Home
http://www.faz.net/-grb-11y8q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Suhrkamp-Verlegerin Unseld-Berkéwicz „Wir planen den Umzug zur Jahreswende“

07.02.2009 ·  Es ist entschieden: Der Suhrkamp Verlag geht nach Berlin. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ihre konkreten Zukunftspläne und die Gründe, die sie zum Umzug in die Hauptstadt bewogen haben.

Von Felicitas von Lovenberg
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (10)

Seit Wochen wird über die Umzugspläne des Suhrkamp Verlags nach Berlin spekuliert. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ihre konkreten Zukunftspläne und die Gründe, die sie zum Umzug in die Hauptstadt bewogen haben.

Suhrkamp geht nach Berlin. Ist dies das Ende des Verlags, wie wir ihn kennen?

Im Gegenteil. Die „alte“ und die „neue“ Suhrkamp-Kultur sollen zu einer Synthese geführt werden, die Kultur der Bonner Republik und die Kultur der Berliner Republik. Wir gehen ja nicht nach Abu Dhabi, sondern in die Hauptstadt. Eine bessere Operationsbasis als Berlin, diese Schnittstelle von Ost und West, lässt sich für den Verlag nicht denken.

Was versprechen Sie sich von dem Umzug? Braucht der Verlag neue Impulse?

Der Verlag braucht nicht nur Impulse, er produziert sie auch. Wo viel ist und wo viele sind, die viel wollen, kann auch viel bewegt werden. Dass das in Berlin gegeben ist, liegt auf der Hand. Außerdem leben viele unserer deutschsprachigen Autoren in Berlin, und auch mancher unserer ausländischen Autoren ist vorübergehend oder ganz dorthin gezogen. Und dann ist da der Osten mit seinen Autoren. Von Berlin bis Moskau kommt er nach den demütigenden Zeiten der Verarbeitung der Systemniederlage, des Versuchs der Biographienauslöschung und der Benachteiligungen innerhalb der Einheit endlich wieder zu Wort. Der Verlag ist im Hinblick auf die rein literarische Repräsentanz des Ostens im Programm traditionell und auch neuerdings mehr als günstig positioniert.

Sie sind bereits heftig für die Umzugsidee kritisiert worden: Der Ortswechsel nach Berlin bedeute das Ende der Ära Suhrkamp und verstoße gegen Siegfried Unselds Vermächtnis.

Solche Kommentierungen sind nicht neu. Das ist ein Gewohnheitsrecht der Öffentlichkeit, die diesen Verlag als volkseigen betrachtet. Schon Siegfried Unseld war immer wieder erstaunt, was man sich ihm gegenüber herausgenommen hat.

Eine Dependance haben Sie ja schon länger in Berlin. Aber warum muss jetzt der ganze Verlag umziehen? Was genau sucht Suhrkamp dort?

Bis 1933 war Berlin die große deutsche Verlagsstadt. Jetzt macht Berlin da weiter, wo es damals zwangsweise aufhören musste. Und jetzt kehrt der Verlag, den viele für den bedeutendsten halten, dorthin zurück. Am 18. März 2002 schrieb Siegfried Unseld im Zusammenhang mit den damaligen Umzugsgedanken des Feuilletons dieser Zeitung an Ihren Herausgeber Frank Schirrmacher: „Was Berlin heute vielleicht noch nicht ist, wird es in Zukunft werden: der entscheidende Mittelpunkt deutscher Kultur in allen Bereichen.“ Und er schrieb damals: „Ich kann Ihnen gestehen, dass auch ich mir überlegt habe, ob ich mit dem Suhrkamp Verlag einen Umzug wagen sollte.“

Warum ist denn der Verlag dann nicht schon damals umgezogen?

Weil Berlin damals noch nicht war, was es heute geworden ist. Nachdem die erste Testphase abgeschlossen ist, können wir die „Idee Berlin“ nun selber mitformen und mitprägen. Jetzt ist der richtige Moment, das Angebot der Stadt anzunehmen.

Was kann Berlin dem Verlag denn bieten, was es in Frankfurt nicht gibt?

Je weniger ortsgebunden Kulturleben und Wirtschaft werden, desto wichtiger werden paradoxerweise die Orte, an denen man genau das begriffen hat. Berlin ist so ein Ort: Die Verwaltung, die Kulturträger, die Intelligenz, die Menschen dieser Stadt haben verstanden, dass Lokalpatriotismus alleine nicht genügt, sich zu behaupten, zu entfalten und zu wachsen. Darüber hinaus politisiert sich die Lage bis tief ins Kulturleben momentan stärker als je seit den sechziger Jahren; auch das geht wesentlich von Berlin aus. In den Sechzigern war Suhrkamp bei solchen Prozessen mit tonangebend; es gibt keinen Grund, warum das nicht wieder geschehen kann.

Offenbar hat Berlin Ihnen regelrecht den roten Teppich ausgerollt. Hat die Stadt Frankfurt sich nicht vehement genug für den Verbleib Suhrkamps eingesetzt?

Doch, Frankfurt hat sich eingesetzt, und Suhrkamp geht Frankfurt nicht verloren. Es handelt sich ja aber bei dieser Entscheidung um eine programmatische, politische und wirtschaftliche, nicht um eine unglückliche Dreiecksliebe. Nachdem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit uns vor drei Jahren ein erstes Angebot gemacht hatte, hielt sein Kulturstaatssekretär auf feine, kluge Weise den Kontakt und machte das Angebot der Stadt just zu einer Zeit konkret, da gegen den Verlag und mich eine schrille öffentliche Diffamierungskampagne stattfand, zuverlässig begleitet von Hämeausbrüchen in den Medien. So fielen die Solidaritätszeichen Berlins besonders ins Gewicht. Wir wollen aber dem großen Wunsch der Stadt Frankfurt und ihrer Bürger nachkommen und in der Klettenbergstraße, im Siegfried Unseld Haus, einen Standort West einrichten, also eine Dependance, die eine Kontinuität Suhrkamps in Frankfurt sichert. So kehren wir jetzt zur ursprünglichen Firmierung Peter Suhrkamps zurück: „Berlin und Frankfurt am Main“. Und die Sitze unserer drei Stiftungen, der Peter Suhrkamp Stiftung, der Siegfried Unseld Stiftung und der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, werden sowieso in Frankfurt bleiben.

Geht der Verlag geschlossen, also mit Insel und dem Deutschen Klassiker Verlag, dem Verlag der Weltreligionen und dem Jüdischen Verlag, nach Berlin?

Das ist noch nicht endgültig entschieden. Der Hauptteil des Verlags wird wohl nach Berlin gehen. Aber wir behalten auf jeden Fall eine Dependance in Frankfurt.

Ein solcher Ortswechsel ist nur mit der Zustimmung aller Gesellschafter möglich. Heißt das, der Rechtsstreit mit Hans Barlach, der 2006 über die Medienholding AG Winterthur Suhrkamp-Anteilseigner wurde, ist beigelegt?

Wir konnten das Berliner Angebot erst jetzt prüfen und entscheiden, da wir uns seit Juli vergangenen Jahres in Vergleichsverhandlungen mit der Medienholding AG Winterthur befanden, die nun, da diese auf unsere Vergleichsbedingungen eingegangen ist, ihren Abschluss gefunden haben. Der Vergleich sieht unter anderem vor, dass die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung ein zeitlich befristetes Übernahmerecht an den Anteilen der Medienholding AG Winterthur an den Verlagen Suhrkamp und Insel hat.

Eine solche Einigung schien angesichts der Äußerungen von Hans Barlach lange Zeit recht unwahrscheinlich.

Der Vorstand der Medienholding AG Winterthur ist ausgetauscht worden. Unser Verhandlungspartner ist der Vorstandsvorsitzende Dr. Hartmut Dietrich.

Gibt es schon einen konkreten Umzugstermin?

Wir planen den Umzug zur Jahreswende. So wird der Verlag in seinem sechzigsten Jahr wieder dorthin zurückkehren, von wo er ausgegangen ist. Neulich hat Alexander Kluge den Verlag als Arche Noah bezeichnet. Das hat mir gefallen. Die Evolution, das Neue, die Fortentwicklung im Archebauch aber ist längst geschehen, wir haben uns auf der Basis unserer Tradition neu erfunden.

Was erhoffen Sie sich persönlich von dem Umzug? Fühlen Sie sich jetzt, nachdem die Entscheidung gefallen ist, eher wehmütig oder befreit?

Wehmut und Befreiung sind Empfindungen, die Rückblicke begleiten. Der Blick ist nach vorn gerichtet; die wehmütigen und befreiten Stimmungen werden dabei die nötige Feinfühligkeit in den Prozess einspeisen, um die alten Schätze zu ehren, statt zu vergessen.

Was werden Sie am meisten an Frankfurt vermissen?

Das ist eine Frauenfrage, danke schön, die tut gut. 1. Die Häuser und die Wege, in denen und auf denen ich seit 27 Jahren Tag für Tag mein Leben verbringe, 21 davon mit Siegfried Unseld. 2. Die „Wielandstubb“, die es längst nicht mehr gibt.

Das Interview in voller Länge lesen Sie im Feuilleton der F.A.Z. vom 07.02.2009.

Darin: Die Reaktionen der Mitarbeiter - wie sehr muss Suhrkamp sparen?

Der Suhrkamp-Verlag

Peter Suhrkamp gründete den Verlag 1950 in Berlin. Nach dessen Tod 1959 übernahm Siegfried Unseld die Leitung des inzwischen in Frankfurt ansässigen Verlags. 1963 kam der Insel-Verlag hinzu. Nach Siegfried Unselds Tod 2002 wurde seine Frau Ulla Unseld-Berkéwicz Geschäftsführerin. Zu Suhrkamp gehören der Insel Verlag, der Deutsche Klassiker Verlag, der Theaterverlag, der Jüdische Verlag und der Verlag der Weltreligionen.

Das Gespräch führte Felicitas von Lovenberg.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

Jüngste Beiträge