17.03.2010 · „Double Falshood or The Distrest Lovers“ heißt das Verwechslungsdrama, das ein Bearbeiter schon 1727 als ein Werk des großen Shakespeare ausgab. Niemand glaubte ihm. Jetzt ist bewiesen: Der Mann hatte Recht.
Von Gina Thomas, LondonAls der Literat Lewis Theobald im Jahr 1727 ein tragikomisches Stück, das im damaligen Englisch den Titel „Double Falshood or The Distrest Lovers“ (Doppelte Falschheit oder Die verzweifelten Liebenden) trug, als Bearbeitung einer Vorlage von Shakespeare ausgab, wurde er als Fälscher verschmäht. Theobald behauptete, seine Neufassung des verlorenen Shakespeare-Dramas anhand von drei Manuskripten aus der Restaurationszeit erstellt zu haben. Womöglich wäre die Rezeption des Stückes anders ausgefallen, hätte sich Theobald nicht mit dem einflussreichen Dichter Alexander Pope angelegt. Dieser rächte sich für Theobalds Kritik an seiner 1725 erschienenen Shakespeare-Edition, spitzte seine satirische Feder und überschüttete den Autor mit Hohn und Spott.
Die neuere Shakespeare-Forschung tendiert jedoch dazu, Theobald zu glauben. Nun hat die wissenschaftlich angesehene Arden Edition, die 1899 mit der kommentierten Herausgabe der kompletten Werke Shakespeares begann, das Werk sogar in den Kanon aufgenommen. Dieser Tage erscheint die in zehnjähriger Forschungarbeit von Brean Hammond, Anglistikprofessor der Universität Nottingham, zusammengestellte Edition des seit zweihundertundfünfzig Jahren nicht wieder aufgelegten burlesken Verwechslungsdramas „Double Falsehood“. Sie wird als Beweis für die Mitwirkung Shakespeares an dem ursprünglichen Werk angepriesen.
Des Meisters Kooperation mit einem Herrn Fletcher
Quellen belegen, dass Shakespeares Schauspieltruppe in Anwesenheit des Botschafters des Herzogs von Savoyen am 20. Mai 1613 ein inzwischen verschollenes Stück am Hofe aufführte. Es hieß wahrscheinlich „The History of Cardenio“ und basierte auf einer Episode aus dem „Don Quijote“, der ein Jahr zuvor in englischer Übersetzung erschienen war. Sicher ist der 1653 datierte Eintrag, der ein Drama dieses Namens der Herren Fletcher und Shakespeare im Register der das Urheberrecht regulierenden Gilde zum Druck anmeldet. „Cardenio“ gehört somit zu den Stücken, die Shakespeare zusammen mit dem Dramatiker John Fletcher verfasst haben soll: zum Beispiel auch „Heinrich VIII.“ und „The two Noble Kinsemen“.
Seit Jahren führt William Shakespeare die Liste der meistgespielten Dramatiker in Deutschland an. Neu ist, dass es dieses Jahr nicht eine einzige Komödie gibt, dafür aber gleich mehrfach die blutigsten Tragödien. Wie dabei mit Shakespeares Themen umgegangen wird, ist unterschiedlich.
Brean Hammond führt neue Beweise an, basierend auf der Analyse des Wortschatzes, des Versbaus und der Bildersprache von Fletcher und Shakespeare. Diese Vergleiche haben ihn davon überzeugt, dass die „Spuren von Shakespeares DNS“ in Theobalds Bearbeitung zu finden seien. Er glaubt, die von Theobald erwähnten Manuskripte bis 1770 nach Covent Garden zurückverfolgen zu können, wo sie jedoch 1808 bei einem Feuer zerstört wurden. Die Royal Shakespeare Company plant für das Jahr 2011 die Aufführung einer zusammen mit Cervantes-Kennern rekonstruierten Fassung von „Double Falsehood“.