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Suhrkamps Erbe Den Rest gegeben?

23.09.2010 ·  Suhrkamp in Frankfurt ist Geschichte: Der Verlagssitz in der Lindenstraße wird eine Nobelwohnanlage. Fürs Leerräumen hat man noch einmal in die Trickkiste gegriffen: Der Versandbuchhändler Zweitausendeins spielt den Entrümpler.

Von Hannes Hintermeier
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Seit Jahresanfang sagt Suhrkamp: Ich bin ein Berliner. Das Archiv ist nach Marbach umgezogen, das Verlagsgebäude in der Frankfurter Lindenstraße verkauft. Nun wartet das Haus auf seinen Abriss. An seiner Stelle sollen in teuerster Westend-Lage - 2300 Euro kostet der Quadratmeter Boden in dieser Gegend - siebzehn Luxuswohnungen entstehen. So hat es Projektentwickler Erkin Köksal verkündet, so hat es Architekt Karl Richter geplant. Bei der derzeitigen Kaufkraftflucht in Sachwerte dürfte es kein Problem werden, die Wohnungen an den Mann zu bringen.

Und einmal mehr ist es im Zuge dieser Flurbereinigung dem pfiffigen Verlagsteam gelungen, dem Altpapier ein Schnippchen, besser gesagt: ein Schnäppchen zu schlagen. Das ganze Haus war von unten bis oben voll mit Büchern. Sechs Etagen. Und beileibe nicht alles wanderte nach Marbach. Stattdessen findet es jetzt den Weg auf die billige Resterampe - in die Filialen von Zweitausendeins.

Klassiker auf die Resterampe geschoben

„Suhrkamp hat uns den Rest gegeben!“, tönte der Versender am heutigen Mittwoch vollmundig. In bester Manufactum-Ankündigungsprosa wird da geschwärmt von „verwaisten Neuerscheinungen“, werden „vereinsamte Bücher aus dem Archiv“ und „heimatlose Titel aus dem Handlager“ besungen. Manche Bücher trügen Lektoratskorrekturen („Hier vielleicht noch eine Fußnote mehr?“), in anderen habe die Herstellung „rüde rumgemalt („Hurenkind!“)“, wieder andere seien „gestempelt ('Archiv Verkauf')“ oder trügen Lesespuren. Einige seien gar „jahrzehntelang in Dunkelheit gehalten“ worden. Neben den Verlagsklassikern Allende, Brecht, Frisch und Hesse seien „Kuriositäten und allerlei vergessene Schönheiten“ dabei.

So kann man es natürlich auch machen. Entrümpeln lassen und das ganze auf dem kommerziellen Flohmarkt einer Zweitnutzung zuführen. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Chuzpe von Suhrkamp oder das Ein-Euro-Laden-Marketing von Zweitausendeins, das in dem Satz gipfelt: „Das allermeiste sind jedoch einfach kaum oder gar nicht benutzte Bücher aus 60 Jahren Suhrkamp-Verlagsgeschichte, die ein neues Zuhause brauchen.“

Darf's ein bisschen mehr sein?

Man hört sie förmlich wimmern, die Bücher: Hilfe, wer will mich? Um welche Titel es sich konkret handelt, wird man bei der Lockvogelaktion erst im Laden sehen. Richtet sich der Preis am Ende nach Inhaltseinwaage - das Pfund Allende billiger als hundertfünfzig Gramm Brecht?

Zweitausendeins ist auch nicht mehr, was es war. Der Anspruch des Hauses in Sachen editorischer Großprojekte hat stark nachgelassen - löbliche aktuelle Ausnahme: die Ausgabe der Sämtlichen Tagebücher von Samuel Pepys, die bei den Verlagen Haffmans & Tolkemitt erscheinen und über Zweitausendeins vertrieben werden.

Die seligen „Merkheft“-Zeiten verblassen, der Bücherhort der Gegenkultur ist ins Straucheln geraten nach einem Besitzerwechsel. Dann folgten Entlassungen und die allfällige „Umstrukturierung“. Suhrkamp ist immerhin dabei, sich - wie man heute zu sagen pflegt - „neu zu erfinden“. Das möge Zweitausendeins auch gelingen. Sonst heißt es am Ende, erst sei die Suhrkamp-Kultur gestorben und dann ihre Wirtstiere.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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