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Selbstversuch: Reich werden Was würde George Soros tun?

11.06.2009 ·  Ein Jahr Auszeit hat sich die Zeit-Journalistin Heike Faller genommen, um nichts anderes zu tun, als das Spekulieren zu lernen. Das Startkapital: 10.000 ersparte Euro. Das Ziel: Verdopplung der Einlage. Das Ziel hat sie verfehlt, aber ein bemerkenswertes Buch ist entstanden.

Von Julia Encke
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Bevor es zur Finanzkrise kam, von der sie damals nichts ahnte und die ihr später, auch das ahnte sie nicht, einen Strich durch ihre Rechnungen machen sollte, hatte die „Zeit“-Journalistin Heike Faller selbst eine Krise: In ihrer Redaktion gab es Umstrukturierungen. Ihr Ressort richtete sich neu aus. Sie hatte den Eindruck, ihre Reportagen seien nicht mehr so gefragt. Also fragte sie sich, wie lange sie selbst noch gefragt sein würde und wie weit ihre Ersparnisse eigentlich reichen würden. Der Fragilität ihrer Angestelltenexistenz plötzlich bewusst, träumte sie davon, irgendwann einmal so viel Geld zu besitzen, dass sie davon leben könnte, Geld, das sie unabhängig machte.

Und da Heike Faller wunderbarerweise nicht zu jenen gehört, die bloß Existenzängste haben und unablässig davon reden, beantragte sie ein Jahr Auszeit, das sie auch bekam, um einen Selbstversuch durchzuführen: Zwölf Monate lang wollte sie nichts anderes tun, als das Spekulieren zu lernen. Sie wollte sich in die riskante Welt der Termingeschäfte begeben, in der man seinen Einsatz innerhalb von Tagen verlieren oder vervielfachen kann, eine Geschäftswelt, von der sie bis dahin keine Ahnung hatte. Ihr Startkapital: 10.000 ersparte Euro, die sie zu investieren bereit war. Ihr Ziel: diesen Betrag innerhalb eines Jahres zu verdoppeln.

Platinplättchen im Tresor

„Wie ich einmal versuchte, reich zu werden - Mein Jahr unter Spekulanten“ heißt das Buch, das aus diesem sehr aufregenden Jahr hervorgegangen ist und das, völlig unverhofft, weil es als solches ja gar nicht geplant war, zu einem der interessantesten und sicher auch sympathischsten Beiträge zur Finanzkrise geworden ist, da es die Perspektive derer einnimmt, denen die Finanzwelt ein Rätsel ist, in dieser Perspektive aber nicht verharrt, sondern alles daransetzt, dieses Welträtsel für sich, so weit es irgend geht, zu durchdringen. Heike Faller knackt gewissermaßen den Zugangscode zur Finanzwelt, der auch ein Sprachcode ist, ein Jonglieren mit Begriffen.

Mit Sprache hatte, drei Jahre zuvor, alles angefangen: Heike Faller stand nicht im Verdacht, in ihren Artikeln in den Börsenjargon zu verfallen. Aus diesem Grund hatte ihr Redaktionschef sie 2004 nach Bayern geschickt, wo sie zwei Sparkassenmänner treffen sollte, die damals das erfolgreichste Musterdepot Deutschlands führten: In sieben Monaten hatten die beiden Männer 43 Prozent Plus gemacht, in einer Zeit, in der normalen Bankberatern und Fondsmanagern das Geld ihrer Anleger unter den Händen wegschmolz. Die Autorin fuhr hin und traf auf zwei dialektsprechende Naturburschen mit unverhohlener Verachtung für die Karrierebanker in Frankfurt, London und New York, die ihr irgendwann Einblick in ihren Schrankwand-Tresor gewährten. Darin: Goldbarren, flache Platinplättchen, Silbermünzen, Palladium.

Long in Gold

Dass die Welt bald von Inflation und Wirtschaftskrisen heimgesucht würde, Banken und Währungen ins Wanken geraten und Kleinanleger um ihr Geld gebracht würden, predigten ihr die Kleinstadtbänker, die ihr wie ungewöhnlich geerdete Sektengurus vorkamen. Ohne zu wissen, ob es tatsächlich Grund für einen derartigen Pessimismus gab, war sie, aus einer Laune heraus, schnell bereit, dieser „Sekte“ beizutreten, und versenkte noch im selben Sommer ihre gesamten Ersparnisse in Form von Edelmetallen in die Tresore der Vereinigten Sparkassen. Gold schien eine sichere Sache zu sein, viel sicherer als Standardaktien. Als Tresorcode gab sie „1929“ ein - ein Scherz, aus dem bald Ernst werden sollte.

Der Goldpreis stieg. Drei Jahre später setzt Heike Faller zu Beginn ihres Selbstversuchs deshalb zunächst fast alles auf eine Karte: Sie „geht long in Gold“ und „short in Aktien“, was ihr da schon ganz selbstverständlich über die Lippen geht. Sie mietet sich in ein Erdgeschossbüro in Prenzlauer Berg ein, das sie zum Zentrum ihrer Finanztransaktionen erklärt, liest den ganzen Tag Wirtschaftszeitungen, verfolgt im Internet die Börse, stellt einen Antrag auf Optionsscheine und übt, bis diese freigeschaltet sind, mit Spielgeld. Sie erlebt durch die Kettenreaktion der Zinserhöhung der Zentralbank und der Immobilienkrise ungeahnte Höhenflüge: Der Goldpreis steigt immer weiter. Das Spekulieren kommt ihr vor wie ein Kinderspiel. Im „Handelsblatt“ und in der F.A.Z. liest sie, dass dieser „rasante Anstieg des Goldpreises als wichtiges Signal für den bedenklichen Zustand der Weltwirtschaft gilt“, der Gier, die sie an sich beobachtet, tut das allerdings keinen Abbruch. Sie ist vollkommen euphorisiert und muss, eigentlich ganz gegen ihre Natur, feststellen, dass sie ethische Fragen plötzlich auszublenden bereit ist, auch da, wo sie überlegt, in südafrikanische Goldminen zu investieren. Dann stürzt das Gold aus unerfindlichen Gründen auf 944,70 Dollar ab, es ist der größte Fall des Goldpreises innerhalb von achtundzwanzig Jahren. „So werns angefixt“, sagen die beiden bayerischen Sparkassenmänner ihres Vertrauens. „Und dann glams, dos immer so leift.“

Heike Fallers Buch, dessen Tonfall sehr nonchalant beweist, wie wenig sich Leichtigkeit und Präzision in der Beobachtung ausschließen, führt vor, was die ausschließliche Beschäftigung mit Geld mit Menschen macht. Und weil die Autorin das alles an sich erprobt; weil sie sich den distanzierten und durch Vorurteile geprägten Blick auf Bänker und Finanzjongleure gar nicht leisten kann, da sie auf deren Wissen angewiesen ist und alle anzapft, denen sie begegnet, hat man, zumindest, wenn man selbst kein Finanzexperte ist, beim Lesen tatsächlich den Eindruck, mit der Autorin auf Exkursion zu gehen. Man ertappt sich, wie man beginnt, mit ihr mitzuleiden, wenn der in Tabellen dazwischengeschaltete Kontostand Verluste anzeigt. Man sucht nach Erklärungen für irrationale Kursbewegungen, begreift, dass man, im Gegensatz zu den Erfahrungen des sonstigen Lebens, aus der Vergangenheit einer Anlage nicht auf deren Zukunft schließen darf. Und man entwickelt ein Gefühl für Schnelligkeit: Sie habe den Eindruck, ganz kurz davor zu sein, etwas sehr Grundsätzliches zu begreifen, schreibt die Autorin an einer Stelle - doch muss sie sich da schon wieder um ihre Anlagen kümmern. So führt sie einem etwas nicht weniger Grundsätzliches vor Augen: wie der Sog des Tempos die Reflexion verhindert.

Short in Aktien

Die Bankenkrise ist für das Buch, wenn schon nicht für die Welt und natürlich auch nicht für Heike Fallers eigenen Kontostand, als Erkenntnismotor ein Glücksfall. Sie führt zum Einbruch zu schnell gewonnener Gewissheiten. Wie im Zeitraffer durchläuft die Autorin die klassische Dramaturgie aller Spieler- und Spekulantenkarrieren: „Am Anfang große Gewinne. Feuer gefangen. Mehr gewollt. Geglaubt, dass es etwas mit den eigenen Fähigkeiten zu tun hat. Sich überschätzt. Verluste gemacht. Erkannt, dass der Markt ein Monster ist, das einen früher oder später in den Klauen hat.“ Nach dem rätselhaften Einbruch des Golds (die Bankenkrise legt das Gegenteil nahe) kann sie den Sparkassenmännern nicht länger vertrauen. Sie liest Friedrich August von Hayek und stellt überrascht fest, dass die Anlagestrategien ihrer netten Bayern - also ihre eigenen - auf den Ideen eines der radikalsten und staatsfeindlichsten Ökonomen beruhen, die das Fach hervorgebracht hat. Sie schwenkt um, wendet sich vertrauensvoll an die Keynesianer.

Es ist das große Privileg von Journalisten, Menschen, von denen man etwas wissen möchte, einfach anrufen und sie treffen zu können. Für ihr Experiment hat Heike Faller deshalb nur bedingt eine Auszeit von ihrer eigentlichen Arbeit genommen. Ohne den Namen einer großen Zeitung im Hintergrund, hätte sie in ihren Erkundungen nie so weit vordringen können. Beständig erweitert sie ihr Feld, recherchiert am Kunstmarkt, geht mit einem Mathematiker in Baden-Baden im Casino Roulette spielen, begleitet Investmentbanker in London und - ihre abenteuerlichste und am Ende auch noch gewinnbringendste Investition - fährt in den Irak, um an einer Börse zu spekulieren, von der sie nicht einmal ahnte, dass es sie überhaupt gab.

Börsenkurven als Kommunikationsmittel

„Was würde George tun?“, ist die Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Gemeint ist George Soros, der Mann, der den Märkten Milliarden abgenommen hat und sie philanthropisch wieder ausgab. Ein Mann, den sie für seine geistige Unabhängigkeit bewundert. Als sie ihn gegen Ende des Spekulantenjahrs in New York zum Interview trifft und ihm die verbotene Frage stellt, nämlich die, was er davon halte, weiter „in Gold zu gehen“, wird sie vom Assistenten streng zurechtgewiesen: „George macht keine Anlageberatung!“ Täte er es, würden die Börsen verrückt spielen. Zurück in Berlin, beobachtet sie am folgenden Tag etwas Ungeheuerliches: Kurz nachdem New York aufgewacht ist, schießt der Goldpreis senkrecht nach oben - eine Kursbewegung, die sie noch nie gesehen hat, die nur sehr viele Käufer oder aber ein einziger, großer verursachen kann. Sofort glaubt sie an einen Wink von George, einen Insiderscherz, der ihr bedeuten soll, dass sie auf dem richtigen Weg sei. Die Börsenkurven als Kommunikationsmittel, lautet die schöne Schlusspointe.

Heike Faller hat ihr Ziel nicht erreicht, ihr Geld aber auch nicht verloren. Das ist, in dieser Zeit, keine schlechte Bilanz. Und jetzt ist da dieses wirklich großartige Dokument ihres Experiments. Hoffentlich wird sie damit reich.

Heike Faller: „Wie ich einmal versuchte, reich zu werden - Mein Jahr unter Spekulanten“. DVA, 232 Seiten, 19,95 Euro

Quelle: F.A.S.
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