12.02.2009 · Nach seinem Umzug wird der Suhrkamp Verlag sein neues Domizil wohl nicht für sich allein haben. Wie nun bekannt wurde, hat der ehemalige Direktor des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin dort ein lebenslanges Wohnrecht.
Von Mechthild Küpper, BerlinDie Entscheidung der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, mit dem Suhrkamp-Verlag von Frankfurt nach Berlin zu ziehen, ist von allen Seiten kommentiert, das neue Berliner Domizil an der Brüderstraße 13 ausgiebig beschrieben worden. Nicht erörtert wurde, wie die Umzugspläne sich auf die dort lebenden Mieter auswirken. Im Juni 2007 bereiste der Kulturausschuss des Abgeordntenhauses die vielen Standorte des Berliner Stadtmuseums, darunter auch das barocke Nicolaihaus an der Brüderstraße, in dem die Bibliothek untergebracht war. Damals hieß es, im Seitenflügel der äußerst pittoresken Anlage habe sich der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin Wohnrecht ausbedungen. Der 1983 auf den Posten des Generaldirektors der berühmten (damals Ost-)Berliner Museen berufene und 1998 in Ehren pensionierte Günter Schade ist heute 76 Jahre alt. Er wohne immer noch mit seiner Frau im Nicolaihaus, hieß es aus dem Stadtmuseum. Mehr wisse man nicht, man gebe den Standort ja schließlich ab.
In der Senatskanzlei, wo der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zugleich Kultursenator ist, weiß man mehr: Ja, die Schades wohnten dort mit einem unbefristeten Mietvertrag, und das sei in der Verlagszentrale in Frankfurt durchaus bekannt. Günter Schade wird als konziliant und liebenswürdig beschrieben. Wie viele, die ihr Berufsleben in der DDR begannen, hat auch er ursprünglich ein Handwerk gelernt, bevor er Kunsthistoriker wurde: Er ist ausgebildeter Möbeltischler, und das durchaus mit anhaltender Leidenschaft.
Nicht Günter, sondern Werner Schade
Doch nicht Günter Schade wohnt, wie allgemein angenommen, im Nicolaihaus, sondern sein Namensvetter Werner Schade. Auch er ist Kunsthistoriker. Er war Direktor des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin (damals in Ost-Berlin) - das jedenfalls erläutert liebenswürdig Günter Schade am Telefon. In der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Suhrkamp-Verlags in Frankfurt endet jedoch vorläufig die Frage danach, ob der Verlag in seiner Berliner Repräsentanz mit einem Mieter beginnen wird: Ihre Leiterin Tanja Postpischil erläutert geduldig, das Nicolaihaus sei nur eine von mehreren Immobilien, die die Stadt Berlin dem Verlag angeboten hat. Von einem Mieter wisse man in der Pressestelle nichts. Doch da nicht einmal die Entscheidung für das Nicolaihaus als künftigem Verlagssitz gefallen sei, könne man gegenwärtig auch nichts zum möglicherweise gedeihlichen Zusammenleben mit Mietern sagen.
„Wohnen ist ernst zu nehmen“, heißt es in einem Text von Werner Schade, „ist ernst zu nehmen und ohne Umwege anzugehen.“ Schade würdigte am 3. August 2000 in dieser Zeitung den Einzug des Berliner Stadtmuseums ins - Nicolaihaus. Ausgerechnet eine offenbar gründlich misslungene Ausstellung übers Wohnen war zu besprechen: „Am Ende wird aus den Beispielen des Wohnens ungewollt eine Dokumentation des Verzweifelns am Wohnen.“ In Schades Ausstellungskritik von damals findet sich eine Beschreibung des Nicolaihauses, die Ulla Unseld-Berkéwicz möglicherweise bei der Entscheidung helfen kann, das alte Haus von Friedrich Nicolai zu ihrem neuen Verlagshaus zu machen: „Was gut am vorhandenen Bau war“, zählt der Insider Schade auf: „Flur, Treppenhaus mit gemessenen Absätzen, Stufen (etwas steil), Türen, Fenster blieben unangetastet. Klare Schrittfolgen, reiche Lichtbahnen bestimmen Verkehrswege und Festsaalreihung zur Straßenfront hin. Die Wohnräume sind in die schmalen Seitenflügel gedrückt, die Gästezimmer ins obere Geschoss an der Straße.“
Bis 1991 war Schade, der übrigens im nächsten Monat seinen 75. Geburtstag feiert, Direktor des Kupferstichkabinetts. Im Jahr 1992 wurde er Direktor der Anhaltischen Galerie in Dessau - und ist bis heute ein in der Fachwelt geschätzter Kritiker. Jedenfalls ist seine Ausstellungskritik übers Wohnen nur einer von vielen Artikeln. 1994 gratulierte Eduard Beaucamp ihm zum Sechzigsten. Schade gehöre „zu den subtilen Kennern der graphischen Künste“, schrieb der Kunstkritiker damals: „Seine Texte über Zeichner und Zeichnungen sind von seltener Genauigkeit, Einfühlsamkeit und Kennerschaft.“