Warum ist die Lücke in der deutschen Literatur eigentlich bis zum heutigen Tage nicht geschlossen? Die Lücke, die in jener Nacht, heute vor sechsundsiebzig Jahren gerissen wurde, als in Deutschland die Bücher brannten? Die Lücke ist da; wenn man durch die Regale deutscher Universitätsbibliotheken geht, kann man sie sehen: Viele Bücher, viele Namen fehlen bis heute.
Die Namen der Autoren, deren Bücher damals im Feuer landeten, sollten für alle Zeiten aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Das war der Plan. Die tausend Jahre waren nach zwölf Jahren vorbei. Trotzdem reichte es, um einen Faden abreißen und viele Autoren in Vergessenheit geraten zu lassen.
Kein Mensch interessierte sich für sie
Viele der verbrannten Dichter haben die zwölf Jahre nicht überlebt. Entweder gelang ihnen nicht die Flucht, oder sie starben im Exil. Und die, die zurückkehren wollten, die, die sich die Zuversicht, das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrem Heimatland über all die Jahre des Exils bewahrt hatten, erlebten nach der Rückkehr den zweiten schweren Schock: Sie waren - in Westdeutschland - nicht willkommen, ihre Bücher wurden nicht gedruckt, für ihre Geschichten interessierte sich kein Mensch.
Die Bücherverbrennung war eben nicht die verrückte Idee einiger wahnsinniger Nazi-Funktionäre gewesen, sondern das Werk von deutschen Germanistikstudenten, Bibliothekaren, deutschen Bürgern. Und die waren nach dem Krieg noch die gleichen. Die Universitäten waren die gleichen, die Professoren blieben, fast ausnahmslos, die gleichen, die zwölf Jahre zuvor ihre Institutsbibliotheken ausräumen und die Bücher von Juden, Kommunisten und Pazifisten verbrennen ließen. Bis zum Jahr 1950 gab es an westdeutschen Universitäten fünf Germanisten, die aus dem Exil zurückgekehrt waren und an einem Institut eine Anstellung gefunden hatten. Erst Ende der sechziger Jahre begann sich Grundsätzliches zu ändern. Aber es gibt Kontinuitäten.
Kein Mann, kein Kisch
Dies ist die Geschichte von Elisabeth Frenzel, die sich am 26. April 1933 am theaterwissenschaftlichen Institut der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität immatrikulierte und ihr Studium sieben Jahre später mit einer Dissertation zum Thema „Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne“ abschloss. Danach war sie an der von Alfred Rosenberg konzipierten nationalsozialistischen Eliteuniversität „Hohe Schule“ wissenschaftliche Mitarbeiterin und arbeitete dort, in Zusammenarbeit mit dem „Institut zur Erforschung der Judenfrage“, an einem „Lexikon der Juden im Theater und Film“. 1945 sollte es publiziert werden. Es kam nicht mehr dazu. Aber acht Jahre nach Kriegsende brachte Elisabeth Frenzel, zusammen mit ihrem Mann Herbert A. Frenzel, der in der Nazizeit bei der NS-Propagandazeitschrift „Der Angriff“ als Kulturredakteur und Chef vom Dienst gearbeitet hatte, ein anderes Lexikon heraus: „Daten deutscher Dichtung“, bis heute ein Grundlagenwerk der deutschen Germanistik.
Wer sich mit der deutschen Literatur wissenschaftlich beschäftigt, für den ist das Buch der Frenzels nach wie vor eine Voraussetzung. Fast jeder kennt die beiden Bände, früher orange eingebunden, heute leuchtend rot. „Daten deutscher Dichtung“ definiert den Kanon und beschreibt die Werke in wenigen, sachlichen Worten. Fast nur Daten. Fakten. Grundlegendes. „Daten sind die Voraussetzung aller geschichtlichen Erkenntnis.“ Das ist der erste Satz des Lexikons. Im September 2007 erschien es in der 35. Auflage, aktualisiert bis in die Gegenwart hinein. Der Erfolg ist gigantisch. Der Verlag nennt keine Zahlen, aber schon die elfte Auflage, die 1975 erschien, vermerkte eine Verkaufszahl von 295 000 Stück. Rechnet man das hoch, so kommt man auf eine Million verkaufter Exemplare. Eine märchenhafte Erfolgsgeschichte.
Ein Skandal
Aber was für Daten sind das eigentlich, die hier als „Voraussetzung aller geschichtlichen Erkenntnis“ zusammengetragen wurden? Was ist das für ein Kanon? Wer sich die Auswahl der Werke aus den Jahren 1933 bis 1945 genauer ansieht, wird sonderbare Lücken feststellen. Große Lücken. Keine Werke von Kurt Tucholsky, von Klaus Mann, von Siegfried Kracauer und Egon Erwin Kisch. Dafür die Nazischriftsteller Erwin Guido Kolbenheyer, der SA-Mann Hans Rehberg; Richard Billinger und Ina Seidel. Im Kanon der Frenzels werden die Folgen von Bücherverbrennung und Naziherrschaft bis in die heutige Zeit verlängert. Dass ihr Kanon so aussieht, ist wenig überraschend. Dass das Buch bis heute in dieser Form erscheint und als Grundlagenwerk benutzt wird, ist ein Skandal. Nirgendwo im Buch finden sich Hinweise auf die Biographien der beiden Herausgeber, nirgendwo ein Hinweis auf ihre Vergangenheit, keiner auf die Gegenwart.
Herbert A. Frenzel ist 1995 gestorben. Elisabeth Frenzel lebt noch. 1997 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Und sie selbst, erklärt die Sachbuch-Cheflektorin beim Deutschen Taschenbuch-Verlag, Andrea Wörle, Frau Frenzel selbst nehme nach wie vor, in Zusammenarbeit mit dem Verlag, die Aktualisierungen vor. In der vor anderthalb Jahren erschienenen Neuauflage geht es bis ins Jahr 2004 hinein. Elisabeth Frenzel ist heute 94 Jahre alt. Sie lebt in Berlin.
Ich möchte sie sprechen, mit ihr über die Lücken in ihrem Kanon sprechen, über ihre Dissertation, über Literatur, Juden, Reue und Beharrlichkeit. Die Telefonnummer, die ich vom Verlag bekomme, ist abgemeldet. Auf Nachfrage erklärt die Lektorin, Frau Frenzel sei verschwunden, vielleicht lebe sie in einem Altersheim, vielleicht habe sie Berlin verlassen. Man habe den Kontakt verloren. Schon im ersten Gespräch war Andrea Wörle wenig begeistert. Ob man da jetzt wirklich was machen müsse; und die Frau sei doch so alt, und der Fall sei doch bekannt. Und sie seufzt, dass sie die alte Dame jetzt anrufen müsse, um sie darauf vorzubereiten, dass da wieder etwas komme.
Nathan, der Arier
Es stimmt. Der Fall ist bekannt. Das macht die Sache aber eher noch unglaublicher. Oder: typischer. Ja, der Fall Frenzel wird immer wieder einmal erwähnt, mal größer, mal kleiner, meist in Fußnoten versteckt. Über die Dissertation heißt es meist, sie sei „antisemitisch“, ja, aber es war eben die Zeit, damals. Und im neuen Lexikon seien davon doch keine Spuren mehr.
Man muss sich beides, die Dissertation von damals und das Daten-Lexikon genau ansehen, um zu verstehen, um was es hier geht. Das Buch „Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne“ kann man sich in der Bibliothek der Humboldt-Universität ausleihen. Nicht sehr dick, 285 Seiten, vom 13. Jahrhundert bis in die damalige Gegenwart hinein, die Zeit nach 1933. Es ist die Geschichte eines großen, christlichen Volkes, das sich dem immer stärker werdenden Einfluss einer artfremden Volksgruppe ausgesetzt sieht, welcher das christliche Volk am Anfang noch mit Karikaturen, mit lächerlichen und verächtlich machenden Bühnenrollen begegnete. Eine Volksgruppe, die diesen milden Umgang aber nur zu ihrem Vorteil nutzte, um in immer frecherer Selbstüberhebung die Macht auch auf deutschen Bühnen an sich zu reißen und die deutsche Volkskunst schließlich ganz zu unterdrücken. Bis zum Tag der Erlösung, Anfang 1933. Diese Geschichte wird von Stück zu Stück über achthundert Jahre Bühnengeschichte durchdekliniert. Mitunter, wie im Falle Lessings, mit tollkühnen Verrenkungen, Verdrehungen und Lügen. Gleich im zweiten Absatz der Einleitung heißt es: „Es sollte gezeigt werden, daß die Stellung, die das neue Deutschland heute zur Judenfrage wie zum Theater einnimmt, nicht an die politische Tagesnotwendigkeit gebunden, sondern in Deutschland von Ursprung an vorhanden gewesen ist.“ Das ist das Ziel der Arbeit. Es soll eine Beweisschrift dafür sein, dass die nationalsozialistische Kulturpolitik, dass Bücherverbrennung und Dichterverbannung als Wunsch und Ziel im deutschen Kulturleben immer schon verankert waren.
Am Ende: Triumph!
Einige Stellen müssen zitiert werden: „Die Feindschaft gegen die historischen Mörder Christi wurde täglich wach gehalten durch den Anblick des Handels und Wandels dieser Menschen. Die instinktiv erkannte Andersartigkeit des fremden Volkes löste eine Verachtung aus, die, als das Judentum durch seine Geldmacht allmählich eine Gefahr zu werden begann, in Haß und Wut überging.“ Die Linie lässt sich gerade weiter ziehen. Bis zum Zeitalter der Aufklärung, mit dem der Jude plötzlich eine Macht erhält, die ihn zur Gefahr macht: „Mit der Aufklärung setzt eine völlig neue Denkungsweise ein, die in den folgenden fast zwei Jahrhunderten in Deutschland die Haltung zum Juden und seine Gestaltung auf der Bühne umwandelt. Die - hoffentlich letzte - Geltung dieser Geisteshaltung haben wir in jüngster Vergangenheit erlebt.“
Die Rettung Lessings vor den Juden zum Heil der deutschen Nationalkultur ist beinahe komisch. Wie dem Juden Nathan sein Judentum wegbewiesen wird und Lessing seine Judenfreundschaft: „Lessing konnte die verderblichen Folgen der Expansion und Assimilation des Judentums nicht ahnen, aber das ist noch keine unbedingte Entschuldigung. Tatsächlich ist der Rasseinstinkt in dem gebildeten Menschen der Aufklärung zum guten Teil verschüttet, wie viele Kräfte der Seele verschüttet sind.“ Bei Lessing kam die verderbliche Freundschaft mit Moses Mendelssohn dazu. Höhepunkt von Frenzels rassistischer Nathan-Verzerrung ist ihre Deutung Rechas: „Rassischen Auseinandersetzungen geht Lessing dadurch aus dem Weg, daß er Recha wohlweislich nicht Nathans Tochter sein läßt. Wahrscheinlich hat Lessing doch eine warnende Scheu zurückgehalten, dieses wichtigste Problem der Gleichberechtigungsbestrebungen anzuschneiden.“ Mit anderen Worten: Lessing hat die Nürnberger Rassengesetze vorausgeahnt und wohlweislich in seinem Stück befolgt. Was für ein Irrwitz!
Am Ende: Triumph! Das Ziel dieser deutschen Theatergeschichte, das Ziel der deutschen Theatergeschichte überhaupt, ist am Ende erreicht. Eine siegreiche Promotion findet ihr triumphales, atemberaubendes Finale: „Mit der Vernichtung aller sittlichen Werte, mit der anmaßenden Arroganz, mit dem hypertrophen Machtbewußtsein der letzten zwei Dezennien war das Schicksal der Juden in Deutschland vor der historischen Gerechtigkeit entschieden. Sie mußten stürzen.“ Ein Gespensterfinale, die Autorin blickt auf eine sich leerende Bühne: „Die letzte Voraussetzung, die Existenz des Juden im öffentlichen Leben Deutschlands, verliert seit der Judengesetzgebung des Dritten Reiches immer mehr ihre Bedeutung, vor allem in der für das Theater wichtigen Mittler- und Zwischenträgerfunktion. (. . .) Es bleibt die internationale Macht des Judentums als Kampfgegner, und sofern ein großes außenpolitisches oder ein zeitloses weltanschauliches Drama in Deutschland entstünde, käme ihm darin eine Hauptrolle zu.“
Des Volkes Herz hat Rhythmusstörungen
All das war bekannt, als 1953 im Verlag Kiepenheuer und Witsch zum ersten Mal die „Daten deutscher Dichtung“ erschienen. In einer niederländischen Zeitung war schon vorher ein Bericht über Elisabeth Frenzel zu lesen. Der Verleger Joseph Caspar Witsch, erklärt sein Biograph Frank Möller im Gespräch, stellte Herbert Frenzel damals zur Rede und fragte, was dran sei, an den Vorwürfen. Frenzel sprach von Jugendsünden seiner Frau und bot an, das Lexikon anonym herauszubringen. Als „Kompromiss“ erschien es zunächst nur unter dem Namen des weniger belasteten Herbert Frenzel. Doch schon wenige Jahre später fanden Verlag und Herausgeber die Zeit reif, beide Namen zu nennen.
Seitdem erscheint dieses Buch. Auf den ersten Blick kann man ihm gar nichts vorwerfen. Das gesamte antisemitische Vokabular wurde ersatzlos gestrichen. Es ist eher komisch, jetzt, ganz Unverfängliches über „Nathan den Weisen“ zu lesen. Und einen Kommentar zur Barockzeit: „Gesinnungswechsel entsprach häufig dem Dienstwechsel.“ Wer vorher die Dissertation gelesen hat, liest aber trotzdem immer mit, was hier gestrichen wurde: „Das ganze Zeitalter war stark religiös: Katholizismus und Protestantismus entwickelten religiöse Literatur.“ Und so weiter: Es sind zum Teil Sätze und Satzteile aus der Dissertation, nur um die Judenstellen gekürzt, verschluckt in einem Schluckauf der Geschichte.
Das ist eher kurios als skandalös, eher lehrreich als verwerflich. Die Auswahl der Autoren und Werke zwischen 1933 und 1945 ist allerdings wirklich ein Skandal. Wer weiß, wie große Schriftsteller wie Armin T. Wegner (nicht erwähnt in diesem Buch), wie Irmgard Keun (nicht erwähnt in diesem Buch) nach dem Krieg wie lebendig begraben, unerkannt und unerwünscht weiterlebten; wer weiß, wie Klaus Mann starb (in diesem Buch nur als Herausgeber der Exil-Zeitschrift „Die Sammlung“ erwähnt), wie Kurt Tucholsky starb (in diesem Buch wird kein Werk von ihm genannt) und wer die Bücher dieser Autoren kennt, die Bücher von Wegner, von Keun, von Klaus Mann und von Tucholsky, der wird erkennen, dass mit den „Daten deutscher Dichtung“ die Lücke, die vor sechsundsiebzig Jahren gerissen wurde, dauerhaft gemacht wird. Dieses Lexikon füllt die Lücke zum Beispiel mit vier Romanen des schlechten Nazi-Schriftstellers Erwin Guido Kolbenheyer, der noch 1944 von Hitler persönlich auf die Sonderliste der Gottbegnadeten gesetzt wurde, zusammen mit Ina Seidel, die für ihren Führer schrieb: „Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“. Von ihr haben die Frenzels drei Werke ausführlich gewürdigt.
Es sind ja nur Daten
Natürlich kommen auch die Größen des Exils vor. So plump ist man ja nicht. Natürlich Bertolt Brecht und Stefan Zweig und Thomas Mann und Anna Seghers. Aber die wichtigste Dichterin jener Jahre scheint die katholische Schwarmschriftstellerin Gertrud von Le Fort zu sein, von der gleich sieben Werke gesondert gewürdigt werden. Kein Wort hingegen über einen Alexander Moritz Frey oder Gustav Meyrink, über Maria Leitner, Adrienne Thomas, kein Werk von Joachim Ringelnatz wird gewürdigt, keins von Oskar Maria Graf. Ein grotesker Kanon.
Andrea Wörle bittet darum, nicht zu viel Wirbel zu machen. Frau Frenzel sei sehr alt. Außerdem sei das Werk heute gar nicht mehr so erfolgreich. „Die Studenten holen sich ihre Informationen heute zum großen Teil aus dem Internet.“ Und wie zur Beschwichtigung fügt sie an: „Nach Frau Frenzels Tod wird es keine weiteren Auflagen der ,Daten deutscher Dichtung' mehr geben.“
Aber bis dahin will der Deutsche Taschenbuch-Verlag das Werk ohne Angaben zu den Autoren weitervertreiben. Es sind ja nur Daten.
Merkwürdig
Peter Keul (hildennet)
- 11.05.2009, 00:53 Uhr
Sehr geehrter Herr Weidermann, ...
Cornelius Ludwig (Ze-el)
- 11.05.2009, 01:35 Uhr
Daten deutscher Dichtung
johannes schulze (joscic)
- 11.05.2009, 02:16 Uhr
Komisch...
Thea Engholm (Flaim)
- 11.05.2009, 04:59 Uhr
Zum Gaehnen.
Tom Armbruster (Cacofonix)
- 11.05.2009, 07:04 Uhr