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Montag, 13. Februar 2012
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Zum Tod von Adolf Endler Der Prenzlauer Bergarbeiter

03.08.2009 ·  1930 in Düsseldorf geboren, siedelte Adolf Endler 1955 in die DDR über. 1961 bejubelte er den Bau der Mauer, doch später wurde er klüger - und zum Übervater für die alternative Literaturszene vom Prenzlauer Berg. Nun ist Endler gestorben.

Von Falko Hennig
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Er sah sich als böhmischen Zigeunergeiger. In einem der vielen Stasi-Berichte über eine illegale Lesung in der DDR hieß es: „Laut eigener Ankündigung hat Endler aus seinem 85bändigen Romanwerk gelesen, das bereits in der BRD bzw. Westberlin erschienen ist.“ So viele Bände würden die Gedichte, Geschichten und Essays von Adolf Endler allemal füllen. Endler hatte sein Alter Ego Bubi Blazezak, Betonung auf der zweiten Silbe, in der Zeit erfunden, als offizielle DDR-Autoren wie Erik Neutsch neunbändige Romanzyklen ankündigten. Dem stellte Endler sein einmal aus siebenundzwanzig, dann wieder aus fünfundachtzig Bänden bestehendes Opus magnum entgegen.

1930 in Düsseldorf geboren, wurde der Buchhändlerlehrling, Transportarbeiter und Kranfahrer wegen seines Engagements in der Friedensbewegung der „Staatsgefährdung“ angeklagt und siedelte 1955 in die DDR über. Nach seinem Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher lebte er als freier Autor. 1961 schrieb er zwar noch ein Gedicht, in dem er den Bau der Mauer bejubelte, doch später wurden – so Endler über Endler – seine Texte klüger und irgendwann auch er selbst. 1979 wurde er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen und schrieb für Berliner Untergrundzeitschriften. Endler wurde kein sozialistischer Dichter, sondern stattdessen ein Übervater für die alternative Literaturszene vom Prenzlauer Berg.

Tarzan vom Prenzlauer Berg

Seine Sudelblätter „Tarzan vom Prenzlauer Berg“ waren sein erfolgreichstes Werk; die Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1981 bis 1983 vergnügten die Leser und machten ihn nach der Wende einem breiteren Publikum bekannt; „Nebbich. Eine deutsche Karriere“ hieß sein jüngster Band mit autobiographischen Texten und Prosafragmenten, der 2005 erschien. 2007 veröffentlichte der Wallstein Verlag „Neunundsiebzig kurze Gedichte aus einem halben Jahrhundert“ unter dem Titel „Krähenüberkrächzte Rolltreppe“ (Endler, Adolf: Krähenüberkrächzte Rolltreppe).

Die DDR war für Endler eine Gaunergesellschaft, im Vergleich zu Nazi-Deutschland recht harmlos, trotzdem aber ein „ganz mieser Polizeistaat“. Die Surrealisten, Dadaisten und Futuristen interessierten ihn am meisten, von der DDR-Geschichte hatte er genug. Mit Vergnügen nahm er aber die Einschätzungen des ostdeutschen Geheimdienstes in seine Prosa auf: „Der IM schätzt ein, daß die Art des Vortrags von Endler sehr gut war, weil er sehr akzentuiert sprach und wie ein Schauspieler mit deutlicher kabarettistischer Tendenz las. Während der Veranstaltung nahm er Alkohol zu sich.“ Oder: „Am Äußeren des Endler ist derzeitig auffallend, daß er am linken Ohr einen pfenniggroßen Ohrring trägt.“

Manisches Collagieren

Ich lernte Endler persönlich 1999 bei einer Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums am Wannsee kennen. Dass sich in der DDR fünfhundert Schriftsteller als Spitzel anwerben ließen, das wollte er ihnen nie verzeihen. Sein manisches Collagieren von Zeitungsmeldungen und Gebrauchstexten war ein Versuch, die Absurdität der Diktatur aufzuzeigen. Allerdings fand er, der Prenzlauer Berg würde überschätzt, was „richtig Großes“ sei da nicht entstanden – mit Ausnahme seiner selbst.

Seit 2005 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Doch trotz der späten Ehrungen und Preise sah er die Vorstellungen bestätigt, die er einst als Jungkommunist vom Kapitalismus hegte: Experimentelles werde heute kaum noch gedruckt; Lyrik kaum gelesen.

Zuletzt lebte er etwas abseits in Pankow an der Grenze zum Wedding, den er wegen der proletarischen Atmosphäre mochte. Pankow sei tot, umziehen werde er aber nur noch endgültig, nicht mehr zu Lebzeiten. Der Tod beschäftigte ihn viel, seine regelmäßigen Todessehnsüchte behandelte er früher mit Alkohol, denn schon bei Freud sei zu lesen gewesen, dass die Proleten ihre Komplexe mit Alkohol kurierten. Am Tod machte ihm nur Angst, dass seine Frau dann zurückbleibe. „Das Alter ist ein Schlachtfeld“, hatte er wegen seiner vielen Krankheiten oft geäußert. Am Sonntag ist Adolf Endler in Berlin gestorben.

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