25.01.2009 · 75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.
Von Tilman Spreckelsen75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)
Ein altes Foto von Paul Almasy, aufgenommen um 1948, trägt den Titel „Nächtlicher Straßenverkehr zwischen Paris und Juvisy“. Es zeigt die Lichtstreifen, die entstehen, wenn man die Blende lange geöffnet hat (dafür verschwindet alles, was unbeleuchtet vorüberhuscht, die Menschen oder der Rest der Autos); das aber, was die Haupt- mit der Vorstadt verbindet, erscheint auf einmal so kräftig und beherrschend, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass irgendjemand diese Verbindung je kappen könnte. Einmal Juvisien, immer Juvisien, und die Arbeit in Paris wird schnell eine Art Tagesausflug in die Freiheit. Kannte Simenon dieses Bild, als er vier Jahre später „Maigret und der Mann auf der Bank“ schrieb?
Die Handlung in einem Satz: Ein Lagerverwalter wird ermordet aufgefunden, der offenbar ein jahrelanges Doppelleben führte, um seiner dominanten Frau zu entkommen.
Spielt in: Paris und Juvisy-sur-Orge
Neues über Maigret: Er kam mit 20 Jahren nach Paris. Seine Lieblingsgegend dort liegt zwischen der Place de la République und dem Boulevard Montmartre. Sein Stammkino ist am Boulevard Bonne-Nouvelle.
Und Frau Maigret? Ihre Schwester feiert am 19. Oktober Geburtstag (in diesem Jahr ein Montag). In einem früheren Roman war von dem einzigen Kinder der Maigrets die Rede, das früh gestorben war. Hier präzisiert Simenon: Das Mädchen wurde tot geboren.
Konsum geistiger Getränke: Bier, Calvados, Roter Bordeaux, Grog, Wermut.
Ein Hauch von Entenkacke
Wie traurig das alles ist, wie lächerlich auch, diese Geschichte von der täglichen kleinen Freiheit, die bedroht ist, als der arme Kerl, denn alle nur „Herr Louis“ nennen, seine Arbeitsstelle in Paris verliert und ihm die Arbeitslosigkeit in Juvisy droht, wo seine Frau jeden Morgen und jeden Abend seine Taschen kontrolliert. Sein Doppelleben manifestiert sich dann in einer kleinen Absteige, einer bunten Krawatte und gelben Schuhen im Ton „Entenkacke“, wie alle finden, die damit zu tun haben. Auch Maigret hatte sich einmal vor sehr langer Zeit ein solches Paar gekauft. Seine Frau hatte es ihm mit einem einzigen Satz verleidet. Vielleicht hat er auch deshalb soviel Sympathie und Verständnis für Louis' Doppelleben. Übrigens nannte man zu Zeiten Karl Mays den Zuhälter einen „Louis“.
Lieblingssatz: „Aus reinem Widerspruchsgeist bestellte er Wein.“
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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