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Stephanie zu Guttenberg: Schaut nicht weg : Kinder müssen nein sagen können

Stephanie zu Guttenberg hat für ihr Engagement den Ehrenpreis der Kinderhilfsorganisation World Vision Deutschland erhalten Bild: dpa

Die Fakten zum Thema Kindesmissbrauch sind grausam. Man muss aber genau hinsehen. Nur so lassen sich die Finessen der Täter rechtzeitig erkennen: Stephanie zu Guttenbergs Buch „Schaut nicht weg!“ eröffnet eine überfällige Debatte.

          Die Sprachlosigkeit nach dem Missbrauch kann Jahrzehnte dauern. „Oft kommen die unterdrückten Geschichten erst dann zum Vorschein, wenn die Betroffenen zum ersten Mal feste Partnerschaften eingehen oder eine Familie gründen wollen. Vorher war der Verdrängungsmechanismus häufig zu effektiv: Das angstvolle ,Schweigen' über die Taten, das vom Täter implantierte Gefühl, mitschuldig zu sein (,Du bist so sexy, da kann ich nicht anders') oder die eigene Banalisierung des Erlebten (,Es ist ja nur zwei Mal passiert') verhinderten eine bewusste Beschäftigung mit dem Erlebten.“ So Stephanie zu Guttenberg, die Frau des Verteidigungsministers, die sich seit Jahren ehrenamtlich für sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche einsetzt und in den nächsten Tagen im Kreuz-Verlag ein Buch zu dieser Materie vorlegt.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit ihrer vor sechs Jahren aufgenommenen Arbeit für „Innocence in Danger“, einer Aufklärungs- und Beratungseinrichtung zum Thema sexueller Missbrauch, analysiert Stephanie zu Guttenberg nicht nur die Strategien der Täter, sondern arbeitet mit Vertretern unterschiedlicher Fachgebiete an neuen Therapiekonzepten für die Opfer. Ihr Buch will eine Debatte entfachen, die das Thema über die bekannt gewordenen Vergehen in kirchlichen und reformpädagogischen Einrichtungen hinaus erörtert. Das Buch heißt „Schaut nicht weg! Was wir gegen sexuellen Missbrauch tun müssen“, ist gemeinsam mit Anne-Ev Ustorf geschrieben und macht die jahrelangen Erfahrungen der Arbeit von „Innocence in Danger“ für die Öffentlichkeit zugänglich.

          Dem perfiden Geheimhaltungsdruck widerstehen

          Die zentrale These: Nicht der berühmte „fremde Mann“ ist der statistische Haupttäter, sondern die Vertrauensperson in der Nähe, der Onkel, Nachbar, Vater, Lehrer, Trainer. Nach diesem - zumeist männlichen - Täterprofil haben sich die Ansätze von Prävention und Therapie zu richten, über die Stephanie zu Guttenberg berichtet. Tatsächlich finden achtzig Prozent aller sexuellen Missbrauchsfälle in Deutschland im sozialen Nahraum statt - in der Familie, der Nachbarschaft, der Schule oder dem Sportverein. Und das Internet hat der Pädokriminalität eine Dimension verliehen, die dieses Verbrechen allgegenwärtig macht. Mit den Worten von Jörg Ziercke, dem Präsidenten des Bundeskriminalamts, der das Nachwort schrieb: „Insgesamt zeigt sich, dass der sexuelle Missbrauch überwiegend auf der Basis ausgenutzter Vertrauensverhältnisse stattfindet, insbesondere im familiären und näheren sozialen Umfeld.“

          Das detaillierteste Buch zum Thema stammte bisher von Manfred Karremann, der darin seine verdeckten Recherchen im Milieu der Pädophilen auswertet. Es heißt „Es geschieht am hellichten Tag“ und wird von Stephanie zu Guttenberg erstaunlicherweise nicht erwähnt. Erstaunlich deshalb, weil Karremanns wertvolle Informationen, seine Art, zwischen Panikmache und Beschwichtigung den richtigen Ton zu treffen, sich mit Guttenbergs Anliegen hervorragend ergänzen. Auch Karremann geht es am Ende um die Frage, wie man seine Kinder zu starken Kindern macht, die nicht jedem Erwachsenen aus dem Weg gehen, wohl aber gelernt haben, entschieden nein zu sagen, wenn ihnen etwas merkwürdig vorkommt. Nur so werden Kinder in die Lage versetzt, dem perfiden Geheimhaltungsdruck, den der Missbrauch entfaltet, zu widerstehen.

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