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Maigret-Marathon 66 In Künstlerkreisen

 ·  75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

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75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)


Vor einiger Zeit gab der steinalte, bemerkenswert frische Charles Aznavour ein Konzert in der Alten Oper in Frankfurt und sang sich durch ein Repertoire, das zu zwei Dritteln aus sentimentalen Erinnerungsliedern bestand. Wie er weiterleben solle, fragte er sich, wo er diese Eine doch so geliebt und nun verloren hätte. Dass man seine Tränen verbergen müsse, er aber nicht wisse, wie. Und natürlich sein berühmtestes Lied, „La Bohème“ von 1965, diese Feier des Künstlertums der Zwanzigjährigen: „La bohème, la bohème, Ça voulait dire tu es jolie. La bohème, la bohème, Et nous avions tous du génie.“ Gut denkbar, dass damals, als das Lied erstmalig erschien und sofort Furore machte, ein 62-Jähriger misanthroper Autor das überall gespielte Lied gehört hat. Dass es in ihm arbeitete. Und dass er, als er wenig später einen Roman in Künstlerkreisen ansiedelte, dem süßlichen Bild ein anderes, gänzlich unromantisches entgegenstellen wollte. Es ist ihm gelungen.

Die Handlung in einem Satz: Der Mann, der im Bus Maigrets Brieftasche geklaut hat, gibt sie ihm zurück und führt ihn dann zur Leiche seiner Frau Sophie, damit Maigret ihren Tod aufklären möge, was diesem schließlich auch gelingt.

Spielt in: Paris

Neues über Maigret: Jeden Frühling kauft er sich neue, möglichst leichte Schuhe. Seine polizeiliche Dienstmarke trägt die Nummer 0004.

Und Frau Maigret? Nimmt Fahrstunden, wobei sie sich offenbar recht geschickt anstellt.

Konsum geistiger Getränke: Bier. Bordeaux. Landwein aus der Charente. Champagner. Armagnac. Weißwein. Sancerre.

Lamm unter Wölfen

Romantische Armut? Leben von Luft und Liebe? Solidarität der Unbemittelten? Die Menschen, die Maigret hier kennenlernt, als er die junge Frau eines kaum weniger jungen angehenden Schriftstellers und Drehbuchautors ermordet auffindet und nun ihr Umfeld untersucht, wahren tapfer die Fassade der von aller bürgerlichen Moral unbehelligten Künstler und fügen sich dabei doch jeden Tag aufs Neue schlimme Wunden zu - wer hier schwächelt, wer kein Geld hat oder sich vergeblich um die Anerkennung der Kritiker bemüht, wird von der Meute gehetzt und um das Wenige gebracht, das ihm noch geblieben war. Der Filmproduzent, der sich mit den jungen Habenichtsen abgibt, spannt ihnen die Frauen oder Freundinnen aus und leiht ihnen dafür ein paar Scheine. Die bittere Pointe dieses Romans ist dann freilich, dass der Mord, begangen von einem, der so schrecklich gern ganz anders wäre als all die Menschen um ihn herum, aus den fürchterlichsten und trivialsten Motiven heraus verübt wird.

Lieblingssatz: „Maigret ließ ihn ausreden, nickte mitfühlend, doch dann begleitete er den Besucher, der eine starke Alkoholfahne hatte, an die Tür.“

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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