29.03.2010 · Die Macht der großen Buchhandelsketten muss gebrochen werden. Die deutschsprachigen Verlage sollten eine eigene Kette gründen. Ein weitgehender Vorschlag des Schriftstellers Ulf Erdmann Ziegler, der eine ganze Branche verändern würde.
Von Ulf Erdmann ZieglerBis vor wenigen Jahren schien es, als wäre der deutsche Buchhandel gefährdet. Jetzt zeigt sich: Gefährdet sind die Verlage. Der Konzernbuchhandel ignoriert nicht nur, ja er bekämpft geradezu ihre Programme und damit deren Verankerung in der Gesellschaft, das Wissen, die Vielfalt der Arten. Welcher Verlag noch im Sortiment ist, wird kaltblütig erpresst, der Dienste der anderen bedient man sich über die phantastischen deutschen Liefersysteme, nach dem Motto „Was wollen Sie denn, es gibt doch alles!“
Gibt es aber nicht. Alles wird auf Minimum gefahren, die zeitgenössischen Autoren, die Neuerscheinungen, die Klassiker; von Geistes- und Sozialwissenschaften, von Kunst- und Kinderbuch nur noch Relikte, das, was Medienspekulanten für gängig halten. Die Forderungen an die Verlage sind längst jenseits von Verstand und Verständnis, jenseits dessen, was der Gesetzgeber zulässt. Der Konzernbuchhandel macht sich breit, auch in mittleren Städten. Die Margen des Buchhandels, auch im Kleinen, sind selbst nach herkömmlichen Maßstäben so luxuriös - man kann auch alles zurückgeben! -, dass sich neben den Tempeln, in denen es nichts gibt, was irgend von Interesse wäre, manche gutsortierte Nischenbuchhändler halten können.
Drei Modelle für die Zukunft
Denn das Publikum ist nicht dumm. Aber es schrumpft. Die Verlage erreichen von ihrem potentiellen Publikum nur mehr einen Teil. Die Programme, und darunter die besten, sind in Gefahr. Die deutschsprachigen Literatur- und Sachbuchverlage sollten sich zusammentun. Schließlich sind manche Verlage - einst Cotta, Wasmuth, Heckenauer, zuletzt Liebeskind - aus Buchhandlungen gewachsen, „Verlagsbuchhandlungen“; selbst die Erstauflage des „Ulysses“ wurde von einer Buchhändlerin gedruckt. Verlage wie Suhrkamp oder dtv oder Diogenes könnten allein aus ihrer Backlist eigene „flagship stores“ bestücken. Lothar Schirmer, der Bildbandverleger, bestreitet seit Jahren einen „Showroom“ allein aus seinem Programm, und die Schwabinger Traditionsbuchhandlung Lehmkuhl wurde von Verlegern übernommen, den Brüdern Hans Dieter und Wolfgang Beck.
Drei Modelle bieten sich an für die Verlagsbuchhandlungen der Zukunft. Erstens der flagship store; zweitens das privat geführte Geschäft mit Ketten-Signet; drittens das Buchkaufhaus. Alle sollten im gleichen System aufgehen, ähnliche Privilegien genießen, die Gegenmacht zu den Konzernbuchläden bilden. Das darf nicht still und leise vor sich gehen, sondern muss mit großer Bestimmtheit durchgeführt werden. Die Leserinnen und Leser werden den Unterschied zu schätzen wissen.
Vom Buchladen zum Buchkaufhaus
Die Buchpreisbindung, die Vierundzwanzig-Stunden-Liefersysteme, die tägliche Kritik im Feuilleton: All das hat Autoren, Verlegern, Händlern und Lesern Sicherheit verschafft - oder sollte man sagen suggeriert? Der Deutsche Buchpreis hat noch einmal ein bisschen Medienzauber drübergelegt, tatsächlich aber das Signal gegeben, dass Buchhändler glauben, sich im umfangreichen literarischen Programm des Herbstes nicht mehr selbst orientieren zu müssen. Die Rolle der Vertreter ist geschwächt. Sie wissen Bescheid, aber sie reden gegen Wände. Eine Kette wie Thalia empfängt sie gar nicht mehr.
Tatsächlich wäre das Buchkaufhaus eine Alternative zum Buchladen mit zwei Fenstern und einer Tür. Irgendwie geht es nicht mehr ohne Café, Zeitungen und Zeitschriften, Leseecken, Hörbuch-, Landkarten- und Musikabteilung. Dafür braucht es Kapital. Aber es bringt auch Umsatz. Hier sollten die Verleger als Betreiber von Verlagsbuchhandlungen als Erstes tätig werden. Sie sollten den Ketten Konkurrenz machen. Sie sollten gemeinsame Verlagsbuchhandlungen als Kaufhäuser begründen.
Programm der Vielfalt
Es sollten alle Verlage dabei sein, die noch an ihre eigene Zukunft glauben. Zählt man die Verlage, die zwar alte Namen tragen, aber zu Konzernen gehören (Rowohlt, S. Fischer, Luchterhand), die unabhängigen mittelständischen Verlage (Suhrkamp, Hanser), die kleineren Mittelständler wie Wallstein oder Nautilus, aber auch die Upstarts wie Kookbooks, Weissbooks oder Voland & Quist, kommt man bereits auf über dreißig Verlage. Nimmt man die wichtigeren Kinderbuchverlage hinzu, die Kunstbuchverlage, Hörbuch, Kochbuch, Recht, Medizin, Religion, Pädagogik und Naturwissenschaft, liegt die Zahl vielleicht bei fünfzig bis hundert. Das wäre eine gute Stärke, um ein Unternehmen aus dem Boden zu stampfen. Ein Türwächterstatut gehört gewiss dazu, damit nicht die Bestsellerelefanten hineinmarschieren und alles zertrampeln. Nicht ganz leicht wird es sein, Buchhandelskonzerne zu überreden, nur mit ihren Programmverlagen beizutreten. Auch sollten keine Verlage dabei sein, die davon leben, dass Autoren bei ihnen drucken lassen. Ob man die Schweizer und Österreicher einbinden kann? Man sollte es auf jeden Fall versuchen. Die gemeinsame Basis sollte sein, dass alle Verlage an eigenen Programmen arbeiten, die auf Vielfalt basieren - Programme, die von Lektoren entworfen und betreut werden und nicht einfach von Händlern eingekaufte Titel sind. Die Formel wird sich finden lassen.
Diese Buchkaufhäuser würden völlig anders aussehen als die heute grassierenden Ketten, weil sie die Programme sichtbar machten, weil ihre Regale voll wären, weil auf den Tischen nicht mehrere Stapel desselben Titels lägen; weil sie von neugierigen und kundigen Buchhändlern betrieben würden. Kaufhäuser als Verlagsbuchhandlungen sollen nicht kleinere Geschäfte verdrängen, aber jüngeren Eigentümern von Traditionsgeschäften ermöglichen, sich zu transformieren und mitzuhalten im Wettbewerb der Großen.
Der Schritt zum Gegenkonzern
Dabei sollten alle wirtschaftlichen Modelle erwogen werden. So könnte das Verlagskonsortium als alleiniger Eigentümer eines Geschäfts auftreten; man könnte Franchising betreiben; der Konzern könnte Anteile weiterverkaufen an lokale Buchhändler oder umgekehrt sich einkaufen, wenn der Fortbestand einer guten Sortimentsbuchhandlung ansonsten gefährdet wäre. Nach einem solchen offenen Modell wäre es auch denkbar, dass unter das Emblem der Verlagsbuchhandlung schlüpft, wer tatsächlich ein konventioneller Stadtteilbuchhändler ist und das auch bleiben möchte. Das gälte ebenfalls für die Flaggschiffe: Sie liefen dann in Berlin als Suhrkamp oder in Köln als Kiepenheuer & Witsch, aber wären dennoch Verlagsbuchhandlungen des übergeordneten Unternehmens.
Ist die Sache groß genug - begonnen oder später geworden -, könnte die „Verlagsbuchhandlung“ ein Gegenkonzern werden, mit einem eigenen Zentrallager, einem selbstverwalteten elektronischen Bestellsystem und einem vorzüglichen Internetauftritt. Auch der Buchversand sollte mitbedacht sein. Schon jetzt bietet der Börsenverein über Buchhandel.de an, im Netz zu bestellen, aber im Buchladen abzuholen. Möglich wäre auch, dass die lokalen „Verlagsbuchhandlungen“ mit einer Art Standort-Euro vom Versandhandel profitieren, auch wenn das Paket vom Zentrallager direkt zum Kunden geht (nach einem Schlüssel von Postleitzahlen, zum Beispiel). Ferner sollte die „Verlagsbuchhandlung“ über ein gemeinsames Antiquariat verfügen; man kann, mit ein bisschen Geschick und Zeit, auch am eigenen Ramsch, insbesondere von Erstausgaben, verdienen.
Die Macht der Ketten brechen
Wird die „Verlagsbuchhandlung“ ein Gegenkonzern, wäre bald die Macht der Ketten gebrochen. Warum sollte man denen mehr als fünfzig Prozent Gewinn einräumen und dann noch für den Gegenwert eines VW Golf in deren Werbeblättchen inserieren, wenn man erstens eine Auflage über die Gruppe der Verlagsbuchhandlungen komplett absetzen kann, zweitens zu fairen Bedingungen und drittens - sofern oder soweitdie Verlage tatsächlich Eigner sind - auch noch zum eigenen Profit? Auf die Weigerung von Verlagen, unzumutbare Konditionen zu akzeptieren, haben die großen Filialisten teils schon reagiert, Amazon auch. Ideal wäre, wenn der Konzern der „Verlagsbuchhandlung“ nicht zu einer Spaltung des Marktes führen würde, sondern einen Rückmarsch in ein umfassendes Sortiment einleitete. Vielleicht würden sich manche Filialisten besinnen.
Die Gründung eines deutschsprachigen V-Konzerns könnte ein Zeichen sein. Locker könnte man im Verbund Autorenreisen organisieren. Buchhändler würden auf der Website bloggen. Vertretern würde wieder zugehört. Der Handel müsste sichtbar machen, was die deutsche Literatur- und Geisteswelt wirklich ist, eine riesige blühende Landschaft, wie man auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt mit eigenen Augen sehen kann. Nicht die Verlage sind das Problem, sondern die gierige Verzerrung des Marktes und die aus Mangel an Begegnung schleichende Erosion des lesenden Publikums. Die Verlage sollten den Buchhandel in die eigenen Hände nehmen. Die Mittel, die sie dafür aufwenden werden müssen, sind beträchtlich; wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.