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Maigret-Marathon 56 Die alten Leute

22.05.2009 ·  75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit.

Von Tilman Spreckelsen
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75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

„Vingt ans d'amour c'est l'amour folle“? Zwei Paare (vielleicht, rechnet man die Haushälterin mit, zweieinhalb) zeigt uns dieser Roman, der offensichtlich 1960 spielen soll (nach 25 Jahren Maigrets im Polizeidienst, er wäre demnach 1935 eingetreten, fünf Jahre, nachdem er doch in „Pietr der Lette“ schon als alter Hase erscheint, aber was soll die Erbsenzählerei!), wie auch immer: Der Roman erzählt also von Paaren, die über 20 Jahre Liebe nur altersmilde schmunzeln könnten, hängen sie doch viel länger aneinander.

Eines davon bilden der Tote und seine Jugendliebe, das andere ist das Ehepaar Maigret, und man möchte Jacques Brels freilich erst 1966 geschriebenes Lied der alten Liebenden gern auf diese Paare anwenden: „Moi je sais tous tes sortilèges / Tu sais tous mes envoûtements / Tu m'as gardé de pièges en pièges / Je t'ai perdue de temps en temps / Bien sûr tu pris quelques amants“ (aber doch nicht Madame Maigret!) / Il fallait bien passer le temps / Il faut bien que le corps exulte / Finalement finalement / Il nous fallut bien du talent / Pour être vieux sans être adultes“, und das trifft sicher auf sämtliche hier infrage kommenden Paare zu. Hoffentlich auch dies: „O mon amour / Mon doux mon tendre mon merveilleux amour / De l'aube claire jusqu'à la fin du jour / Je t'aime encore tu sais je t'aime.“

Die Handlung in einem Satz: Ein greiser, hochrangiger Ex-Diplomat wird erschossen in seiner Wohnung aufgefunden, und erst als sich herausstellt, dass der Tote sich in einer jahrzehntelang unerfüllten Liebesbeziehung zu einer Jugendfreundin befand, kommt Maigret der Lösung des Falles etwas näher.

Spielt in: Paris, im 7. Arrondissement - dem Teil der Hauptstadt, in dem sich Maigret „am wenigsten auskennt“.

Neues über Maigret: Eine seiner Tanten war Nonne, und der Geruch von Marc erinnert ihn immer an Beerdigungen.

Und Frau Maigret? Wird von ihrem Mann in diesem Roman so innig umarmt wie nie.

Konsum geistiger Getränke: Bier.

Briefe, die ihn stets erreichten

Gleich zu Anfang lächeln sich die Maigrets verschämt zu, ganz am Ende wird er sie festhalten, als ob er sie nie mehr loslassen wollte, und dazwischen hat der Kommissar Teil an einer wunderlichen Liebesgeschichte. Zwei junge Aristokraten lernen sich vor dem ersten Weltkrieg kennen, dürfen einander aus dynastisch-materiellen Gründen nicht heiraten, entsagen einander also und wechseln nur noch Briefe, ohne sich je wiederzusehen. Der erste Weltkrieg bricht aus und endet wieder, die Weimarer Republik geht unter, der zweite Weltkrieg passiert ebenso wie Frankreichs dritte Republik und Vichy, und dann, 15 Jahre nach Kriegsende, man schreibt das Jahr 1960, sind die beiden Liebenden in ihren Siebzigern.

Briefe wechseln sie immer noch, bis der alt gewordene Ex-Diplomat über dem Verfassen seiner Memoiren zu Tode kommt. Maigret aber, der die Briefe der Prinzessin an den Edelmann liest, der von der Traumliebe und der prosaischen Gegenwart Kenntnis bekommt, Maigret also findet sich hier nicht mehr zurecht. Am Ende renkt ein Priester die Dinge wieder ein. Und Maigret erhält die Antwort auf einen Lancet-Artikel, aus dem am Anfang zitiert wird, und der die Frage aufwirft, welche Berufsgruppe, vom Arzt über den Polizisten, den Lehrer oder den Schriftsteller, über die größte Menschenkenntnis verfügt.

Lieblingssatz: „Immer wenn er einen neuen Anzug, einen Mantel oder Schuhe kaufte, trug Maigret sie zuerst nur abends, wenn er mit seiner Frau durch die Straßen spazierte oder ins Kino ging - 'ich muss mich daran gewöhnen', sagte er dann zu Madame Maigret, die ihn deshalb liebevoll auf den Arm nahm.“

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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