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Veröffentlicht: 24.06.2011, 13:34 Uhr

Wertewandel beim Urheberrecht Chatzimarkakis hat mich plagiiert!

Was denken die um ihr Zitat Gebrachten über die Praxis prominenter Politiker, ihre Doktortitel einst auf dem Kopierweg erworben zu haben? Ein betroffener Hochschullehrer packt aus.

von Jörg Becker
© dpa Vorbote einer hedonistischen Revolution? Georgios Chatzimarkakis

Nach langer Berufstätigkeit als Professor für Politikwissenschaft erfuhr meine sozialwissenschaftliche Arbeit eine bislang nicht erreichte Anerkennung: Mein Aufsatz „Internationale Medienpolitik“, 1998 in der Reihe „Schlaining Working Papers“ des Friedenszentrums Burg Schlaining in Österreich veröffentlicht, wurde in der von Georgios Chatzimarkakis - heute Europaabgeordneter der FDP - im Jahre 2000 an der Universität Bonn eingereichten Dissertation „Informationeller Globalismus“ geplündert. Mehr als hundert Zeilen - verstreut auf sechs Druckseiten - hat er ohne Anführungszeichen aus meinem Text übernommen, ohne Fundstelle, ohne Zitathinweis. Mit anderen Worten: Meine wissenschaftliche Qualität in einem sehr abseits veröffentlichten Aufsatz ist hoch genug, dass jemand anders mit Sätzen aus meiner Feder seine eigene wissenschaftliche Qualität begründen und seine Karriere darauf aufbauen kann. Super!

An dem Tag, als ich im Internet bei „vroniplag“ auf diesen Zusammenhang stieß, dachte ich: „Was für eine Anerkennung! Endlich begreift jemand objektiv, eben von außen kommend und in der großen Anonymität des Netzes, wie gut ich bin. Nicht länger meine Ehefrau, sondern endlich eine neutrale Instanz. Efcharisto, lieber Georgios Chatzimarkakis, für diese Anerkennung.“

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Hierzu ein erster Gedanke: In der scheußlichen Bologna-Universitäts-Unwelt, in dem der dort verordnete Ungeist des „Publish or perish“ nur noch an quantitativen Indikatoren festgemacht wird, sollte bei der Ernennung zukünftiger Professoren deren Qualität daran gemessen werden, wie viele Sätze aus ihren Arbeiten in den Arbeiten anderer Wissenschaftler ohne Zitathinweis übernommen wurden. Welchen größeren Nachweis der eigenen wissenschaftlichen Qualität aber kann es geben als den, wie häufig man beklaut wurde?

Liebe VG Wort, beteilige mich!

Eine zweite Schlussfolgerung rufe ich der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) in München zu. Interessiert an einer für mich günstigen Honorarausschüttung, weiß ich, dass diese individuell sehr unterschiedlich hohen Tantiemen von der Zahl meiner Veröffentlichungen abhängen. Was aber ist mit meinen Veröffentlichungen, die nach außen nicht als meine Veröffentlichungen erkennbar sind? Also, VG Wort: Für das Jahr 2011 möchte ich zu einem noch mit Ihnen auszuhandelnden Prozentsatz an den Ausschüttungen für Georgios Chatzimarkakis beteiligt werden. Ich wäre für die Zukunft unter Umständen auch mit einer flatrate einverstanden, da davon auszugehen ist, dass die Kultur des Plagiats zunehmen wird.

A propos Finanzen. Ich selbst gehöre zur Gruppe der Sozialwissenschaftler in Deutschland, die als Privatdozenten oder Honorarprofessoren sehr gut ausgebildet, aber in das deutsche Universitätssystem dennoch mit keiner Festanstellung integriert wurden. Abgesehen von der volkswirtschaftlichen Vergeudung, hieß das für meine wissenschaftliche Biographie, dass ich einen Großteil meines Lebens als freier Unternehmer tätig war und bin. Mit dem Verkauf meines kritischen sozialwissenschaftlichen Denkens auf dem freien Markt verdiene ich weniger als Georgios Chatzimarkakis, der als Abgeordneter des Europäischen Parlaments rund 8000 Euro monatlich erhält.

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