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Todes-Fatwa : Molly Norris gibt es nicht mehr

Als diese Selbstbeschreibung erschien, gab es die Karikaturistin Molly Norris noch. Inzwischen fehlt von ihr jede Spur. Bild: Archiv

Sie hat ihre Existenz aufgegeben, weil der jemenitisch-amerikanische Hassprediger Anwar al Aulaqi gegen sie eine Todes-Fatwa erlassen hat. Jetzt lebt die Cartoonistin Molly Norris unter einem anderem Namen an einem unbekanntem Ort.

          Ist es Schockstarre, Lethargie oder Verdrängung? In Seattle im Bundesstaat Washington ist seit der vergangenen Woche die Karikaturistin Molly Norris verschwunden. Es werden nicht nur ihre Arbeiten in der alternativen Wochenzeitschrift „Seattle Weekly“ nicht mehr gedruckt. Molly Norris gibt es nicht mehr, buchstäblich: Eine Frau dieses Namens hat aufgehört zu existieren. Andernfalls hätte sie mit ihrer Ermordung rechnen müssen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die Ungeheuerlichkeit und Beispiellosigkeit des Vorgangs trifft die amerikanische Öffentlichkeit offenbar unvorbereitet. Die Medien berichten über das Verschwinden der Karikaturistin, aber aus vielen Kommentaren spricht Hilflosigkeit angesichts eines zuvor unvorstellbaren Geschehens. Ihre örtlichen Fans haben eine Vermisstenanzeige für Molly und die Meinungs- und Redefreiheit aufgegeben.

          Der Hassprediger zieht die Strippen

          Molly Norris hatte Ende April in der „Seattle Weekly“ einen Cartoon mit der Darstellung des Propheten veröffentlicht und den 20. Mai 2010 zum Tag erklärt, an dem alle Welt Mohammed zeichnen solle. Mit dem ironischen Aufruf hatte sie auf einen Streit um die Zeichentrickserie „South Park“ von Comedy Central reagiert. Darin war der Prophet (vermeintlich) in einem Bärenkostüm dargestellt worden, woraufhin die Produzenten Drohungen erhalten hatten. Die Aktion von Molly Norris fand Verbreitung im Internet, auf einer Facebook-Seite äußerten sich Befürworter und Gegner der Idee.

          Auch der jemenitisch-amerikanische Hassprediger Anwar al Aulaqi bekam von der Sache Wind. Man nennt den 1971 in Las Cruces im Bundesstaat New Mexico geborenen hochgewachsenen Mann nicht umsonst den „Bin Ladin des Internets“. Aulaqi stammt aus einer angesehenen jemenitischen Familie. Der Vater Nasser al Aulaqi arbeitet im Auftrag der jemenitischen Regierung in Amerika, als Anwar al Aulaqi im Südweststaat New Mexico geboren und damit auch amerikanischer Staatsbürger wird. Die Familie kehrt 1978 in den Jemen zurück, dort wird Nasser al Aulaqi Landwirtschaftsminister und später Rektor der Universität in der Hauptstadt Sanaa.

          1988 erhält Anwar al Aulaqi seinen ersten amerikanischen Pass. 1990 kehrt er zum Studium in die Vereinigten Staaten zurück, allerdings mit seinem jemenitischen Pass und einem Visum für Austauschstudenten. An der Colorado State University studiert er mit einem jemenitischen Stipendium und schließt 1994 als Diplomingenieur ab. 1996 zieht Aulaqi nach San Diego in Kalifornien, wo er Imam an einer Moschee wird, obwohl er in islamischer Theologie nur Autodidakt ist. Zudem nimmt er an der Universität in San Diego ein Studium in Pädagogik auf.

          Eng mit dem Leben im Westen vertraut

          Die amerikanische Bundespolizei FBI wird in dieser Zeit erstmals auf Aulaqi aufmerksam, weil er Verbindungen zu radikalen islamischen Organisationen unterhält, die das Terrornetz Al Qaida unterstützen. In San Diego und später in Washington kommen drei der späteren Attentäter der Anschläge vom 11. September 2001 zu ihm in die Moschee: Khalid al Midhar, Nawaf al Hazmi und Hani Handschur. Manche Terrorismus-Fachleute sind überzeugt, Aulaqi habe frühzeitig Kenntnis von den Anschlägen gehabt.

          Nach gut einjährigem Aufenthalt in Washington folgt Ende 2002 die Übersiedlung nach London. Bis Ende 2003 predigt er in Moscheen und muslimischen Gemeindehäusern in verschiedenen Städten Großbritanniens. Dank seiner ausgezeichneten Englischkenntnisse und weil er mit dem Leben im Westen eng vertraut ist, sammelt er eine wachsende Gefolgschaft unter jungen radikalen Muslimen. Anfang 2004 kehrt Aulaqi in den Jemen zurück, ist dort an der Imam-Universität in Sanaa tätig.

          Mitte 2006 wird er wegen mutmaßlicher Unterstützung terroristischer Organisationen festgenommen und bis Ende 2007 festgehalten. Nach seiner Freilassung verliert sich die Spur Aulaqis in der Südprovinz Schabwa, wo er mit seiner Frau und fünf Kindern unter dem Schutz des einflussreichen Stammes der Aulaqi lebt. Er gilt bald als geistlicher Wortführer von „Al Qaida der Arabischen Halbinsel“, dessen Stimme dank Verbreitung im Internet in aller Welt gehört wird.

          Das Weiße Haus gegen den Staatsfeind Aulaqi

          Aulaqi ist nach Ansicht der amerikanischen Behörden der gefährlichste Anstifter des „homegrown terrorism“ in Amerika und in anderen westlichen Staaten, weil radikalisierte junge Muslime dort auf sein Mordkommando hören. Im Frühjahr autorisierte das Weiße Haus deshalb den Auslandsgeheimdienst CIA, den Staatsfeind Aulaqi mit gezielten Schlägen zu töten, wogegen amerikanische Menschenrechtsorganisationen Klage erhoben haben.

          Im Juli veröffentlichte Aulaqi einen Aufruf, wonach Molly Norris „das wichtigste Ziel für einen Mordanschlag“ sei, weil sie „den Propheten des Islams hasst und der Lächerlichkeit preisgibt“. Die amerikanische Bundespolizei FBI hat die Warnungen so ernst genommen, dass sie Norris dringend geraten hat, die Wohnung zu wechseln, ihren Namen zu ändern und ihre alte Identität auszulöschen. „Sie ist praktisch in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden, allerdings ohne dass die Regierung die Rechnungen zahlt“, heißt es in der Meldung zum Abschied von Molly Norris in der „Seattle Weekly“. Man muss den Namen Molly Norris nun in einem Atemzug mit jenen von Theo van Gogh, Lars Vilks und Kurt Westergaard nennen, besser herausschreien. Nur dass es keine Frau mehr gibt, die aus Angst um ihr Leben diesen ihren Namen noch tragen kann.

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