10.05.2009 · 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.
Von Tilman Spreckelsen75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Wieviel Möglichkeitssinn braucht ein Kommissar, und wieviel ist schon wieder schädlich? „Ist er schuldig?“ fragt Madame Maigret ihren Mann. „Die Chancen stehen 50 zu 50“, sagt der Kommissar. Dass damit in Kriminalangelegenheiten kein Blumentopf zu gewinnen ist, vor allem dann, wenn einem die Leserschaft der Knallpresse im Nacken sitzt, weiß er natürlich auch. Simenon aber beschreibt, wie die öffentliche Meinung, von Anfang an und genährt durch manche Zufälle, gegen den Beschuldigten ist und sich dann die Sache nicht mehr aufhalten lässt, bis zum bitteren Ende.
Die Handlung in einem Satz: Maigret erzählt seinem Freund, dem Arzt Pardon, von einem Fall, in dem er einen Verdächtigen vor sich hatte, dessen Schuld oder Unschuld nicht zu erweisen war.
Spielt in: Paris
Neues über Maigret: Außer in „Maigrets Memoiren“ hat sich der Kommissar noch nie so ausgiebig geäußert wie hier. Seit vier Jahren besuchen die Maigrets das Ehepaar Pardon einmal pro Monat - und umgekehrt. Pardon ist hier 45 Jahre alt und hat eine erwachsene Tochter, die mit dem Tierarzt Bruart verheiratet ist und ihr erstes Kind erwartet.
Und Frau Maigret? Sie soll bei diesem Kind Patin werden.
Konsum geistiger Getränke: In der Rahmenhandlung Armagnac und Schnaps; in Maigrets Erzählung Bier.
Gegen die Schmerzen
Manchmal, da sind sich Maigret und Pardon einig, manchmal wünscht man sich, man hätte einen anderen Beruf eingeschlagen. Dann halten sie ihre beiden Fälle gegeneinander: Maigret erzählt, wie jener Schwächling namens Josset in den Verdacht geriet, seine Frau ermordet zu haben, wie er seine Unschuld beteuerte und trotzdem hingerichtet wurde - ob zurecht oder zu Unrecht, weiß Maigret nicht, und deshalb quält ihn die Sache noch heute. Pardon erzählt von einem sterbenskranken Patienten und dessen Frau, die ihm Medikamente geben will, die seine Schmerzen lindern, das Sterben aber auch beschleunigen können. Am Ende sind beide tot, Josset und Pardons Patient, und dessen Frau lebt jetzt, zwei Wochen nach dem Trauerfall, mit einem anderen Mann zusammen. Maigrets Affinität zum Arztberuf ist bekannt, und die Debatte mit Pardon fördert durchaus weitere Verbindungen hervor. Trotzdem: Hätte es diese Einkleidung unbedingt gebraucht? Wollte Simenon vielleicht, müde der gewohnten Erzählmaschinerie, etwas anderes versuchen?
Lieblingssatz: „Man konnte geradezu spüren, wie der Hass auf Josset von Tag zu Tag zunahm.“
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge