11.09.2009 · In den ersten Kapiteln seiner Autobiographie beschreibt der Genompionier seine Kindheit. Ein Abschnitt, der vor allem von großer Freiheit geprägt war, wie er sagt. Venters temperamentvolles, ja ungezügeltes Wesen wurde da schon sichtbar. Und es hatte offenbar genetische Wurzeln.
Von Craig VenterAus meinen ersten Jahren ist mir vor allem eine Erinnerung lebhaft im Gedächtnis geblieben: die von völliger, absoluter Freiheit. Heute stellen fürsorgliche Mütter für den Tagesablauf ihres Kindes einen minutengenauen Zeitplan auf. Sie geben den Kindern Handys, damit sie in Kontakt bleiben können. Manche wollen ihre Lieblinge sogar mit GPS-Sendern verfolgen oder sie vom Arbeitsplatz aus über eine Webcam im Auge behalten. Vor einem halben Jahrhundert dagegen lief das Leben eines durchschnittlichen Kindes unstrukturiert und häufig auch unbeobachtet ab.
Ich hatte das Glück, dass Freiheit bei uns eine Familientradition war. Meine Mutter kletterte als Kind gern barfuß über die Klippen am Ocean Beach nicht weit von San Diego. Mein Vater hatte als Jugendlicher am Snake River in Idaho geangelt und im Sommer auf der Rinderfarm seines Onkels in Wyoming gearbeitet. Während meiner Kindheit in Kalifornien sagten meine Eltern einfach, ich solle »spielen -gehen«. Mit dieser berauschenden Erlaubnis ausgestattet, stellte ich fest, dass ich gern Risiken einging und Herausforderungen annahm - eine Seite meines Wesens, über die ich nie hinausgewachsen bin. Insbesondere Wettrennen machten mir in jenen Jahren Spaß, und das ist bis heute so geblieben.
Einer meiner Lieblingsplätze war der örtliche Flughafen. Dort saß ich im hohen Gras neben der Landebahn und sah zu, wenn die Propeller eines Flugzeuges zu einem Nebel verschwammen. Wenn die DC-3 sich näherte, wurde ich vor Erwartung ganz zappelig. Sobald sie in die Startposition gerollt war, kam mein großer Augenblick. Der Wettlauf begann. Ich kroch so nahe heran, dass ich die glitzernden Nieten zählen konnte, die aus der Aluminiumhaut ragten. Wenn die beiden hochgezüchteten Motoren losdröhnten, sprang ich auf und setzte mich auf mein Fahrrad. Meine Muskeln spannten sich, und ich trat hart in die Pedale. Das Flugzeug begann nach Osten in Richtung des blauen kalifornischen Himmels zu rasen. Mit gesenktem Kopf und pochendem Herzen strampelte ich, so schnell ich konnte, die Startbahn hinunter.
Nicht weit von dem kultivierten Land, auf dem man den Flughafen gebaut hatte, in Bayside Manor, besaßen meine Eltern einen 9000-Dollar-Bungalow. Er gehörte zu einem Wohnviertel der unteren Mittelschicht in Millbrae, einer Ortschaft von noch nicht einmal 8000 Einwohnern; das Land, auf dem man sie errichtet hatte, war früher Eigentum der Familie Mills gewesen und lag rund 25 Kilometer südlich von San Francisco. Im Osten davon verläuft der Highway 101, im Westen die Eisenbahn; nördlich und südlich von uns war Weideland, auf dem die Kühe grasten - eine ländliche Umgebung, die mit dem Wachstum des Flughafens nach und nach verschwand: Aus dem San Francisco Municipal Airport wurde 1955 der San Francisco International Airport, und dann setzte sich die Erweiterung erbarmungslos fort. Das Dröhnen der Turbopropmaschinen, die über unser kleines Haus hinwegflogen, wurde irgendwann vom Pfeifen der Düsentriebwerke abgelöst.
Als ich klein war, sah der Flughafen von San Francisco ganz anders aus als heute. Es gab keine Sicherheitssperren, keine Kameras, keine Stacheldrahtzäune. Die Hauptstartbahn war von der Straße nur durch einen Entwässerungsgraben und einen kleinen Bach getrennt. Mit ein paar Freunden fuhr ich mit dem Fahrrad die Böschung hinunter, durch das Wasser und auf der anderen Seite wieder bergauf. Anfangs saßen wir einfach im Gras und sahen staunend zu, wie die Flugzeuge zur Startbahn rollten und abhoben. Es überraschte uns, wie langsam die großen Silbervögel ihre Fahrt über die Startbahn begannen. Wer auf die Idee kam, weiß ich nicht mehr, aber eines Tages gelangten wir zu der Ansicht, wir könnten mit dem Fahrrad schneller fahren als die Flugzeuge. Also warteten wir, bis eine Maschine in die Startposition rollte, und dann sprangen wir auf die Fahrräder, um so lange wie möglich mit ihr Schritt zu halten. Einen kurzen, aber glücklichen Augenblick lang waren wir dem Flugzeug sogar voraus, bevor es beschleunigte und uns überholte.
Heute starte und lande ich häufig auf dem Flughafen San Francisco, und jedes Mal, wenn ich mich wieder auf dieser von Osten nach Westen verlaufenden Startbahn befinde, muss ich an meine Kindheit denken. Man kann sich leicht die Besorgnis des Piloten vorstellen, wenn eine Bande kleiner Jungen wie besessen auf Fahrrädern neben seinem Flugzeug fährt. Manche Passagiere blickten aus den Fenstern, winkten oder staunten oder waren einfach nur entgeistert und entsetzt. Hin und wieder bedrohten Piloten uns mit der Faust, oder sie gaben sogar dem Kontrollturm Bescheid, der dann die Flughafenpolizei alarmierte. Aber die Startbahn ist weit vom Flughafengebäude entfernt, so dass wir sie frühzeitig kommen sahen und quer über den Bach die Flucht ergriffen. Als wir aber eines Tages erneut zum Flughafen fuhren, mussten wir feststellen, dass die Zeit der Wettrennen vorüber war: Man hatte rund um die Startbahn einen Zaun gebaut.
Jeder Tag meiner Kindheit war ein Tag der Spiele und Entdeckungen, und die hatten größere Auswirkungen auf meine Entwicklung als alles, was ich in der Schule lernte. Auch wenn ich es nicht mit -Sicherheit behaupten kann, so nehme ich doch an, dass sie mich mindestens ebenso sehr prägten wie meine DNA. Dass ich zu einem erfolgreichen Wissenschaftler werden konnte, lag nach meiner Überzeugung teilweise daran, dass das Bildungssystem mir meine natürliche Neugier nicht ausgetrieben hat. Schon damals bemerkte ich, dass Konkurrenz - und sei sie auch so einfach wie in einer Gruppe Kinder, die schneller sein wollen als ein großes, schwerfälliges Flugzeug - nicht nur kurzfristig spannend ist, sondern auch langfristigen Nutzen bringt. Jedes Mal, wenn ich heute den Zaun rund um die Startbahn sehe, bin ich stolz auf meinen Beitrag zur Sicherheit des Flughafens.
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Meine Gene sind schuld
Die Krankheit, die als ADH (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivität) bezeichnet wird, ist durch mangelnde Aufmerksamkeit, übermäßige motorische Aktivität, Impulsivität und Ablenkbarkeit gekennzeichnet - womit der halbwüchsige Venter sehr zutreffend beschrieben ist. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen bringen die ADH mit einem genetischen »Stottern« in Verbindung, an dem zehn Wiederholungen eines Abschnitts aus dem Gen DAT1 beteiligt sind. Dieses Gen codiert den Dopamintransporter. Es ist dafür verantwortlich, dass Dopamin, ein Neurotransmitter, im Gehirn wieder aufgenommen wird, und es ist auch der Angriffspunkt von Amphetaminen und Kokain. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Varianten dieses Gens auch Einfluss darauf haben, wie Kinder auf Methylphenidat (Ritalin) ansprechen, ein Anregungsmittel, das zur Behandlung der ADH eingesetzt wird. An meinem Genom ist zu erkennen, dass ich tatsächlich diese 10 Wiederholungen besitze. Daher kommt mein Verhalten - jedenfalls dann, wenn man wirklich glaubt, dass ein so einfaches genetisches Stottern die Ursache eines derart komplexen Merkmals sein kann. Dieser Ansicht sind nicht alle.