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Umstrittenes Buch : Schoa zum Anfassen

Denis Avey, „Der Mann, der ins KZ einbrach” - oder eben nicht Bild: Reuters

Ein Held, dem keiner mehr glaubt: Denis Avey behauptet in einem neuen Buch, verkleidet als Jude nach Auschwitz gelangt und wieder ausgebrochen zu sein. Doch die Zweifel an seiner Geschichte werden immer lauter.

          Gab es das: einen britischen Kriegsgefangenen, interniert in der unmittelbaren Nähe von Auschwitz, der eines Tages, nachdem er viel von den Greueln gehört hatte, den tollkühnen Entschluss fasste, sich die Vernichtungsstätte einmal selbst anzusehen, mit einem Juden die Uniform tauschte, nach Auschwitz hineingelangte, Zeuge furchtbarer Untaten wurde, sich alles einprägte, dann wieder hinausgelangte, über Jahrzehnte schwieg und dann endlich, mehr als neunzig Jahre alt, dem BBC-Journalisten Rob Broomby seine wahre Geschichte erzählte, die eines unbesungenen Helden? Gab es das?

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Denis Avey, geboren 1919, wurde vom damaligen britischen Premierminister Brown ausgezeichnet, er erhielt 2010 den Titel eines „British Hero of the Holocaust“. Der Titel der deutschen Ausgabe von Aveys Buch „Der Mann, der ins KZ einbrach“ zitiert eine Rezension der „Times“: Die Zeit für die Veröffentlichung sei „endlich“ gekommen, „jetzt, da die Augenzeugen aussterben und die Holocaustverleugnung wieder zunimmt“. Dass aber die deutsche Ausgabe des Buches ausgerechnet beim Verlag Lübbe erschien, der nicht gerade zu den führenden Publikationshäusern historischer Werke gilt und eher Unterhaltungsliteratur im Programm hat, mag zu der auffallenden Zurückhaltung in der deutschen Rezeption geführt haben.

          Zur Prüfung der Authentizität aufgefordert

          Besprochen wurde das Werk nämlich nicht; nur das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ brachte am 14. Januar eine Art Home-Story des deutschen, in London ansässigen Journalisten Serge Debrebant, der indes bisher nur mit einem Schmunzelbuch hervorgetreten war („Japanische Schweine machen buubuu“, 2007); besondere zeitgeschichtliche Kompetenz konnte Debrebant also nicht vorweisen. Kenner ließen die Finger von Aveys Werk. Schon Debrebant gestand in seinem Artikel übrigens durchaus zu, dass es „Zweifler“ gab.

          Auch das Publikationshaus Hodder & Stoughton, der Verlag der englischen Originalausgabe „The man who broke into Auschwitz“, hat eher Unterhaltung auf Lager; die einschlägige Abteilung, in der Aveys Buch ihren Platz fand, heißt bezeichnenderweise „History and Adventure“. Trotz vieler Warnungen scheint der Bedarf nach einer weniger sachlichen als menschlich nahen Schilderung der Massenmorde in den Vernichtungslagern auch heute noch eine Literatur hervorzubringen, die oft sentimental romantisiert oder, im schlimmeren Fall, auf freche Fälschung hinausläuft. Aveys Buch ist nicht das erste Werk dieser Gattung, hoffentlich bleibt es das letzte.

          Jede Halb- oder Fünftelwahrheit auf diesem Gebiet ist nämlich eine Schädigung der wirklichen historischen Aufklärung, und kein Interesse an „Zeitzeugen“ kann hier als Entschuldigung angeführt werden. Inzwischen hat der Jüdische Weltkongress den englischen Verlag in deutlichen Worten zu einer Prüfung der Authentizität von Aveys Abenteuern aufgefordert. Die Einrichtung warnt vor einer „Trivialisierung“ des Holocaust und erinnert an die Vorgänger-Fälle Binjamin Wilkomirski alias Bruno Doesseker und Herman Rosenblat (F.A.Z. vom 2. Januar 2009: Holocaust-Buch zurückgezogen). Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat eine Ehrung von Avey nun abgelehnt: Unter den echten Zeugnissen aus Auschwitz gebe es keine, die Aveys Behauptungen auch nur entfernt bestätigten.

          Der böse Geist hinter der Affäre

          Zu den Zeugen der Verteidigung gehört indes - oder gehörte? - der sehr bekannte britische Historiker Martin Gilbert. Dies überrascht umso mehr, als Gilbert zwar mit seiner Churchill-Biographie einer entschieden heroisch-patriotischen Schule der Geschichtsschreibung angehört, aber andererseits die Geschichte des Holocaust und die des osteuropäischen Judentums zu seiner Sache gemacht hat; auch hat er ein Buch über jene „Gerechten unter den Völkern“ veröffentlicht, die den verfolgten Juden halfen. Eine Äußerung von Gilbert wäre insofern sicher erwünscht.

          Einen Greis wie Avey zum Phantasieren zu bringen ist kein Ruhmesblatt, und ihn nun als Fabulierer entlarvt zu sehen, sollte das Publikum auch nicht befriedigen. Fragen muss sich ein anderer gefallen lassen. Denn geschrieben wurde das Buch wohl von Rob Broomby, der auch auf dem Umschlag als Mitautor genannt ist. 2009 meldete die BBC, dass Avey demnächst von Yad Vashem ausgezeichnet werde. Autor des Berichts war wiederum Broomby, offenbar der böse Geist hinter der ganzen Affäre, Berichterstatter und Mittäter in einer Person. Broomby ist ein an sich kaum bekannter Journalist, der einmal, 2000, für die BBC über Rassismus in Deutschland berichtet hatte, ein anderes Mal über Rassismus in der Schweiz. Wahrlich keine große Leuchte, sondern ein Mann, der mit wenig historischen Skrupeln eine Milchkuh für den eigenen schnellen Weg zum Ruhm gewittert haben muss. Fragen über ihre Qualitätsstandards muss sich deshalb auch die BBC stellen.

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