10.07.2009 · 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.
Von Tilman Spreckelsen75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Eigentlich muss dieser Fall 1964 spielen (vgl. S. 149), aber das kommt nicht hin, wenn der 28. Juni wirklich auf einen Dienstag fällt (vgl. S. 12). Inzwischen, nach 63 Romanen, möchte man das - ähnlich wie wohl Simenon - mit einem entschiedenen „Na und?“ kommentieren.
Die Handlung in einem Satz: Maigret wird beschuldigt, einer Achtzehnjährigen zu nahe getreten zu sein, und während er sich zu rechtfertigen versucht, wird ihm klar, dass ihm aus ungeahnter Richtung eine Falle gestellt worden ist.
Spielt in: Paris.
Neues über Maigret: Hier ist Maigret 52 Jahre alt, er leitet seit zehn Jahren seine Abteilung und wird in drei Jahren pensioniert werden. Seine Zähne sind ausgezeichnet, und er hat eine Schwäche für alte Häuser. Übrigens arbeitet in einer anderen Abteilung ein gewisser Loriot, der ihm schon oft behilflich war.
Und Frau Maigret? Ahnt das Unheil, hält zu ihrem Mann und ist allgemein guter Dinge.
Konsum geistiger Getränke: Cognac. Bier. Pastis. Saint-Emilion. Mandarin-Curacao. Zwetschgenwasser.
Bitte nicht sentimental werden!
Unbehaglich ist es Maigret ja schon länger: Alles ändert sich, im Beruf, im Leben, in der Öffentlichkeit, und weil er all dies zum einen registriert, zum anderen seine bewährten Methoden nun wirklich nicht der gewandelten Welt anpassen mag, betrifft ihn die Sache doppelt. Hier nun wird er endlich einmal direkt angegriffen, und wie er sich wehrt, hat Klasse: Er ermittelt, um dieses (ihm eigentlich verbotene) Ermitteln zu demonstrieren, in der Hoffnung, dass sein Gegner einen Fehler macht. Dass Simenon dafür nun leider das Zerrbild eines verklemmten Zahnarztes entwerfen muss (auch der Grund seiner Störung wird eher vulgärfreudianisch auf den Punkt gebracht), ist schade; dass er sich obendrein zum erstenmal in 63 Romanen offene Sentimentalität erlaubt, macht das Buch nicht besser, und dass er am Ende diese Sentimentalität mit dem Satz kommentiert, jetzt möge man aber bitte nicht sentimental werden, zeigt das Unbehagen des Autors an dieser Konstellation. Schade um das eigentlich interessante Buch.
Lieblingssatz: „'Wein, Bier, Schnaps? Trinken Sie wenigstens weniger?' 'Der einzige Unterschied ist, dass ich mich jetzt schäme, wenn ich ein Bier oder einen Calvados trinke.'“
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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