05.04.2010 · Anders als Zauberer oder Vampire sind Reisen durch die Zeit noch halbwegs plausibel. Als Stoff für den nächsten Jugend-Bestseller kommen sie gerade recht. Doch welchen Regeln folgen sie?
Von Tilman SpreckelsenEs beginnt ganz klassisch, nur dass Gwendolyn die Zeichen noch nicht deuten kann: Ihr wird ein paarmal schwindelig, dann fährt ihr „Magen Achterbahn“, und die Straße verschwimmt vor ihren Augen „zu einem grauen Fluss“. Schließlich findet sie sich zwar am selben Ort, aber ein paar Jahrzehnte in der Vergangenheit wieder, bevor sie wieder in ihre eigene Zeit zurückkehrt - ebenso unwillkürlich wie bei der Hinreise.
Später erklärt man ihr, dass das alles ganz natürlich sei: Durch ihr genetisches Erbe und eine astrologische Komponente (hier: der Tag ihrer Geburt) ist sie solchen Erfahrungen ausgeliefert - leider oder zum Glück, je nach Perspektive. Sie ist damit nicht allein, und wenn sie bereit ist, mit einem Geheimbund zu kooperieren, der sich der Steuerung solcher Zeitreisen verschrieben hat, kann die Sache sogar ganz spaßig werden. Zumindest wird sie ihren geliebten, kürzlich verstorbenen Großvater wiedersehen, und zwar als jungen Mann. Dass sie aber bei einer anderen Reise ins Jahr 1782 um ein Haar von einem Degen aufgespießt werden wird (oder: worden wäre?), erzählt man ihr nicht.
Millionen-Umsätze mit Jugendliteratur
Gwendolyns Ausflug in die Vergangenheit ist vielleicht die Antwort auf die Millionen-Dollar-Frage der Buchbranche. Denn seit dem spektakulären Erfolg von Joanne K. Rowlings „Harry Potter“- und Stephenie Meyers „Bis(s)“-Serie scheinen Jugendbücher in einem insgesamt schrumpfenden Buchmarkt aus dem Nichts heraus märchenhafte Umsätze bescheren zu können. Und das gar nicht so selten: In den vergangenen neun Jahren stammten in Deutschland zwölf der zwanzig meistverkauften Titel aus dem Bereich der Jugendliteratur.
Jeder dieser Bestseller bringt dann auch eine Fülle von literarischen Trittbrettfahrern hervor, so dass man einer Flut von Zauberinternatsschülern begegnete, die in jüngster Zeit von Vampiren abgelöst wurden.
Seit im Februar Kerstin Giers Romane „Rubinrot“ und „Saphirblau“ mit ihrer zeitreisenden Heldin Gwendolyn plötzlich gleichzeitig auf der Bestsellerliste auftauchten, scheint sich ein Trend abzuzeichnen, der wie zuvor die Zauberei und der Vampirismus aus dem Fantasy-Genre stammt und wie die Bücher Rowlings oder Meyers einem festen Regelwerk folgt - und stoffgeschichtlich genauso wenig neu ist wie die Welt von „Harry Potter“ oder
„Bis(s) . . .“
Mechanik oder Magie
In der reichen literarischen Tradition der Zeitreisen unterscheiden sich die einzelnen Werke vor allem in der Art und Weise, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die Zeitreisen unternommen werden. Spätestens seit H. G. Wells' Roman „Die Zeitmaschine“ (1895) und Edith Nesbits „Psamead“- und „Arden“-Kinderbüchern (1902 ff.) gibt es dabei zwei äußerst erfolgreiche, konkurrierende Modelle: Während Wells und seine Nachfolger auf Mechanik setzen, auf eine naturgesetzlich fest fundierte, erklär- und letztlich auch beherrschbare Reise zwischen den Epochen, gibt es dafür zwar auch in Nesbits Büchern Regeln, die allerdings denjenigen, die diese Reisen unternehmen, nicht transparent sind - sie können die Sache zwar durch Wohlverhalten, Zaubersprüche und ein paar farblich passende Accessoires anstoßen, ob daraus aber eine tatsächliche Zeitreise wird, entscheidet ein griesgrämiger Maulwurf oder ein launischer Sandelf - aus Wells' Mechanik wird Nesbits Magie.
Das Besondere an Kerstin Giers Jugendbüchern ist nun die Synthese aus beiden Richtungen. An Gwendolyns kausal nicht wirklich begründeter Disposition zur Zeitreise lässt sich nichts ändern, sie ist das magische Element. An ihre Seite tritt aber die Steuerung der Reisen durch ein „Chronograf“ genanntes Gerät, „ein merkwürdiger Apparat aus poliertem Holz und Metall mit zahllosen Knöpfen, Klappen und Rädchen“. Mit seiner Hilfe lassen sich der exakte Zeitpunkt bestimmen, an den der Reisende gelangt, sowie die Dauer der Abwesenheit aus der Gegenwart.
In Gang gesetzt aber wird er mit einem Tröpfchen Blut aus den Adern der Reisenden. Ein letzter magischer Reflex - oder vielleicht doch Giers Erkenntnis, dass eine Spur Meyerscher Vampirismus den Absatzzahlen guttut.
Mehr Biss als Wells
Jan Hartmann (Jan-C-Hartmann)
- 06.04.2010, 00:00 Uhr
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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