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Maigret-Marathon 60 : Der Clochard

Bild: Diogenes

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Am 25. März beginnt dieser Roman, und ein Hauch von Frühling verlässt Maigret die Ermittlungen hindurch nicht mehr. Trotz des üblen Mordversuches ist das Buch über viele Seiten hin fast irritierend heiter geraten, und die aus früheren vertrauten Zutaten wie schwere Träume, die plötzlich gefühlte Last des Alters, die Sorge um die wechselnden Zeitläufte, all dies ist hier nicht zu finden. Maigret wird man das nicht zuschreiben, Simenon schon eher, und vielleicht ist ihm seinerzeit irgendetwas Beglückendes widerfahren. Oder der Frühling 1962 war einfach unwiderstehlich schön.

          Die Handlung in einem Satz: Ein Clochard wird überfallen und beinahe getötet, und während sich herausstellt, dass das Opfer ein ehemaliger Arzt ist, der seinen Weg in die Obdachlosigkeit offenbar freiwillig gegangen ist, kriegt es Maigret mit dessen äußerst unsympathischer Gattin zu tun.

          Spielt in: Paris, in und am Ufer der Seine.

          Neues über Maigret: Von seinem Bürofenster aus blickt er auf den Pont St. Michel. Als seine Wohnung auf dem Boulevard Richard-Lenoir modernisiert wurde, lebte er einige Monate an der Place des Vosges.

          Und Frau Maigret? Kocht dienstags Makkaroni-Auflauf und donnerstags Eintopf. Ihre Schwester Florence lebt mit ihrem Mann, dem Tiefbauingenieur, in Mulhouse.

          Konsum geistiger Getränke: Chianti, Bier, Zwetschgenwasser, Wacholderschnaps.

          Nicht immer gleich zuschlagen, bitte!

          Gut, man muss Simenon das nicht abkaufen, diese Geschichte vom irgendwie harmlos exzentrischen Arzt, der seine Familie verlässt, weil seine reich gewordene Frau Allüren entwickelt, und dann nach Afrika geht, um ein zweiter Schweitzer zu werden; der auch dort nicht zurechtkommt und nach Paris zurückkehrt, unter den Seine-Brücken lebt, ganz dicht am Nobel-Appartement seiner Frau, aber nie das Wort an sie richtet - lässt man sich aber darauf ein, dann bekommt die Geschichte durchaus Schwung. Vor allem, weil der Mordanschlag auf ihn aus einer völlig unerwarteten Richtung kommt, wie sich am Ende aufklärt, und weil er überdies so unsinnig ist, wenn man den guten Mann nur näher kennt. Selten liest man bei Simenon sonst ein derart altersweises Bekenntnis zur Grundabsurdität des Lebens.

          Lieblingssatz: „Weil also eine Krankenschwester einen Altmetallhändler im Straßburger Krankenhaus geheiratet hat und ein Flugzeug in den südamerikanischen Bergen zerschellt ist, ist der gute Doktor Keller zum Clochard geworden ... Wenn seine Frau nicht von heute auf morgen reich geworden wäre, wenn sie weiterhin in der Rue du Sauvage gewohnt hätten, wenn ... Verstehst du, was ich sagen will?“

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