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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Werner Söllner Ging ein Jungdichter verloren

11.12.2009 ·  Werner Söllner, der durch seine Übersetzertätigkeit zum Sturz des Ceauşescu-Regimes beigetragen hat, war viele Jahre zuvor ein Securitate-Spitzel. Hat er die Literatur verraten?

Von Jochen Hieber
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Es begann im April 1989. Auf verschlungenen Wegen erreichten diese Zeitung regelmäßig Kassiber, Gedichte und Essays des seit dem 22. März unter Hausarrest stehenden rumänischen Dichters Mircea Dinescu. Sie verdankten sich den geheimen Kontakten des aus dem Banat stammenden und damals siebenunddreißig Jahre alten Autors Werner Söllner, der 1982 aus Rumänien nach Deutschland gekommen war und hierzulande alsbald mit so eigenen wie eminenten Gedichten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Unvergesslich ist, wie Söllner im Frühjahr, Sommer und Herbst 1989 nahezu wöchentlich in der Redaktion auftauchte, stets mit einem neuen Manuskript, einer neuen Attacke auf den kommunistischen Diktator Nicolae Ceauşescu und dessen Geheimdienst Securitate, alle geschrieben von Dinescu, alle von Söllner übersetzt und, wo nötig, auch kommentiert.

Doch mit der Veröffentlichung der Texte in dieser Zeitung war es nicht getan. Radio Free Europe übernahm die poetischen Widerstandsfanale Dinescus wie Söllners Anmerkungen dazu und sendete sie in der Landessprache nach Rumänien. Welche Wirkung sie dort entfalteten, konnte man am 22. Dezember 1989 sehen, als jubelnde Menschen Dinescu auf ihren Schultern in den Fernsehsender trugen, wo er den Sturz des Ceausescu-Regimes verkündete: „Wir haben gesiegt! Der Tyrann ist geflohen! Geliebte Rumänen, wir müssen das Schicksal in unsere Hände nehmen!“

Werner Söllner selbst stand lange im bundesrepublikanischen Exil-Zentrum jener Schriftstellergruppe, die im Verlauf der achtziger Jahre für das deutsch-rumänische Literaturwunder sorgte und den hiesigen Lesern einen bisher ganz unbekannten Kontinent an Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen erschloss. Der Literaturnobelpreis, den die wie Söllner aus dem Banat stammende und seit 1987 in Deutschland lebende Herta Müller am Donnerstag für ihr Werk entgegennahm (siehe auch: Nobelpreisträgerin Herta Müller: Die Liebe ist mir in den Kopf gewachsen), erweist stellvertretend auch der deutsch-rumänischen Literatur die gebührende Reverenz. Seit Donnerstag aber weiß man eben auch, dass Werner Söllner nicht nur als Opfer der Diktatur zu gelten hat - das ist und bleibt er -, sondern dass er unter dem Decknamen „Walter“ in den siebziger Jahren (nach Söllners eigenen Angaben zwischen 1973 und 1975) als Spitzel für die Securitate tätig war und über seinesgleichen Berichte schrieb. Dass diese Berichte den von der Securitate Bedrängten bisweilen sogar halfen, hat der Germanist Michael Markel für seinen Fall bezeugt (siehe auch: Wie sich der Lyriker Söllner als Securitate-Spitzel offenbarte).

Der verstummte Dichter

Dass sich im Zuge der bisherigen wie der weitergehenden Öffnung der Securitate-Akten auch Fälle finden, in denen Söllner anderen Autoren und Freunden geschadet hat, ist wohl unzweifelhaft.Aus den Jahren 1988 und 1992 stammen Söllners wichtigste Veröffentlichungen. Die Gedichtbände „Kopfland. Passagen“ und „Der Schlaf des Trommlers“ machten damals durchaus Epoche und trugen ihrem Verfasser manches Stipendium und manchen Preis ein. Sie zeigten den Dichter als höchst eigenständigen Nachfahren der Czernowitzer Tradition einer Rose Ausländer oder eines Paul Celan, ebenso aber als einen spielsicheren Erben von Heinrich Heines Ton. Einige von Söllners Gedichten - „Liebende“ etwa, „Halbschlaf“, „Kleines Selbstgespräch“, „Zwei Zigaretten lang“, „Kassiber“ oder das titelgebende vom „Schlaf des Trommlers“ - gehören zu den sprachgenauesten und bildmächtigsten Poemen seiner Generation. Außer jedem Zweifel stehen die Bedeutung und die Wirkung seiner Speditions- und Übersetzungsdienste für Dinescus Werk.

Naturgemäß fiel auf, dass Werner Söllner seit 1992 keinen Lyrikband mehr veröffentlicht hat und dass mit Ausnahme einiger verstreuter Poeme und kleiner Prosatexte in Zeitungen und Zeitschriften auch sonst nichts mehr von ihm erschien. Jüngere Leser wissen mithin kaum noch, welchen Rang man diesem Dichter einst einräumte und zu welch großen literarischen Hoffnungen er Anlass gab. Wer ihn persönlich kennt, weiß indes seit geraumer Zeit, dass es in Söllners ganz persönlichen Biographie Ereignisse gab, die hinreichen, um einem Autor die Stimme zu rauben. Dass auch von Dinescu seit dem Band „Ein Maulkorb fürs Gras“ von 1990 kein weiteres Buch erschienen ist, scheint hingegen weit weniger dramatisch: Dinescu ist als Unternehmer und als Moderator in Rumänien präsent. Und Söllner, der verstummte Dichter, hat seit 2002 einen bürgerlichen Beruf: Er leitet das Hessische Literaturforum in Frankfurt am Main.

Hat er bleibende Schuld auf sich geladen?

Rein chronologisch stellt sich der Fall Söllner im Augenblick als Abfolge verschiedener und deshalb auch voneinander zu trennender Phasen dar. Aus dem aufmüpfigen Jungdichter und Studenten zu Anfang der siebziger Jahre wird der Securitate-Spitzel. Der Spitzel wandelt sich von der Mitte der Dekade an zum Dissidenten. Aus dem Dissidenten wird schließlich der Emigrant - und aus dem Emigranten dann der angesehene Dichter und Übersetzer, der das Seine zum Sturz der Diktatur in seiner Heimat beiträgt. Ob der Chronologie allerdings das entscheidende Wort zukommen kann, ist fraglich.

Die fast alles entscheidende Frage wird eher sein, ob und inwieweit Werner Söllner aufgrund seiner temporären Mitarbeit bei der Securitate bleibende Schuld auf sich geladen hat. Herta Müller hat in ihrer Rede zum Auftakt der Nobelpreiswoche davon erzählt, wie sie selbst den Anwerber der Securitate nach mehrmaliger Bedrängnis zur Aufgabe zwang: „N-am caracterul, ich hab nicht den Charakter“, sagte sie ihm (siehe auch: Herta Müllers Nobelpreisrede: Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis). Diesen Satz wird Werner Söllner nicht für sich reklamieren können.

Mit der nun endlich in Gang gekommenen Öffnung der Securitate-Akten kehrt aber auch ein Thema in die Diskussion zurück, das kurz nach der Wende des Jahres 1989 mit Blick auf die DDR-Literatur aufkam, seit Ende der neunziger Jahre aber befriedet schien: der Verrat der Autoren an der Literatur durch ihre geheime Verbindung mit der totalitären Staatsmacht und deren Organen. Wie sich dieses Thema in Werner Söllners Fall am Ende darstellt, wird, soll, ja, muss sich weisen.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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