27.03.2009 · 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.
Von Tilman Spreckelsen75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Bitte, geht doch: Offenbar hat es den Maigret-Autor inzwischen wieder nach Europa verschlagen. „La Gatounière, Mougins (Alpes-Maritimes)“ steht am Ende dieses Romans, und „12. Juli 1955“. Das Buch schließt eng an das vorige an (siehe auch: Maigret-Marathon 47: Die kopflose Leiche), indem es Maigrets geistige Verwandtschaft mit den Psychoanalytikern seiner Zeit untermauert (in einem langen Partygespräch mit einem solchen Mediziner namens Tissot), und locker an das vorvorige (siehe auch: Maigret-Marathon 46: Der Minister), da ihn seine damalige Ermittlung in die unmittelbare Nachbarschaft seines jetzigen Hauptverdächtigen führte. Trügt der Eindruck, oder pflegt Simenon immer mehr die allmähliche Rückschau - der Kosmos wird abgerundet, aber nicht mehr groß erweitert?
Die Handlung in einem Satz: Ein Serienmörder geht der Polizei durch die Lappen, bis Maigret ein Großaufgebot von Polizisten auffährt und den mutmaßlichen Täter gleichzeitig bei der fragwürdigen Ehre packt, indem er einen Unbeteiligten unter großer Medienbeteiligung als Verdächtigen verhaften lässt.
Spielt in: Paris, größtenteils nördlich der Gare St. Lazare.
Neues über Maigret: Schon als Kind liebte er es, den Regen mit der Zungenspitze aufzufangen. Fühlt er sich unbeobachtet, hält er es als Erwachsener immer noch so.
Und Frau Maigret? Sie möchte mit ihrem Mann gern Urlaub bei Concarneau machen. Vermutlich wird wieder nichts daraus werden.
Konsum geistiger Getränke: Bier. Schnaps. Armagnac.
Finger weg von meinem Sohn!
Herrscher des Himmels, wenn über einen der Maigret-Romane die Zeit gründlich hinweggegangen ist, dann über diesen. Was uns hier als irgendwie wissenschaftlich abgesichertes Psychogramm eines irren Mörders serviert wird, ist doch ziemlich abgeschmackt: Das Muttersöhnchen, das seine umfassende Erfolglosigkeit im Leben dadurch sublimeren muss, dass er wahllos kleine stämmige Frauen ersticht und ihre Kleidung zerfetzt? Und dessen Mutter, um diesen Befund zu untermauern, so gnadenlos dominant ist, dass sie alle Contenance verliert, wenn jemand ihrem Söhnchen zu nahe tritt? Was man selten beim Maigret-Lesen erlebt, hier ist es mit Händen zu greifen: Da ist von allem etwas zuviel.
Lieblingssatz: „Die Psychiatrie ist eine Wissenschaft für Traumata, Tumore oder anormale Veränderungen dieser oder jener Drüse oder Funktion.“
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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