16.05.2009 · Suhrkamp geht ans Eingemachte: Der Verlag erwägt nach F.A.Z.-Informationen im Zusammenhang mit dem Umzug nach Berlin den Verkauf seiner Archive. Das wäre ein großer ideller Verlust für die Stadt und ihre Universität.
Von Felicitas von LovenbergDas vielleicht wichtigste Werk des an relevanten und aufschlussreichen Werken so reichen Suhrkamp Verlags ist nie erschienen, wird aber in der Frankfurter Lindenstraße gut verwahrt: die Verlagschronik. Tag für Tag, über mehr als vier Jahrzehnte hinweg, hat Siegfried Unseld alles Wichtige festgehalten, was seine beiden Häuser Suhrkamp und Insel betraf. Eines Tages hätten diese Aufzeichnungen die Grundlage seiner Autobiographie bilden können. Heute sind sie Manifest und Vermächtnis des einflussreichsten deutschen Verlegers des zwanzigsten Jahrhunderts - und Herz eines gigantischen, noch weitestgehend ungehobenen Archivschatzes von einzigartigem geistesgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Rang. Sein künftiger Verbleib ist nicht nur für die Forschung von Interesse, sondern geht ein ganzes Land an.
Der einzige Ort in Frankfurt, wo man dieses Interesse nicht so recht verstehen kann, ist der Flur der Geschäftsleitung von Suhrkamp. Seitdem die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz den Umzug des Verlags nach Berlin zum Beginn nächsten Jahres verkündet hat (siehe Interview: Ulla Unseld-Berkéwicz erklärt die Zukunft des Suhrkamp Verlags), erscheint ihr Haus mehr denn je als Wahrzeichen in einer Schneekugel, ohne dass man genau zu sagen wüsste, ob ständig an ihr gerüttelt und geschüttelt wird, oder ob die Schneeladungen wie bei Frau Holle dort überhaupt erst aufgewirbelt werden. Kaum kam die Nachricht, dass der für die Mitarbeiter sehr erfreulich ausgefallene und damit für Suhrkamp nicht eben billige Sozialplan unterschrieben ist, machte auch schon das Gerücht die Runde, dass das designierte neue Verlagsdomizil, das Nicolaihaus in der Berliner Brüderstraße, stark sanierungsbedürftig und überdies asbestverseucht sein soll.
Geht es an die Kronjuwelen?
Suhrkamp könne dort im Januar keinesfalls einziehen, heißt es. Und dann ist da noch die von Joachim Unseld, Siegfrieds Sohn, angestrengte Feststellungsklage. Das Frankfurter Landgericht soll entscheiden, ob der von den Gesellschaftern nicht einstimmig, sondern lediglich „mehrheitlich“ gefällte Umzugsbeschluss gültig ist. Die Klage ist dem Verlag bisher indes nicht zugestellt worden, da der Streitwert noch nicht festgesetzt ist.
Doch all das sind Marginalien im Vergleich zu der Nachricht, dass Ulla Unseld-Berkéwicz angeblich erwägt, die Archive der Verlage Suhrkamp und Insel zu verkaufen. Neben dem übrigen Tafelsilber, das der Verlag zu Geld machen könnte, sind das die Kronjuwelen. Ein Teil davon, das immense Peter-Suhrkamp-Archiv, befindet sich seit 2002 als Dauerleihgabe an der Frankfurter Goethe-Universität, die es sukzessive wissenschaftlich aufbereitet und auswertet. Noch von Siegfried Unseld in die Obhut der Universität gegeben ist auch das Uwe-Johnson-Archiv.
Millionenwerte
Der meistversprechende Teil des Ensembles aber sind die in der Lindenstraße untergebrachten Archive Insel und Suhrkamp, zu denen die Forschung bisher keinen Zutritt hat. Um sich vorzustellen, was sich dort alles befindet, braucht man nur die Autorenlisten der beiden Verlage zu studieren. Der 1899 gegründete Insel Verlag schließt an, wo Johann Friedrich Cotta, der legendäre Universalverleger des neunzehnten Jahrhunderts, aufhörte: Briefe von Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Rudolf Borchardt, Oskar Kokoschka, Ricarda Huch oder D. H. Lawrence, um nur wenige zu nennen. In der Nachkriegszeit entsteht mit Autoren wie Adorno, Bachmann, Benn, Celan, Curtius, Enzensberger, Foucault, Nelly Sachs, Walser oder Peter Weiss die Suhrkamp-Kultur.
Im Keller der Unseldschen Villa in der Klettenbergstraße befinden sich überdies die Erstausgaben der gesamten Suhrkamp-Produktion und die Autographensammlung Unselds; in der Lindenstraße beherbergt ein Tresorraum die Korrespondenzen des Verlegers mit seinen Autoren. Bisher veröffentlichte Briefwechsel Unselds mit Wolfgang Koeppen, Uwe Johnson, Peter Weiss und der für August angekündigte mit Thomas Bernhard lassen die Dimension erst ahnen. Das Ganze ist auch hier mehr als die Summe seiner Teile; dem Vernehmen nach beläuft sich sein Wert auf fünf bis sieben Millionen Euro.
Nach Marbach?
Dieser Schatz muss jetzt gehoben werden, schließlich muss auch er umziehen. Bloß: wohin? Mitnehmen kann Suhrkamp ihn wohl nicht, auch wenn das Nicolaihaus, wie Ulla Unseld-Berkéwicz sagt, keineswegs asbestverseucht ist. Es habe lediglich, wie so viele Gebäude in der DDR, zu viel Holzschutzmittel abbekommen. Bis die von Berlin spendierte Sanierung abgeschlossen sei, so räumt sie ein, werde man möglicherweise in einem Provisorium unterkommen. Da wäre es naheliegend, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach als beste Adresse für die heimatlosen Archive in Betracht zu ziehen. Dass Marbach-Mitarbeiter in den vergangenen Wochen verschiedentlich in Frankfurt gesichtet wurden, kann doch kein Zufall sein.
Ulrich Raulff, der Direktor des größten deutschen Literaturarchivs, bestätigt denn auch auf Nachfrage, dass seine Institution eingeladen worden sei, „den Umfang, die Struktur, den Wert und den Erhaltungszustand der Archive Insel und Suhrkamp zu begutachten“. Das sei kürzlich geschehen. In Ankaufsverhandlungen stünde man indes nicht.
Das eigene Gedächtnis veräußern
Dass was nicht ist, noch werden kann, diese begründete Sorge hegt in Frankfurt nicht nur Werner Müller-Esterl, der Präsident der Universität. Er sei „sehr, sehr besorgt“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er sei stets davon ausgegangen, dass Suhrkamp sich nicht von seinem eigenen Gedächtnis trennen werde, doch habe sich diese Haltung offenbar gewandelt. Das Peter-Suhrkamp-Archiv sei als wissenschaftlicher Fundus mit europäischer Ausstrahlung von größter Bedeutung. Stadt, Land und Universität würden an einem Strang ziehen, um seinen Verbleib in Frankfurt zu sichern. Die Universität plant seit Ewigkeiten auf dem Campus Westend ein Archivzentrum, in dem so bedeutende Nachlässe der Stadt wie die der Frankfurter Schule versammelt werden sollen.
Wenn der Bau dann in fünf Jahren tatsächlich fertiggestellt sein sollte, würden dort auch das Peter-Suhrkamp-Archiv und der Johnson-Nachlass untergebracht. Als Dauerleihgabe können diese Bestände ohnedies nur unter besonderen Umständen abgezogen werden, wie etwa in einer finanziellen Notlage des Eigentümers. Der als Defensivstratege bewährte Kulturdezernent Felix Semmelroth sagt lediglich, dass er zu dieser neuerlichen Volte in der Causa Suhrkamp nichts sagen könne. Der Stadt scheint aber die Bedeutung der Sache bewusst zu sein.
Ulla Unseld-Berkéwicz versteht die ganze Aufregung nicht. Man werde zum 1. Januar die Zelte in Frankfurt abbrechen, da müsse man doch mal nachgucken, „was man eigentlich alles im Keller“ habe. Mehr hätte Marbach nicht getan. Die Tatsache, dass dabei auch das Archiv der Peter-Suhrkamp-Stiftung bewertet wurde, passt damit allerdings nicht unbedingt zusammen. Aus ihrem Unmut über die Stadt Frankfurt und deren fortgesetzte „Schildbürgerstreiche“ macht die Verlegerin keinen Hehl. Aber lieber will sie über das Eigentliche, nämlich die Bücher sprechen. Das „Jubeljahr 2010“ mit dem sechzigsten Verlagsjubiläum stehe ins Haus. Davon, dass die Hütte brenne, könne keine Rede sein, im Gegenteil: sie leuchte. Wie so oft bei Suhrkamp, ist die Verlegerin Feuer und Flamme. Und aus der Sicht des Brandschutzes herrscht höchste Alarmbereitschaft.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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