29.08.2010 · Suhrkamp feiert am Berliner Wannsee seinen sechzigsten Geburtstag - ohne die großen alten Apostel der Literatur. Die Jahrgänge zwischen 1961 und 1982 sollen den Verlag nun zu neuen Ufern führen.
Von Sandra KegelDer Suhrkamp-Verlag bildet mit seinen Autoren ein literarisches Reich, in dem die Sonne bekanntlich niemals untergeht. Doch am Samstag musste der Verlag von Mario Vargas Llosa, Ces Nooteboom, Louis Begley und Octavio Paz um die Gunst des strahlenden Himmelskörpers bangen. Das Haus hatte zusammen mit dem Literarischen Colloquium Berlin zum sechzigjährigen Jubiläum an die Ufer des Wannsees geladen, aber die Sonne war nicht in Feierlaune. Stattdessen verdüsterten heftige Winde und tiefschwarze Wolken immer wieder die himmlische Szenerie. Während auf dem Wasser die Segelboote ein bizarres Wellen-Ballett aufführten, als probten sie eine Szene für einen Roman von Hans-Ulrich Treichel, kämpften an Land die Autoren bei ihren Lesungen im Garten mit bedrohlich schwankenden Sonnenschirmen und plötzlich einbrechenden Regengüssen.
Einer der Hauptakteure des Tages, Dietmar Dath, war wegen des Wetters erst gar nicht gekommen. So saß sein Gesprächspartner Gregor Gysi ganz allein in der Rotunde unten am See, was ihn freilich nicht weiter störte, denn so konnte der Fraktionsvorsitzende der Linken endlich tun, was er am liebsten tut: über sich, Gott und die Welt reden, ohne dass ihn dabei irgendjemand stört.
Von einer Tafelrunde keine Spur
Zuvor hatte die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ihre Gäste, die so zahlreich hinaus an den Wannsee gepilgert waren, mit der Ankündigung begrüßt, dass sie hier und jetzt, zweihundertvierzig Tage nach dem Umzug aus Frankfurt in die Hauptstadt, keine programmatische Rede halten werde: Sechzig Jahre seien kein Datum für große Ansprachen, und schließlich, man sei auf dem Land, in der Sommerfrische. Und tatsächlich: Einen schöneren Ort als dieses Schlösschen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert kann man sich für eine solche Veranstaltung kaum vorstellen. Man flaniert durch herrschaftliche Räume, lauscht den Autoren, entspannt mit einem Glas Wein auf der Terrasse und lässt den Blick über den See schweifen.
Als vor zehn Jahren das fünfzigste Verlagsjubiläum von Suhrkamp gefeiert wurde, hatte es sogar der damalige Bundeskanzler Schröder nicht versäumt, Siegfried Unseld im Frankfurter Schauspielhaus zu gratulieren. Auf der Bühne hatten sich die großen alten Apostel der Literatur eingefunden, Enzensberger, Walser, Muschg, um den Verlag und dessen Kultur zu preisen. Die Feierlichkeiten jetzt in Berlin nahmen sich dagegen wie eine stürmische Kinderparty aus. Von einer Tafelrunde keine Spur, keine Hohepriester, keine Verlautbarungen, ein Staatsakt sollte das keinesfalls sein. Auch Wowereit ließ sich nicht blicken, sondern hatte nur Staatssekretär André Schmitz geschickt, den Mann, der den Umzug von Frankfurt nach Berlin vor Jahren in geheimer Mission eingefädelt hat.
Eine unausgesprochene Botschaft
Auf den Serpentinenwegen des Gartens von der Villa zum Ufer hinab drängelt sich auf den Spuren der Dichter überwiegend die Jugend. Links und rechts des Wegs werden Bier, Wein und Berliner Brause gereicht, Würstchen gibt es auf die Hand, und Kinder toben um die riesigen weißen Ballons, die überall im Garten aus der Erde wachsen. Allen voran aber sind es die Autoren, die gebeten wurden, an diesem Feiertag aus ihren Werken zu lesen, die dem Generationen- und Richtungswechsel des Hauses ein Gesicht geben; bis auf eine Ausnahme sind alle Vortragenden zwischen 1961 und 1982 geboren: Stephan Thome, der gefeierte „Grenzgang“-Debütant des vergangenen Jahres, der aus Taiwan angereist ist, um dem Berliner Sturm zu trotzen, die amerikanische-österreichische Autorin Ann Cotten, die aus ihrem verrätselten Roman „Florida-Räume“ vorträgt, der fabelhafte Lutz Seiler, der mit einer Erzählung aus „Zeitwaage“ bezaubert, Doron Ranninovici aus Wien, dessen Roman „Andernorts“ derzeit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. Noch ehe der DJ Tobias Rapp zu später Stunde seine Platten auflegt, tritt mit Judith Schalansky die 1980 geborene Enkelin von Wolfgang Koeppen in der Dämmerung ans Seeufer. Sie packt mit ihrem noch unveröffentlichten Manuskript die in Decken gehüllte Zuhörerschaft im Nu.
Der eigentliche Jubiläumstag liegt freilich schon mehrere Wochen zurück. Es war der 1. Juli 1950, als Peter Suhrkamp auf Anraten von Hermann Hesse seinen eigenen Verlag gründete. Der siebenundzwanzigjährige Siegfried Unseld stieß 1952 dazu, übernahm nach Suhrkamps Tod 1959 den Verlag und baute ihn zum geistigen Kraftzentrum der Bundesrepublik aus. Dass seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz den Verlag nun erst am 28. August hochleben lässt, liegt zum einen gewiss daran, dass es sich dabei um Goethes Geburtstag handelt. Außerdem aber haben sie und Siegfried Unseld am 28. August 1990 geheiratet. Und so birgt dieser Tag schließlich doch noch eine unausgesprochene Botschaft: Wer am Samstag die alten Gesichter vermisst hat, wird zugleich ohne Zweifel erkannt haben, dass der Verlag unterwegs ist zu neuen Ufern. In Berlin, am Wannsee, mit Comics und Gothic Novels.