23.03.2009 · 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.
Von Tilman Spreckelsen75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Unterschrieben ist der Text mit (immer noch) „Shadow Rock Farm, Lakeville (Connecticut)“ und dem Datum 25. Januar 1955. Wie der exilierte Autor es anstellt, das kleinbürgerliche Dekor von jenseits des Atlantik so genau vor sich zu sehen, dass er es derart meisterlich beschreiben kann, verblüfft dann doch. Hatte er Fotos vor sich liegen? Und sicher einen Straßenplan der Stadt? Ein Glas, eine Karaffe mit Weißwein, aus jenem „kleinen Dorf in der Nähe von Poitiers“, das Omer Calas so gern besucht?
Die Handlung in einem Satz: Aus dem Kanal St.-Martin kommen Leichenteile zum Vorschein, und der ermittelnde Maigret gerät rasch in den Bann einer Kneipiersgattin, die zahlreiche Liebhaber empfängt, aber deren Besuche sowie das Verschwinden ihres Gatten gleichermaßen unbeteiligt zur Kenntnis nimmt.
Spielt in: Paris, im Umfeld des Gare de l'Est.
Neues über Maigret: Er wollte schon als junger Mann beruflich „Schicksale reparieren“, stellte aber fest, dass es diesen Beruf nicht gibt. Viel später sieht er viel von dem, was er sich vorgenommen hatte, von den inzwischen etablierten Psychiatern verwirklicht. Den Untersuchungsrichter Coméliau betrachtet er als seinen Intimfeind.
Und Frau Maigret? Lässt ihren Mann morgens nur ganz wenig spüren, dass er am Vorabend betrunken nach Hause gekommen war und sentimentales Zeugs geredet hatte. Normalerweise weiß sie von den Fällen ihres Mannes nur das, was in der Zeitung steht.
Konsum geistiger Getränke: Weißwein. Marc. Calvados. Pflaumenschnaps. Bier. Cognac.
Die Weißwein-Recherche
So grausig die Sache mit den Leichenteilen ist, den Roman - er beginnt an einem Dienstagmorgen, es ist der 23. März - durchzieht ein Hauch von Frühling, im Sonnenschein tanzende Stäubchen inklusive. Dass Maigret sich für die Spelunke jener lethargischen Madame Calas interessiert, hängt nicht zuletzt mit dem ebenso frühlingshaft duftenden Weißwein zusammen, der dort - und offenbar nur dort, denn der Wirt importiert ihn eigenhändig aus dem Süden - ausgeschenkt wird. Was der Kommissar aber an Madame Calas findet, seine große Begeisterung für diese Frau - es erschließt sich nicht recht, allen Beteuerungen, allen Erklärungen des Autors zum Trotz. Ist es der Frühling, der Wein, die instinktive Zuneigung des Pegeltrinkers zur Pegeltrinkerin? Oder dass uns der Sinn für das Pathos des Niedergangs abhandengekommen ist, das ebenfalls diesem Roman eingeschrieben ist?
Lieblingssatz: „Maigret hatte schon versucht, unter Berufung auf andere, selbst auf Fachleute, die Annahme zu vertreten, dass Menschen, die leicht auf die schiefe Bahn geraten, insbesondere diejenigen, die mit morbider Verbissenheit darauf aus sind, immer tiefer zu sinken, und sich voller Lust besudeln, nahezu alle Idealisten sind.“
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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