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Suhrkamps Standortfrage Deutsche Dichter wohnen überall

25.02.2009 ·  Klar, wenn man sagt, hey, wir sind ein Verlag, wir gehen dahin, wo die Bücher geschrieben werden, dorthin, wo die Dichter wohnen, liegt man mit Berlin auf jeden Fall nicht falsch. Aber mit diesem Argument könnte Suhrkamp auch nach Bochum ziehen.

Von Volker Weidermann
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Meist sind es ja eher unauffällige Leute, gehen tagsüber nicht viel raus, manche rauchen, manche nicht; wohnen sie in Köln, feiern sie gern, wohnen sie im Knüllgebirge oder an der Nordsee, sind sie oft auch gern allein. Schriftsteller sind ein mobiles, eigenwilliges, eher heterogenes Grüppchen. Sie sind überall, auch in Ihrer Stadt. Oh - und natürlich wohnen sehr viele von ihnen in Berlin. Wie ja auch sonst sehr viele Leute hier wohnen. Studenten zum Beispiel, oder Schreiner. Architekten, Webdesigner, Kleinkinder, die Bundeskanzlerin, überhaupt viele Politiker, Schuster, Verkäuferinnen, Rentner. Sie glauben gar nicht, was hier los ist. Und, klar, wenn man sagt, hey, wir sind ein Verlag, wir gehen dahin, wo die Bücher geschrieben werden, dorthin, wo die Dichter wohnen, liegt man mit Berlin auf jeden Fall nicht falsch. Aber es würde da eben auch noch ein paar andere Möglichkeiten geben.

In dem zu Suhrkamp gehörenden Insel-Verlag ist in diesen Tagen der sogenannte „Literarische Führer Deutschland“ erschienen. Der erste gesamtdeutsche Literaturführer nach der Wende. Das Buch ist 1469 Seiten dick, und allein das Ortsregister umfasst 38 Seiten mit mehr als 5000 Orten. Von Aachen, Aalen, Abbenburg über Finsterwalde, Guntersblum, Hürtgenwald, Ichenhausen, Malchow, Schlachters bis zu Zwingenberg, Zwönitz und Zwota. Geschrieben wurde schon immer vor allem überall. Der Führer listet hauptsächlich tote Dichter auf.

Manchmal kommt man gar nicht hinterher mit der Wohnortbestimmung

Kat Menschik hat für uns die Wohnorte der lebenden deutschen Schriftsteller auf einer Karte verzeichnet. Und, ja, auch hier ergibt sich also ein Berlin-Schwerpunkt. Neben eben all den anderen Schwerpunkten. Freiburg zum Beispiel, Heimstadt der neuen Freiburger Schule, gebildet von den beiden Neu-Lieblingen der Verlegerin, Dietmar Dath und Uwe Tellkamp. Oder München, wo quasi der Kern des Suhrkamp-Stiftungsrats seit vielen Jahren residiert, Alexander Kluge und Hans Magnus Enzensberger. Dann die vielen deutschsprachigen Welt-Schriftsteller, die auf unserer Karte nur am Rande vorkommen. Am weitesten entfernt wohnt in Buenos Aires aktuell wohl Christian Kracht, dicht gefolgt von Martin Suter, der neben Ibiza auch Guatemala als Wohnort angibt, was jetzt zu der These führen könnte, dass vor allem Schweizer die fernsten Fernen suchen.

Bei einigen besonders rastlosen Dichtern kommt man manchmal auch gar nicht hinterher mit der Wohnortbestimmung. Lebt der Wanderdichter Ransmayr, der ohnehin zehn Monate im Jahr zu Fuß in der Welt unterwegs ist, nun während der anderen zwei Monate des Jahres immer noch in Cork, oder ist er nicht längst zurück nach Wien gezogen? Lebt Genazino jetzt in Heidelberg oder Frankfurt, oder war das nicht immer schon Mannheim? Ist die dänische Insel Fünen, auf der Siegfried Lenz lebt, von unserer Karte gefallen? Und wer wohnt am einsamsten? Georg Klein in Bunde in Ostfriesland? Botho Strauß in der Uckermark? Karen Duve auf dem leeren Land bei Brunsbüttel? Oder ist sie mit ihrem kleinen Tierpark nicht längst aufs Brandenburger Land gezogen? Was macht Helmut Krausser in Rom? Gregor Hens in Ohio? Rafik Schami in Kirchheimbolanden? Und warum können sie sich nicht einfach auf eine gemeinsame Stadt einigen? Auf dass auch Suhrkamp endlich zur Ruhe kommt.

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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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