Home
http://www.faz.net/-grb-6kjsx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Spionage Der Dichter Oskar Pastior war IM der Securitate

Ein neuer Aktenfund entlarvt den Dichter Oskar Pastior als Informant des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die mit Pastior eng befreundet war, zeigt sich bestürzt.

© dpa Vergrößern Als Informant enttarnt: der Schriftsteller Oskar Pastior

Der rumäniendeutsche Dichter und Büchnerpreisträger Oskar Pastior (1927 bis 2006) war von 1961 bis 1968 unter dem Decknamen „Otto Stein“ Informant der Securitate, der rumänischen Staatssicherheit. Seine in Bukarest von dem Germanisten Stefan Sienerth entdeckte Akte enthält eine handschriftlich unterschriebene Verpflichtungserklärung vom 8. Juni 1961, die der damals bereits seit vier Jahren selbst bespitzelte Autor unter dem Druck des Verhörs abgegeben hatte. Mit Pastiors Ausreise in den Westen 1968 endet die Zusammenarbeit, von der bisher nur ein Bericht mit denunziatorischem Gehalt aus dem September 1961 dokumentiert ist.

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, der der eng befreundete Pastior als Inspirationsquelle für ihren Roman „Die Atemschaukel“ diente, äußerte sich im Gespräch mit der F.A.Z. bestürzt über die Entdeckung. Als sie davon vor einigen Wochen erstmals erfuhr, habe sie „Erschrecken, auch Wut“ verspürt: „Es war eine Ohrfeige“. Doch angesichts der historischen Umstände sei die nächste Reaktion „Anteilnahme“ und „Trauer“ gewesen. Auch gegenüber engsten Vertrauten hat sich Pastior anscheinend nicht offenbart. „Ich beurteile den IM Oskar Pastior mit denselben Kriterien wie andere IM aus meiner Akte“, so Herta Müller: „Aber ich komme dabei zu einem anderen Fazit.“

Mehr zum Thema

In der Printausgabe der F.A.Z. von Samstag veröffentlichen wir ein ausführliches Gespräch mit Herta Müller über die IM-Tätigkeit Pastiors sowie einen ausführlichen Bericht seines langjährigen Weggefährten und Freundes Ernest Wichner, der für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in Bukarest Einsicht in die Akte genommen hat und den Fund in den Zusammenhang von Leben und Werk einordnet.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Roma aus Fântânele Auf halbem Weg zum Paradies

Von den 7000 Bewohnern des Roma-Dorfs Fântânele sind tausend nach Neukölln in die Harzer Straße gezogen. Die Verbliebenen beten für Kanzlerin Merkel. Mehr

27.08.2014, 19:46 Uhr | Politik
Exklusiv in der F.A.Z. Steuergewerkschaft verteidigt nach Hoeneß-Affäre breiten Datenzugriff

Gleichstellungsbeauftragte Christine Lüders fordert mehr Frauen in Staatskonzernen. Bertelsmanns Geschäftspartner wehren sich gegen die Buchclub-Schließung. Das F.A.Z.-E-Paper. Mehr

25.08.2014, 17:45 Uhr | Wirtschaft
Leo Wohleb Ein Tod minderer Güte

Noch immer sorgt sein rätselhaftes Ableben in einem Frankfurter Bahnhofshotel für großes Interesse an dem Tod des badischen Politikers Leo Wohleb. Nun freigegebene Akten liefern neuen Stoff für die Gerüchteküche. Mehr

23.08.2014, 09:00 Uhr | Gesellschaft