraus. Ari selbst formulierte es so: „Man musste sie aus ihren Kokons herausholen und in ein Umfeld bringen, in dem sie sie selbst sein konnten.“
Ich vermutete damals, Ari hätte mich angerufen, weil Collins und die Mitarbeiter des staatlich finanzierten Instituts Sorgen hatten, Celera werde vorzeitig die vollständige Sequenzierung des Genoms bekanntgeben, lange bevor sie das Weiße Haus zu ihren Gunsten beeinflussen konnten. Natürlich hatten sie mit diesen Befürchtungen recht.
Ari wohnte in einem typischen dreistöckigen Stadthaus. In dem Wohnzimmer im Erdgeschoss wartete Francis bereits. Ari nötigte uns beiden zunächst ein Bier auf, aber es herrschte eine angespannte Atmosphäre. Das Gespräch begann stockend und mit Belanglosigkeiten, als würde es sich tatsächlich um eine Zufallsbegegnung handeln. Nach ein paar Gläsern wurde die Diskussion jedoch ernster: Nun ging es um eine mögliche gemeinsame Bekanntgabe der Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Weißen Haus oder zumindest unter Beteiligung des Präsidenten. Auch die Frage nach einer gemeinsamen oder gleichzeitigen Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Science“ wurde angesprochen. Abgesehen von der Übereinkunft, die Gespräche vertraulich zu behandeln, ging niemand eine Verpflichtung ein. Nach einigen weiteren Drinks verließen Francis und ich gemeinsam das Haus, wobei wir scherzhaft die Frage stellten, ob nicht irgendwo im Gebüsch ein Fotograf herumkroch.
Als der Termin der Bekanntgabe näher rückte, wuchs die Spannung, aber der Zug war jetzt nicht mehr aufzuhalten. Nachdem ich dem Remis zugestimmt hatte, wollten wir das so schnell wie möglich im Weißen Haus bekanntgeben, bevor neue Feindseligkeiten aufflammen konnten. Jeden Tag rief mich entweder Ari oder Neal Lane an und erkundigte sich, ob das Genom schon fertig zusammengesetzt sei. Der Augenblick, in dem der Assembler-Algorithmus „Grande“ offensichtlich das gesamte Genom lieferte, kam aber erst einen oder zwei Tage vor der großen Ankündigung am 26. Juni 2000.
Als klar war, dass es uns tatsächlich gelingen würde, zum ersten Mal das gesamte Genom des Menschen zusammenzusetzen, beschäftigte ich mich mit meiner Rede für den Auftritt im Weißen Haus. Ich wusste, dass der Präsident, der britische Premierminister und Collins professionelle Redenschreiber beschäftigten, aber nachdem ich so viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt hatte, wollte ich jetzt auch jedes Wort, das ich sprach, selbst zu Papier bringen. Noch größer wurde der Druck, als man uns darüber in Kenntnis setzte, dass hier zum ersten Mal in der Geschichte ein wichtiger wissenschaftlicher Fortschritt vom Weißen Haus bekanntgegeben wurde, und ich hatte viel Mühe mit der Entscheidung, was ich sagen wollte und wie ich es sagen wollte.
Mittlerweile hatte ich den Entwurf für die Ansprache von Präsident Clinton erhalten: Sie war so großzügig und anregend, dass ich mich der Aufgabe noch weniger gewachsen fühlte. Am nächsten Tag traf das Manuskript der Rede von Collins ein, und ich muss gestehen, dass ich beeindruckt war. Jetzt bedauerte ich es, dass ich nicht ebenfalls über einen Redenschreiber verfügte. Jeden Abend arbeitete ich bis spät in die Nacht, aber manchmal konnte ich nicht mehr als einige Sätze oder einen Absatz formulieren. Das Weiße Haus drängte mich, das Manuskript meiner Ansprache abzuliefern, und die Anrufe wurden immer hektischer und hartnäckiger. Als ich dann am Vortag unseres gemeinsamen Auftritts das Manuskript der Rede von Tony Blair erhielt, begann mein Blut zu kochen. Sie war von seinem leitenden Wissenschaftler Sir Bob May verfasst worden und denkbar parteiisch.
In meiner Verärgerung rief ich Ari an und erklärte, wenn Blair diese Rede halte, würde ich die Zeremonie im Weißen Haus boykottieren und meine eigene Pressekonferenz abhalten. Ari versuchte, mich zu beruhigen, und versprach mir, sofort Neal Lane anzurufen. Er beschwor mich, nichts Unüberlegtes zu tun - eigentlich solle ich überhaupt nichts tun und niemanden anrufen, bis ich von ihm oder Neal wieder etwas hörte. Ich blieb hart: Wenn die Rede so blieb, würde ich nicht erscheinen.
Ich bin ein Optimist: Also arbeitete ich weiter an meinem Text, und als ich in meinem Wohnzimmerbüro nach Mitternacht am Computer saß, klingelte das Telefon. Es war noch einmal Neal Lane, und seine Stimme klang erleichtert. Er versicherte mir, alle hätten meine Bedingung begriffen, und man werde Tony Blairs Rede neu schreiben. Ich fragte, ob ich das Manuskript vorab sehen könne? Er sagte, ich habe seine Zusicherung, dass man die Rede ändern würde und dass ich mich darüber freuen würde. Nun könne ich doch meine Teilnahme zusagen. Ich hatte Neal nie anders als ehrlich und geradlinig kennengelernt, also vertraute ich seinem Wort. Sehr schnell kamen wir nun auf meine Rede zu sprechen. Ich versprach ihm das Manuskript für sechs Uhr morgens, ging aber mit ihm alles durch, was ich sagen wollte. Neal wirkte erfreut. Das nächste Mal würden wir uns am Vormittag im Weißen Haus sehen. Dort würden wir der Welt das Buch der Menschheit enthüllen.
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Watson hatte recht. Ich bin ein Primat.
Nachdem ich jetzt mein eigenes Genom analysiert habe, verzeihe ich Watson seinen Wutausbruch. Auf Umwegen hatte Jim unwissentlich eine Entdeckung vorweggenommen, die sich 15 Jahre später aus meiner eigenen DNA-Sequenz ergeben sollte: Einige Teile meines Genoms fehlen in der veröffentlichten Sequenz, in der Sequenz der Maus und sogar in dem menschlichen Referenzgenom, das aufgrund unserer Arbeiten bei Celera zusammengestellt wurde; sie tauchen aber im Genom des Schimpansen auf. Wahrscheinlich wollte Jim mir ungefähr sagen: »Craig hat die DNA eines Affen, also ist vielleicht jeder Affe dazu in der Lage.«
Diese Entdeckung machte mein Kollege Samuel Levy, als er mein Genom durchsuchte und mit dem öffentlichen, beim NCBI gespeicherten Genom und den Genomen anderer Lebewesen verglich. Er fand genetische Informationen mit einer Länge von bis zu 45 000 Basenpaaren, die in meinem Genom und dem des Schimpansen vorhanden sind, offensichtlich aber bei anderen Menschen sowie bei Mäusen und Ratten nicht verbreitet sind. Zu meinen Gemeinsamkeiten mit den Affen gehören 500 zusätzliche Basenpaare in einem DNA-Abschnitt auf dem Chromosom 19, der ein sogenanntes Zinkfingerprotein codiert. Dieses Protein bindet an die DNA und reguliert die Aktivität von Genen. Allem Anschein nach bindet meine Affenversion des Proteins an weniger Stellen auf der DNA, weil es geringfügig länger ist als die offenkundig »normale« Version der betreffenden genetischen Information. (Ich sage »offenkundig«, weil es bisher nur wenige Daten über das ganze Genom gibt; wir wissen also immer noch nicht genau, welche Formen normal sind und welche nicht.)
Man könnte sich vorstellen, dass dieser Unterschied Auswirkungen darauf hat, wie die von dem fraglichen Protein gesteuerten Gene in meinem Körper genutzt werden; bis aber alle Einzelheiten bekannt sind, werden noch Jahre vergehen. Wer weiß? Vielleicht haben diese Abschnitte der Schimpansen-DNA mir im Wettlauf um die Sequenzierung des menschlichen Genoms einen Selek-tionsvorteil gegenüber meinen Konkurrenten in dem staatlich finanzierten Programm verschafft.