15.05.2009 · 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.
Von Tilman Spreckelsen75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Die letzten Fälle waren trübe, Maigret hat viel eingesteckt, irgendwie scheint ihm das alles zu reichen, und warum sollte ausgerechnet er nicht das Seine tun, um gegenzusteuern, wenn doch alle anderen nicht die geringsten Skrupel zu haben scheinen, die Welt immer ein bisschen düsterer zu machen? Dann ist da das kleine Häuschen an der Loire, die kommende Pensionierung, die schreiende Ungerechtigkeit in jener Ehe, die er im Verlauf dieses Falles beobachtet, das ermordete Kind, das vielleicht eine Schlüsselrolle in Maigrets Entscheidung spielt ... All dies lässt ihn einen weiteren Mord voraussehen, den er lächelnd duldet. Und vielleicht sogar ein bisschen befördert.
Die Handlung in einem Satz: Ein Mann wird verdächtigt, seine Tante und ein kleines Mädchen ermordet zu haben, und als er freigesprochen wird, geht die Suche nach dem Täter nur halbherzig voran, weil der Freigesprochene immer noch höchst verdächtig erscheint.
Spielt in: Paris, Toulon, Chelles
Neues über Maigret: Zwei Jahre noch, dann wird er den Dienst quittieren, weil er mit dann 55 Jahren die Altersgrenze erreicht haben wird.
Und Frau Maigret? Sie schaut einfach zu, wie ihr Mann bei einer Auktion neben ihr sitzt und spontan eine Immobilie erwirbt - ein Bauernhaus in Meung-sur-Loire.
Konsum geistiger Getränke: Bier.
Der kreuzbrave Gatte
Dass zwei nicht zueinander passen, liest der Kommissar ganz einfach der Wohnung ab, die die beiden bewohnen. Die eine liest Schund, der andere ernsthafte Literatur, die eine geht dreimal die Woche ins Kino, der andere werkelt in seiner Rahmenmacherwerkstatt redlich vor sich, wünscht sich Kinder, die sie aber nicht bekommen kann - so einfach ist das? Wäre es so, könnte kein Mensch auch nur zehn Simenon-Romane am Stück aushalten. So aber durchkreuzt der kreuzbrave Gatte alle Strategien seiner Frau, das Missverhältnis erträglicher zu machen, gefällt sich in seiner aggressiven Gutherzigkeit und stellt so für alle sichtbar klar, dass es beileibe nicht an ihm liegt, wenn das Eheschiff krachend gegen ein Riff stößt. Und dass es ihm bitte niemand verdenken möge, wenn er am Ende nicht mehr mitspielt.
Lieblingssatz: „Dupeu war ein ausgezeichneter Inspektor, der nur einen Schwachpunkt hatte: Er leierte seine Berichte mit monotoner Stimme herunter und schien nie zu einem Ende zu kommen, da er so viele Details aneinanderreihte, dass man ihm schließlich nur noch mit halbem Ohr zuhörte.“
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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