07.04.2009 · 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.
Von Tilman Spreckelsen75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Wer je an einem Klassentreffen teilgenommen hat, der weiß, warum er die allermeisten der Anwesenden jahrzehntelang eben nicht getroffen hatte. Der Herr, der in diesem Roman plötzlich in Maigrets Büro aufkreuzt, gehört überdies zu den unangenehmsten Gestalten, die sein Heimatort Saint-Fiacre zu bieten hat. Dass er, zu Geld gekommen, inzwischen das alte Schloss bezogen hat, in dessen Verwalterhaus Maigret einst geboren wurde, macht die Sache nicht besser. Sein Gegenüber hat kein Recht dazu, so zu leben und so aufzutreten, wie er es tut - davon ist Maigret überzeugt, und das macht er ihm ungesagt auch klar. Wenig später ist sein Gast tot, und der redliche Kommissar setzt einiges in Bewegung, um die Scharte auszuwetzen.
Die Handlung in einem Satz: Ein Metzgermogul fürchtet um sein Leben und sucht bei Maigret um Schutz nach, bevor er tatsächlich ermordet wird, und Maigret macht sich im Umfeld des Toten auf die Suche nach dem Mörder.
Spielt in: Paris, etwa 30 Jahre nach Maigrets Hochzeit.
Neues über Maigret: Seine Dorfschullehrerin hieß Mademoiselle Chaigné. Der Vater seines Schulkameraden Fumal versuchte, Maigrets Vater zu bestechen, was dieser empört zurückwies.
Und Frau Maigret? Erduldet still schlimme Zahnschmerzen.
Konsum geistiger Getränke: Bier. Und als die Sache schon abgeschlossen ist: Marc.
Die Ängste des Herrn Fumal
Dass es sich bei Herrn Fumal Jr. um einen rechten Kotzbrocken handelt, wird niemand bestreiten, der seinen ersten Auftritt in Maigrets Büro erlebt, der Maigrets Kindheitserinnerungen an den ungeschlachten Kerl rezipiert und schließlich die Berichte der anderen, die mit ihm zu tun hatten, von der Privatsekretärin bis zur Ehefrau. Schön und gut, aber dann kommt irritierenderweise die Geliebte ins Spiel - nicht, dass sie groß um den Mann trauerte oder allzu warme Gefühle für ihn entwickelt hätte, auch nicht, dass sie sich Illusionen über sein Verhältnis zu ihr hingäbe, aber sie kennt ihn eben von einer Seite, die offenbar niemand kannte oder sehen wollte. Sie kannte seine Ängste, dass man ihn bestehle, sie wusste um seine Einsamkeit und um seinen trotzigen Stolz einer Welt gegenüber, die ihn immer spüren ließ, dass er nirgendwo groß willkommen war. Seltsam nur, dass all dies sentimentale Zeugs nichts an der Lesermeinung über Fumal ändert: Sicherlich sollte man seine Mitmenschen differenzierter sehen. Aber irgendwann ist auch mal gut.
Lieblingssatz: „Das alles, der Regen, die feuchte Kleidung, die Schirme, die in allen Ecken abtropften, und zu alledem noch die Zähne seiner Frau bildeten ein unangenehmes Ganzes, und jeder spürte, dass der Kommissar nur auf eine Gelegenheit wartete, um aus der Haut zu fahren.“
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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