26.01.2010 · Ein schönes neues Haus, ausgepackte Kisten, aufgeräumte Stimmung mit Minister und Bürgermeister: Suhrkamp feiert seinen Neuanfang in Berlin und die Verlegerin, die jeden einzelnen der hundert anwesenden Suhrkamp-Autoren persönlich begrüßte, entdeckt das Kollektiv.
Von Felicitas von LovenbergSuhrkamp ist in Berlin angekommen. Das war die Hauptbotschaft der Eröffnungsfeier am gestrigen Nachmittag. Noch vor der Begrüßung durch die Hausherrin werden die Besucher des Gebäudes in der Pappelallee, dessen Einfahrt, umrahmt von dunklem Suhrkamp-Blau sich bereits deutlich von seiner Prenzlauer-Berg-Umgebung abhebt, von Sprüchen der Hausautoren Frisch, Brecht und vor allem Walter Benjamin empfangen: „Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.“
Die Nachfrage ist jedenfalls da; daran ließ der Nachmittag keinen Zweifel. Wer sich einer der Führungen durch die neuen Räumlichkeiten anschloss, blickte in viele freundliche, helle, aufgeräumte Büros und ebensolche Mienen der Mitarbeiter. Nun flockt der deutsche Literaturbetrieb stets dahin, wo gerade das Stadtgespräch vermutet wird, wobei es auf die Stadt dabei gar nicht so ankommt, dennoch war der Andrang überraschend.
Die Singularität Siegfried Unselds
Wer im deutschen Literaturbetrieb zwei Beine und ein Winterwams hatte und von Flieger und Bahn trotz Frost befördert wurde, kam vorbei; der ursprüngliche Plan, die Reden im Konferenzraum zu halten und dann im sechsten Stock unterm Dach zu feiern, war wohl noch von früheren Frankfurter Dimensionen ausgegangen und musste zugunsten von Zelten im Innenhof aufgegeben werden. Ein Fünftel der gut fünfhundert Anwesenden waren Autoren des Verlages; gut weitere hundert Mitarbeiter machen die Suhrkamp-Stärke in Berlin aus. Den großen Rest, nach Richard von Weizsäcker, Wolfgang Thierse, Christina Weiss und Gregor Gysi, begrüßte Ulla Unseld-Berkéwicz mit kecker Berbermütze als „Freunde und Berichterstatter“. Die Verlegerin, die ihr derzeitiges Lieblingswort „resilient“ Gershom Sholems Beschreibung der Berliner entlehnt hat, schlug den Bogen von Peter Suhrkamps Anfängen in Berlin über die Eröffnung der Berliner Suhrkamp-Dependance im Februar 2006, als Klaus Wowereit seine „bürgermeisterliche Vision“ entworfen habe, dass Suhrkamps erstem Schritt nach Berlin entscheidende weitere folgen sollten, bis zur Gegenwart.
Nur Frankfurt, wo der Verlag mehr als fünfzig seiner jetzt sechzig Jahre verbracht hat, kam mit keinem Wort vor. Als Ulla Unseld-Berkéwicz als dramaturgischen Höhepunkt ihrer Rede jeden einzelnen der anwesenden Suhrkamp-Autoren namentlich begrüßte, fiel bei der langen Liste vor allem auf, wie viele der Namen man nie gehört hatte. Doch auch die großen Namen waren vertreten, von Hans Magnus Enzensberger über Christa Wolf, Peter Handke, Durs Grünbein, Sibylle Lewitscharoff, Albert Ostermaier, Lutz Seiler, Uwe Tellkamp und Dietmar Dath bis hin zu Ann Cotten. Sogar Martin Walser war angereist: ein Zeichen, dass der Neuanfang in Berlin auch für manche alte Verwerfungen gilt. In der öffentlichen Begleitung und Bewertung des Umzugs, so die Verlegerin, sei vor allem ein Fehler gemacht worden: die „Singularität Siegfried Unselds auf mich zu übertragen“. Dieser hätte eine solche Entscheidung allein gefällt. Sie hingegen, die sie zu verantworten hat, verwies auf ihre Mitstreiter in der Geschäftsführung und überhaupt auf das „Kollektiv Suhrkamp“.
So viel Vertrautheit mit Berlin und der Berliner Szene der Verlag auch ausstrahlt, so muss Berlin umgekehrt noch üben. Jedenfalls probierten Bernd Neumann und Klaus Wowereit zur Freude des Publikums unterschiedliche Möglichkeiten bei des Aussprache des Namens Berkéwicz aus. Offenbar eingedenk der Diskussion um die ökonomischen Avancen, mit welchen die Stadt Berlin nicht nur Suhrkamp herzulocken sucht, begann der Kulturstaatsminister seine Willkommensrede mit dem Hinweis, der Bund habe und werde Suhrkamp nicht fördern, „weder direkt noch indirekt“. Das sollte wohl auch ein Wink an das Deutsche Literaturarchiv Marbach sein, wo man zur Finanzierung des Ankaufs des Suhrkamp Archivs nach Anschubhilfe des Landes Baden-Württemberg noch auf ein entsprechendes Engagement des Bundes hofft.
Klaus Wowereit wertete den Zuzug Suhrkamps ganz im Sinne der Verlegerin als eine Rückkehr zum alten Selbstverständnis der Stadt nach dem geistigen Aderlass des NS-Regimes: „Ein Stück Normalität ist wiederhergestellt.“ Frankfurt, auch unter den Gästen auffällig wenig vertreten, bedachte Wowereit immerhin mit einer kurzen Kondolenzadresse: Man könne ja verstehen, dass „Kollegin Roth traurig“ sei über diesen Verlust. Die Nachfrage ist da. Jetzt muss sie, nicht nur Benjamin zufolge, auch befriedigt werden - in Berlin und über Berlin hinaus.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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