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Maigret-Marathon 52 Maigret hat Skrupel

24.04.2009 ·  75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

Von Tilman Spreckelsen
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75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

Dass die Fälle des Kommissars jedes Mal mehr oder weniger mit seiner eigenen Verfasstheit zu tun haben, ist beim 52. Roman kein Geheimnis mehr. Oder besser: Dass die Fälle auf Maigrets Weltsicht abfärben, und umgekehrt. Diesmal ist es ein Hauch von Vergänglichkeit, der den Roman durchzieht. Das fängt mit dem berühmten Ofen in Maigrets Büro an, der mittlerweile tatsächlich gegen einen modernen Heizkörper ausgetauscht wurde, was nichts anderes heißt, als dass Maigrets Widerstand dagegen zerbröselt ist. Und setzt sich fort im körperlichen Zustand des Ehepaars Maigret, denn inzwischen spüren beide das Alter, wie sich Maigret hier eingestehen muß. Immerhin: Man altert zusammen. Und die Bereitschaft dazu unterscheidet dieses Paar von jenem anderen, um das es in diesem Fall geht.

Die Handlung in einem Satz: Ein Spielzeugeisenbahnverkäufer besucht Maigret, weil er glaubt, dass seine Frau ihn ermorden will, aber erst der Besuch jener Frau am Tag darauf macht dem Kommissar deutlich, dass die Sache insgesamt nicht in Ordnung ist.

Spielt in: Paris.

Neues über Maigret: Zur Arbeit fährt er mit dem Bus. Er hegt eine gewisse Sympathie für Ehepaare. Sein erster Chef am Quai des Orfèvres hieß Xavier Guichard. Und ausgerechnet die alte Frau, die unter den Maigrets wohnt, macht ihn darauf aufmerksam, dass sein Gang durchs Treppenhaus schwerer geworden ist.

Und Frau Maigret? Der Arzt Pardon, der offensichtlich nicht nur ein Freund der Familie, sondern auch der behandelnde Arzt des Ehepaars Maigret ist, macht sich Sorgen um ihren Kreislauf und verpasst ihr eine Diät. Die sie auch durchführt, aber heimlich, damit sich ihr Mann keine Sorgen macht.

Konsum geistiger Getränke: Bier. Schlehenschnaps. Grog.

Schwesterherz

Man könnte diesen Fall banal finden und gleichzeitig gewollt kurios: Der Mann, der Angst vor seiner Frau hat, die Frau, die tags darauf ihren Mann beschuldigt, das ist der lustige Teil. Und die Entfremdung des Ehepaares, seit die Frau den Erfolg hat, der dem Mann versagt bleibt, wäre das banale Element. Nur dass Simenon noch immer mit dem Leser spielt, indem er ihm äußerst suggestive Gestalten vor die Nase setzt, die man zu verstehen glaubt, bis dann doch die Abgründe aufscheinen. Ist er nun bloß überspannt, der Spielwarenverkäufer, oder plant er das alles mit großer Raffinesse? Und seine elegante Frau, die beteuert, ihn zu lieben, und dann wieder nicht? Und ihre allzu warmherzige Schwester? Tolle Gestalten, allesamt. Wohnten sie im Nachbarhaus, man würde sich ein bisschen fürchten.

Lieblingssatz: „Maigret ging hinein und bestellte einen Grog, weniger um sich aufzuwärmen, sondern weil vorher von einem Grog die Rede gewesen war.“

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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