Fußball-Europameisterschaft 2012. Endspiel. Keine Tickets. Das Stadion in meiner Heimatstadt Kiew ist ausverkauft. Aber dafür habe ich zwei Eintrittskarten aus dem Jahre 1941 für das Spiel Dynamo Kiew gegen ZSKA Moskau, zur Eröffnung eben dieses Stadions. Es hätte am 22. Juni 1941 stattfinden sollen. Die feierliche Einweihung des „Roten Stadions“ – damals eines der größten Stadien Europas für fast 50.000 Zuschauer – sollte ein Ereignis für die ganze Sowjetunion werden. An jenem Morgen aber „wurde Kiew bombardiert – uns wurde erklärt, dass Krieg ausgebrochen ist“, hieß es später in einem beliebten Kriegslied.
Das Spiel wurde abgesagt, aber alle haben ihre Tickets aufbewahrt, um das Spiel „danach“ zu sehen, denn auch die Kiewer glaubten an einen Blitzkrieg. Doch die meisten Spieler von Dynamo Kiew fielen im Krieg. Sie wurden nicht evakuiert und mussten im Sommer 1942 mehrmals gegen Mannschaften der Wehrmacht antreten. Sie gewannen jedes Mal, trotz aller Drohungen.
Im August 1942 wurde die Mannschaft ins Konzentrationslager Syrez gebracht und erschossen – nur wenige Meter von der Schlucht von Babij Jar entfernt, in der bereits beinahe 100.000 Menschen lagen, vor allem Juden, Zigeuner, Behinderte und Kriegsgefangene – Einwohner der großen Stadt. Das Stadion wurde erst 1946 eröffnet. Am 22. Juni. Die meisten Kartenbesitzer hatten diese fünf Jahre nicht überlebt. Es war eine andere Welt.
Ein tragisches Erbe
Nach sowjetischem Kalender begann am 22. Juni 1941 der „Große Vaterländische Krieg“, ein Vernichtungskrieg, der kaum Überlebenschancen bot. Für mein Land ist dieses Datum ein unerschöpfliches, tragisches Erbe. Mit allen „wenn“, „trotz“ und „aber“ schuf dieser Krieg den gewaltigen existentiellen Mythos des „sowjetischen Volkes“, das eigentlich nur dank dieses Krieges zum „Volk“ wurde.
Meine Eltern hatten das Glück, Kiew rechtzeitig verlassen zu haben. Gewiss denke ich nicht jeden Tag daran, dass auch meine Existenz ein reines Wunder ist und dass dieses Empfinden mich mit einigen Millionen anderer Menschen der ehemaligen Sowjetunion verbindet. Dieses sehr private, beinahe sakrale Gefühl wurde in meiner Kindheit von der offiziellen Ideologie des Staates bestätigt und genährt: „Hauptsache, es gibt keinen Krieg!“ Diese Parole half durch den Alltag. Alle Nöte und Zwänge des sowjetischen Friedens waren nichts im Vergleich mit dem deutschen Krieg. Dies stimmte zwar, doch diese Wahrheit wurde ideologisch missbraucht und als staatliches Mittel der Unterdrückung genutzt. Bis heute kann ich beides nicht voneinander trennen. Bin ich also ein Produkt der sowjetischen Kriegspropaganda?
Die Nachbarn
Einen Großteil meiner Kiewer Kindheit verbrachte ich in einem neuen 14-stöckigen Wohnblock auf der linken Seite des Dnjepr, in einem Bezirk, der nach dem Krieg entstanden war und der keine Geschichte zu haben schien, sondern nur eine saubere Zukunft. Es war aber „niemand vergessen und nichts vergessen“, wie Olga Berggolz es in ihrem Kriegsgedicht formulierte, mit dem sie die eine Million Hungertoten der Leningrader Blockade ehrte. Diese Zeile wurde zum wichtigsten sowjetischen Erinnerungsslogan. Und so spielten wir Kinder im Hinterhof neben Gummitwist unaufhörlich Räuber und Gendarm: „die Unsrigen“ gegen „die Faschisten“, 45 Jahre nach dem Krieg.
In meinem Haus wohnte eine sehr schöne Frau mit ihrem Mann, einem Militärarzt, und ihrer mongoloiden Tochter. Die Frau war eines der Waisenkinder aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die Ende der dreißiger Jahre in die verbrüderte Sowjetunion gebracht worden waren. Drei Stockwerke tiefer wohnte die einsame alte Makarowna, ein deklassiertes ukrainisches Dorfmädchen, das als Kind die Kollektivierung überlebt hatte, nur um danach Eltern und Bräutigam im Krieg zu verlieren. Sie saß jahrelang mit Pantoffeln und dörflichem Kopftuch auf der Bank vor unserem Haus, angetrunken, aber dadurch nie fröhlich, halb wissend, ignorierte alle Entschädigungen und Wiedergutmachungen der Welt und verteilte Bonbons an uns Kinder. Es gab noch zwei Nachbarn, die 1941 geboren waren: Sergej, ein Kriegswaise aus Ossetien, und Wadim, der bei Partisanen in Polesje aufgewachsen war. Im anderen Flügel wohnte Boris Handros, ein redseliger Mann ohne Alter, der Einzige, der aus dem Massengrab hinausgelangt war, als alle Einwohner des kleinen jüdischen Städtchens von jung bis alt ermordet wurden. Erst viel später verstand ich, dass das große unheimliche Monster – wir nannten ihn den „Irren“ –, vor dem wir Mädchen uns im Hof immer erschreckt haben, der einzige Sohn des fragilen Boris war und damit der einzige Sprössling dieses verschwundenen Städtchens und seiner jüdischen Welt. Ich fragte mich nicht, „warum“. Ich fragte mich, ob wir alle – ja, ich meine damit das „sowjetische Volk“ –, ob wir alle wirklich den Krieg „überlebt“ hatten.
Der längste Tag der Geschichte
Der 22. Juni fiel auf einen Sonntag. Am Samstagabend feierten in der gesamten Sowjetunion alle Zehntklässler gleichzeitig und in ähnlicher Weise ihr Abschlussfest, von Kiew bis Wladiwostok: „Voran ins Erwachsenenleben!“ – eine sowjetische Kommunion. Als ich 1987 die Schule verließ, wurde das Fest noch genauso gefeiert wie 1941: Das ganze Jahr über wurde am Ballkleid genäht, man lernte Walzer tanzen, nur für diesen einen Abend. Man feierte den Ball, es gab ein Konzert, stundenlang wurden Gedichte rezitiert, und wir tranken den ersten erlaubten Alkohol – in der Schule! Wegen des 100. Todestages von Michail Lermontow im Sommer 1941 war das ganze Land in einem literarischen Wahn.
Man lernte seitenlange Gedichte in der Schule, überall hörte man Romanzen, es wurden Filme über Lermontow gedreht, einen bitteren Romantiker, der als Revolutionär galt, weil er den Sturm prophezeit hatte: „Das Segel lechzt nach Sturm und Wogen, / Als ob in Stürmen Ruhe wär.“ Die Zehntklässler Kiews gingen auf die Hügel der Stadt, um den ersten Sonnenaufgang ihres Lebens zu begrüßen, mit Gedichten auf den Lippen: „Der Dichter fiel!“ oder „Ich alleine mach mich auf die Reise“. Als die Schüler über den Dnjepr nach Osten schauten, kam der Donner hinter ihrem Rücken immer näher. Die kürzeste Nacht des Jahres war vorbei. Von den Jungen dieser Abschlussklassen, Geburtsjahrgang 1924, hat nur jeder Zehnte den Krieg überlebt.
Hier sei daran erinnert, dass diese Jungen meist als Kanonenfutter an die Front geschickt wurden, ohne Vorbereitung, Waffen und Munition. Hier sei daran erinnert, dass Stalin auch vor dem Krieg die eigenen Bürger vernichten ließ und in Polen längst einmarschiert war. Dass vor allem in der Ukraine Millionen von geschundenen, erschöpften Menschen auf die deutsche Besatzung warteten, in der Hoffnung, dass die Kolchosen aufgelöst würden und dass man nicht mehr den Klassenkampf, sondern sein eigenes kleines Leben würde führen können. Hier sei daran erinnert, dass in der Ukraine beinahe Bürgerkrieg herrschte. Und auch, dass die Armee hungerte und dass ein Befehl verbot, sich in der Schlacht auch nur einen Schritt zurückzuziehen. So wurden Millionen Soldaten eingekesselt und gefangen genommen. Wer die Gefangenschaft überlebte, landete im GULag. Aber es war ohnehin kaum möglich, sie zu überleben.
Im Radio verkündete Außenminister Wjatscheslaw Molotow, Ko-Autor des Nichtangriffspaktes, am Morgen des 22. Juni 1941: „Männer und Frauen, Bürger der Sowjetunion, heute Morgen um vier Uhr haben deutsche Soldaten ohne Kriegserklärung und ohne Forderungen gegenüber der Sowjetunion unser Land angegriffen.“ Am Morgen desselben 22. Juni erschien in der „Prawda“ eine ganzseitige Analyse des Gedichtes „Borodino“ von Lermontow über die Schlacht gegen Napoleon im Jahre 1812. Ein schicksalhafter Zufall: „Er sprach, und hell sein Auge flammte: / ,Es gilt die Stadt, die angestammte, / Moskau, des Landes Macht / Für Moskau stehen oder fallen!‘ / Laut ließen wir den Schwur erschallen, Gehalten ward der Schwur von allen / Bis ausgetobt die Schlacht.“ Diese Worte – so sagte man – hatten Ende 1941 die faschistischen Panzer gestoppt, kurz vor Moskau. Lermontows Verse verrieten bereits den Preis für den erhofften Sieg.
Die Verleugnung der Ostfront
Stalin versenkte Hitler im Blut der sowjetischen Menschen, seines eigenen Volkes. Keine Demokratie hätte es sich erlauben können, einen solchen Preis zu zahlen. Nur ein totalitärer Staat konnte Hitler besiegen.
„Als diese Männer jung waren, haben sie die Welt gerettet.“ Mit diesen Worten begrüßte Bill Clinton 1994 in der Normandie einige hundert rüstige Veteranen aus drei Ländern, die den D-Day feierten – Russen waren nicht eingeladen. Danach wurden die wahren Sieger über den Faschismus am Brandenburger Tor feierlich verabschiedet – nur die Soldaten der West-Alliierten, denn Helmut Kohl hatte entschieden, dass die falschen Sieger, die Besatzer, nur ganz nebenbei verabschiedet werden sollten, im hintersten Köpenick. Ein sturzbetrunkener Boris Jelzin dirigierte beim Abzug der Russen die Militärkapelle. Eine Farce für 27 Millionen Tote, „Helden zweiter Klasse“.
„Über das Böse siegen immer die Guten.“ „Das war ein Vernichtungskrieg, aber die Wehrmacht tat nur ihre Pflicht.“ „Stalin war ein Monster“ – doch neunzig Prozent der deutschen Verluste gingen auf das Konto der Roten Armee. Erst nach drei Jahren deutsch-sowjetischen Kriegs eröffneten die West-Alliierten die zweite Front. Dadurch haben die westlichen Demokratien Stalins Politik der geopferten Menschenmassen ermöglicht – und sind indirekt der Naziideologie der Vernichtung des „Untermenschen“ gefolgt. Ist das ein Kriegsverbrechen? Ein demokratisches? Will man sich deshalb nicht an die Ostfront erinnern? Gibt es für den Untermenschen eine Untererinnerung?
Ein unbekanntes Datum
Ich bin nach Berlin gekommen, weil es mir hier friedlicher zu sein schien als in meinem siegreichen Russland, das mit instrumentalisierten Siegessprüchen einen neuen Krieg rechtfertigte. Ich staune aber darüber, dass die „Mauer im Kopf“ immer noch an der Ostfront verläuft und die Risse des Kalten Krieges zeigt – im Schulunterricht, in der öffentlichen Debatte, bei Gedenkfeiern. Ich staune darüber, wie man die Helden des adligen Widerstands preist, die erst 1944 zu handeln begonnen hatten. Ich staunte beim Fest einer Großfamilie über einen deutschen Stammbaum mit 120 Menschen, von denen kein einziger zwischen 1939 und 1945 gestorben war – in meinem Land gibt es keine Familie ohne Kriegstote. Ich staunte bei Gesprächen in Schulklassen, dass die Schüler den Namen eines der „Sieger“-Länder nicht kannten. Ich staunte darüber, wie man sich so selbstverständlich an den Holocaust erinnert, aber dafür „unseren“ Krieg ausblendet.
Vielleicht ist es einfacher, ein unfassbares, aber eindeutiges Verbrechen zu akzeptieren, als sich mit der ideologischen Komplexität des deutsch-sowjetischen Kriegs abzumühen. Den Maßstab dieses Unwissens und dieser Verdrängung habe ich erst begriffen, als die zweite Wehrmachtsausstellung 2001 bis 2004 durch das Land rollte. Dabei gibt es nichts, das Russen und Deutsche stärker miteinander verbindet als diese „Blutsverwandtschaft“ aus dem Zweiten Weltkrieg.
An einem der schon vielen 22. Juni des 21. Jahrhunderts hat eine russische Freundin von mir einen deutschen Mann geheiratet, in Berlin im Viktoriapark. Nur wenige Gäste erkannten das Datum.
Ukraine, geschundenes Land
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 22.06.2011, 17:35 Uhr
Ein sehr guter
Christian Roigk (Dubai1)
- 22.06.2011, 18:28 Uhr
Wie lange noch
Ben Wagner (Zarathustra80)
- 22.06.2011, 18:29 Uhr
„Nach sowjetischem Kalender begann am 22. Juni 1941... ein Vernichtungskrieg...“
Stefan Wahowski (Wahowski)
- 22.06.2011, 18:48 Uhr
Ein notwendiger Blick aus einer anderen Perspektive
Thomas Albrecht (Unlettore)
- 22.06.2011, 19:44 Uhr