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Maigret-Marathon 71 Der Weinhändler

18.09.2009 ·  75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

Von Tilman Spreckelsen
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75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

Wer gar nichts von Simenons Leben weiß, kennt doch immerhin jenen einen Satz, in dem der Autor mit der Zahl seiner Liebespartnerinnen prahlt. Hier nun schimmert die Kehrseite auf. Denn jener Weinhändler, der gleich zu Beginn des Romans sein Leben lassen muss und daher nur aus der Perspektive seiner Umgebung betrachtet wird, sammelte offenbar manisch erotische Kontakte und neigte nach Aussagen aller Beteiligten dazu, die betreffenden Personen ihre Unterlegenheit spüren zu lassen: Dem Selbstbild nach ein reicher, mächtiger Mann, neben dem alle anderen schiere Würstchen sind. Dass seine ob der zahlreichen Seitensprünge äußerst gelassene Frau den Gatten nicht groß betrauert, sondern kühl die Übernahme der Geschäftstätigkeit vorbereitet, ist eine hübsche Pointe dieser Konstellation. Und auch, dass man ahnt, wie großartig sie dieses Geschäft führen wird.

Die Handlung in einem Satz: Ein Weinhändler wird ermordet, und weil er, wie sich herausstellt, jeden und jede äußerst schlecht behandelte, muss sich Maigret mit einer Vielzahl Verdächtiger auseinandersetzen.

Spielt in: Paris

Neues über Maigret: Er rasiert sich nass.

Und Frau Maigret? Diesmal nichts.

Konsum geistiger Getränke: Branntwein. Grog. Rum. Bier. Bordeaux. Schlehenwasser. Cognac.

Der Mörder, ein Eichhörnchen

Diesmal muss sich Maigret mehr als sonst in Geduld üben. Ein schönes Bild dafür ist ein Erlebnis, das er in seinem Wochenendhaus in Meung hatte, als er beim Dämmern im Liegestuhl plötzlich ein Eichhörnchen aus der Nähe sah und es durch stures Abwarten dazu brachte, noch etwas näher zu kommen. Dass es sich hier mit dem Mörder ähnlich verhält, ahnt Maigret bald, und es gibt eine ganze Reihe schöner Szenen, die zeigen, wie dieser Mörder eichhörnchenhaft entwischt, sobald irgendjemand den Versuch unternimmt, sich ihm zu nähern. Am Ende sitzt man dann doch in Ruhe beisammen, und die Dinge nehmen ihren Lauf. Und trotz des langwierigen Zähmens lässt Maigret dem geständigen Mörder für den Transport ins Kommissariat Handschellen anlegen.

Lieblingssatz: „Mord aus Rache für eheliches Unglück kam immer seltener vor, erst recht in besseren Kreisen.“

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Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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